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50 Jahre Kniefall von Warschau - "Viele waren beeindruckt"

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Willy Brandts Kniefall: ein Zeichen der Versöhnung zwischen Deutschland und Polen. Doch wie ist es heute? Manche sprechen von einer "leeren Geste", so Historiker Ruchniewicz.

Am 7. Dezember 1970 legte Willy Brandt als erster deutscher Nachkriegskanzler vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto einen Kranz nieder, verharrte eine halbe Minute im Kniefall. Eine weltweit viel beachtete Geste.

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ZDFheute: Wie kam die Geste von Willy Brandt 1970 in Polen an?

Krzysztof Ruchniewicz: Viele waren beeindruckt. Sie konnten es einfach nicht glauben. Manche haben den Kniefall zwar nicht bemerkt. Doch sie haben mitbekommen, dass etwas Wichtiges passiert ist. Also das war die unmittelbare Reaktion auf diese symbolische Geste.

Damals wurde ein anderes Foto verbreitet: Willy Brandt vor dem Grab des Unbekannten Soldaten. Und am Tag danach konnte man in der damals auflagestärksten Zeitung "Trybuna Ludu" einen Satz über die Kranzniederlegung lesen - aber nichts vom Kniefall.

ZDFheute: Wie kommt es, dass die Kommunisten das Bild nicht veröffentlichen wollten?

Ruchniewicz: Für die polnischen Kommunisten war es damals wichtig, dass es vor allem zur Unterzeichnung des Vertrages kommt, das heißt zur Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Und dann, als Folge dieses Vertrages, zur Aufnahme der diplomatischen Beziehungen.

Bundeskanzler Willy Brandt erkennt die polnische Nachkriegsgrenze an und bittet um Vergebung.

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Die Kommunisten waren von dieser Geste von Willy Brandt völlig überrascht. Sie waren selbstverständlich auch auf einmal gezwungen zu überlegen, was sie damit machen. Denn plötzlich waren sie mit einem ganz anderen Deutschland konfrontiert: Das Land, über das sie bisher nur Negatives gezeigt und geschrieben hatten, präsentierte sich von einer ganz anderen Seite. Die Erinnerung an die Opfer und diese Sühnebereitschaft waren praktisch beispiellos.

ZDFheute: Wirkt diese Geste heute noch nach?

Ruchniewicz: In Deutschland laufen seit mehreren Wochen die Vorbereitungen für das Jubiläum, die Zwei-Euro-Münze mit dem Kniefall von Willy Brandt wurde veröffentlicht und vor wenigen Tagen wurde von der Deutschen Post eine Briefmarke vorgestellt. In Polen ist das anders: Ähnliche Vorbereitungen sehe ich da nicht.

Heute (4.12.2020, Anm. d. Red.) hat sich sogar ein polnischer Politiker der Regierungspartei ganz dezidiert gegen die Geste ausgesprochen. Er hat es so weit gebracht zu sagen, dass es eine "leere Geste" war. Das war für ihn mehr oder weniger Augenwischerei. Ich bin sehr verwundert über diese Worte. Das zeigt aber auch, dass die Geste vielleicht bei einem Teil der Polen nicht richtig angekommen ist.

Es gibt immer noch Probleme mit der Interpretation dieser Geste und Schwierigkeiten beim Verständnis, was diese Geste für die deutsch-polnischen Beziehungen bedeutet hat.

Es war die Bitte um Vergebung: Bundeskanzler Willy Brandts Kniefall in Warschau, 1970. Die historische Geste jährt sich nun zum 50. Mal.

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ZDFheute: Wie sehen Sie die deutsch-polnischen Beziehungen heute?

Ruchniewicz: Es fällt schon auf, dass die Versöhnungsgeste von Willy Brandt heute für die polnische Regierung keine Rolle mehr spielt. Es werden ganz andere Schwerpunkte verfolgt. Gleichzeitig sehen wir auch, dass gerade von Seiten des Regierungslagers immer wieder sehr viele anti-deutsche Töne ausgesendet werden. Und das finde ich ein bisschen fragwürdig.

Das erinnert mich auch an diese alte Zeit von damals. Mit dieser anti-deutschen Stimmung musste damals auch der deutsche Bundeskanzler rechnen. Und obwohl seit dieser Zeit sehr viele Jahrzehnte vergangen sind, sind wir mehr oder weniger an derselben Stelle. Die Frage ist: Was machen wir damit? Wie gehen wir auch damit um? Das ist die Frage, die vor allem an die Vermittler zwischen Polen und Deutschland gerichtet wird.

Vielleicht müssen wir nach neuen Möglichkeiten suchen, um das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland wieder zu reparieren.

ZDFheute: Was erwarten Sie denn von der Europäischen Union in Sachen polnisches Veto zum EU-Haushalt?

Ruchniewicz: Ich könnte diese Frage ganz kurz beantworten, ich bin ein Historiker und kein Prophet. Aber auf der anderen Seite ist mir auch klar als Bürger, dass es keine gute Nachricht für Polen ist. Wenn wir tatsächlich dieses Veto einlegen, müssen wir mit den Konsequenzen in Europa rechnen.

Und wir befinden uns inmitten der Corona-Pandemie, wo auch sehr viele Polen arbeitslos werden, weil sie auf einmal ihre Arbeitsplätze verloren haben. Diese Hilfe ist dringend notwendig, auch für Polen. Deswegen kann ich die Gedankengänge der jetzigen Regierung nicht so richtig nachvollziehen.

Das Interview führte Natalie Steger, Leiterin des ZDF-Studios in Warschau.

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