Moral und Logistik: Wie der Winter den Krieg verändern wird

    Interview

    Moral, Logistik, westliche Hilfe:Wie der Winter den Krieg verändern wird

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    In der Ukraine wird es stetig kälter: Die Temperaturen fallen auf bis zu -20 Grad. Das hat auch Auswirkungen auf den Kriegsverlauf. Oberst Andreas Schreiber mit einer Einschätzung.

    Die Wetterverhältnisse in der Ukraine könnten den russischen Angriffskrieg stark verändern. Während in den vergangenen Wochen der Fokus auf Kämpfen in der Luft lag, kann sich das mit dem Einsetzen des Winters mit Temperaturen von bis zu -20 Grad ändern. Derzeit bestimmt der Schlamm, in dem schweres Gerät stecken bleiben kann, noch die Situation am Boden.
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    ZDFheute Live hat darüber mit Oberst Andreas Schreiber gesprochen, der die militärische Lage entlang der Front in der Ukraine analysiert hat. Das sagt Schreiber zu ...

    ... neuer Kriegsführung im Winter

    "Wir werden mit dem einsetzenden Winter eine andere Art der Operationsführung sehen als wir sie in den letzten fast zehn Monaten des Krieges gesehen haben", sagt Schreiber. Die Geländeverhältnisse seien günstig. Aktuell lägen die Temperaturen circa bei -5 Grad.
    Doch spätestens wenn der Dauerfrost komme, werde sich die Situation verändern. Radgetriebene Fahrzeuge würden dann wieder stärker im Kriegsgeschehen eingesetzt werden. Bodenbeschaffenheit und Gewässer hätten auf beiden Seiten erheblichen Einfluss auf die künftige Operationsführung.

    Energie, Lebensmittel und Waffen
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    FAQ
    Gerade im nördlichen Bereich der Front werde der Frost eine erhebliche Bedeutung haben. Wenn hier Mitte des Monats der Boden gefriert, werden neue Wege für die mechanisierte Kriegsführung entstehen, erklärt Oberst Schreiber. Doch das hat nicht nur positive Auswirkungen: Bei weiter fallenden Temperaturen bis zu -20 Grad werde es sowohl für die Menschen als auch die Geräte problematisch.

    Ich sehe die größten Möglichkeiten für diejenige Streitmacht, die am besten mit den kalten Temperaturen klar kommt.

    Andreas Schreiber, Oberst der Bundeswehr

    Ein Kriegspausen-Szenario hält Oberst Schreiber für unrealistisch. In der jetzt umkämpften Region in der Ukraine gebe es zwei Jahreszeiten, in denen mechanisierte Kriegsführung durchgeführt werden könne: im Sommer und im jetzt startenden Winter. Im Frühjahr und im Herbst seien die Russen häufig im Schlamm stecken geblieben.

    ... Kriegslogistik und Transportwegen

    Die Logistik sei in diesem Krieg ein entscheidender Faktor, sagt Oberst Schreiber. Je stärker ein Krieg mechanisiert durchgeführt werde, desto wichtiger sei die Logistik. Bei den Russen werde Material zunächst über Eisenbahnen transportiert und dann von den Bahnhöfen mithilfe von LKWs verteilt. Die Ukrainer hätten jedoch Systeme, die diese Logistik zerstören können, wodurch die Russen die Logistik sehr weit nach hinten verlegen müssten.
    Dazu komme, dass der Verbrauch im Krieg sehr hoch sei, was eine funktionierende Logistik wichtig macht. An der Front würden pro Tag bis zu 10.000 Tonnen Artillerie und Munition verbraucht. Für den Nachschub und den weiteren Verlauf im Krieg ist die Logistik damit äußerst entscheidend.

    ... der Bedeutung westlicher Hilfen im Winter

    "Die Ukraine ist ohne fortlaufende und permanente westliche Hilfe nicht überlebensfähig", bilanziert Schreiber. Es gehe um neue Waffensysteme aber auch um die Versorgung von Ersatzteilen. Die Geräte würden stark strapaziert werden, wodurch sie über kurz oder lang unbrauchbar würden.

    ... der Moral von Ukrainern und Russen

    "Was die Moral der beiden Kriegsparteien betrifft, hat sich wenig geändert", sagt Schreiber. Die Ukrainer hätten nach wie vor eine hohe Moral. Ihnen sei klar, worum es bei dem Krieg gehe: "das schlichte physische Überleben". Auf Seiten der Russen sehe das anders aus. Hier würden immer wieder starke Zweifel unter den Truppen festgestellt werden können. Wenige wüssten, was das eigentliche Ziel der von Putin genannten Spezialoperation sei.
    Auf beiden Seiten könne jedoch Kälte und mangelnde Hygiene zu einem Problem werden. Es werde die Truppe weniger von Krankheiten betroffen sein, die sich mit Unterkünften, Öfen und sauberer Wäsche mehr schützen könne.

    Die Beanspruchung von Mensch und Material ist ganz erheblich.

    Andreas Schreiber, Oberst der Bundeswehr

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