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Warum der Wirecard-Skandal brisant ist

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Minister vor den Ausschuss - Warum der Wirecard-Skandal brisant ist

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Die Abgeordneten laden die Minister Scholz und Altmaier vor. Sie sollen erklären, warum sie nicht früher in den Wirecard-Skandal eingriffen. Auch die Kanzlerin hängt mit drin.

Ein deutsches Unternehmen mit Erfolg auf dem internationalen Tech-Markt. Das war Wirecard. Dann kamen die mutmaßlich erfundenen Milliardengewinne. Wie konnte es soweit kommen?

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Es klingt alles wie eine Räuberpistole, die offenbar auch den Bundestagsabgeordneten zu viel wird. Der Finanzausschuss des Bundestages hat sich heute mitten in der Sommerpause auf eine Sondersitzung am 29. Juli verständigt. Dann soll ihnen Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) erklären, was er weiß – und warum er früher nichts machte.

Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) ist geladen. Diese Sondersitzung sei die "letzte Gelegenheit für die Regierung, alle Fakten in Sachen Wirecard auf den Tisch zu legen", sagte der finanzpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion Florian Toncar. Andernfalls drohe ein Untersuchungsausschuss.

Das sind die Puzzleteile eines Finanzskandals, die sich vor allem durch Recherchen von "Financial Times Deutschland", "Handelsblatt" und "Spiegel" zusammensetzen:

Das Wunderkind

Wirecard galt als Hoffnung auf dem Digitalmarkt. Als Dax-Konzern gehörte es zu den liquidesten börsennotierten Unternehmen in Deutschland. Wirecard verkaufte Softwarelösungen für digitale Bezahlsysteme.

Es schloss Verträge mit Händlern ab und garantierte für die Summe, bis die Zahlung online mit Kreditkarte oder mit dem Smartphone abgeschlossen war. Pro Bezahlvorgang verlangte Wirecard eine Gebühr. Tui und Aldi beispielsweise waren Kunden von Wirecard, mehr als 5.000 Mitarbeiter gab es.

Mittlerweile stellen sich viele Fragen auch zum Wirken der Bafin und des Bundesfinanzministeriums.

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Das Problem: Die Gebühr war nicht sehr hoch, das Unternehmen generierte keine großen Umsätze. Um Zahlungen auch im Ausland abwickeln zu können, kauften die beiden österreichischen Firmengründer, Markus Braun und Jan Marsalek, Betriebe im Ausland auf. Ein Netzwerk von Firmen entstand.

Zwischen diesen wurden Gelder mit erfundenen Einnahmen hin- und her gebucht – Luftbuchungen also. Plötzlich sah es so aus, als ob Wirecard hohe Umsätze generiert. Das Unternehmen wurde interessant für Investoren, die Aktie stieg.

Die Pseudo-Prüfungen

Seit Jahren gab es Gerüchte, dass bei Wirecard nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Von Geldwäsche war die Rede, vielleicht sogar Marktmanipulation. Mehrfach rückten Steuerfahnder an, konnten dem Unternehmen aber nichts nachweisen. 2005 bescheinigte ihm die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung, einen fehlerhaften Konzernabschluss, da eine Firmenübernahme nicht richtig bilanzierte worden war. Doch nichts passierte.

Die Aufsichtsbehörde der Prüfstelle ist die Bundesanstalt für Finanzdienstleistung (Bafin), die wiederum dem Bundesfinanzministerium untersteht. Die hatte 2017 die Bank von Wirecard geprüft: Da sei alles in Ordnung, einen weiteren Zugriff auf das Unternehmen habe man nicht. Auch eine Überprüfung auf Geldwäsche ergab 2019 nichts.

Das Kartenhaus fällt zusammen

Trotzdem war nicht alles in Ordnung: Im Herbst 2019 wollte ein japanischer Technologiekonzern einsteigen und verlangte eine Bilanzprüfung. Die Prüfungsgesellschaft KPMG stellt fest: Gelder, die angeblich von den Partnerfirmen erwirtschaftet wurden, liegen bei zwei Banken auf den Philippinen. Zusammen mit Prüfern der Firma EY flogen sie im März zu den Banken und ließen sich die Auszüge zeigen. Belege könne man wegen Corona leider nicht beibringen. Die Prüfer verlangten Testbuchungen – und dann flog alles auf: die angeblichen 1,9 Milliarden Euro auf den Konten gab es gar nicht.

"Die Finanzaufsicht muss besser aufgestellt sein", so Fabio De Masi (Die Linke), Stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion und Mitglied im Finanzausschuss. Es brauche einen Untersuchungsausschuss.

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Am 1. Juli durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Firmenzentrale im bayerischen Aschheim. Vorstandsvorsitzender Braun wurde verhaftet, kam aber auf Kaution wieder frei. Sein Vorstand Marsalek verschwand spurlos: Erst reiste er angeblich auf die Philippinen, was sich als falsch herausstellte. Dann hieß es, er sei über Klagenfurt, Tallinn, Minsk nach Moskau geflüchtet. Denn auch das sind Gerüchte: Marsalek habe Verbindungen zum russischen Geheimdienst. Ein Kreml-Sprecher sagte am Montag auf die Frage, ob Marsalek in Russland sei: "Nein, es ist nichts bekannt."

Der politische Sprengstoff

Finanzminister Scholz wusste seit Februar 2019, dass bei Wirecard nicht alles rund läuft. Er sagte im ZDF: Seit Frühjahr 2019 habe es deswegen verschärfte Kontrollen von drei Wirtschaftsprüfungsfirmen gegeben. "Weil wir zu denen zählen, die sich nicht wegducken, haben wir alles auf den Tisch gelegt", sagte Scholz im ZDF. "Jeder muss in dieser Situation die Bereitschaft haben, alles aufzuklären, was notwendig ist."

Sehen Sie hier das Interview mit Bundesfinanzminister Scholz in voller Länge.

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Auch Kanzlerin Angela Merkel hängt mit drin: Noch im vorigen Herbst machte sie sich bei einem Staatsbesuch in China für Wirecard und deren dortigen Markteintritt stark. "Die Bundeskanzlerin hat das Unternehmen angesprochen", sagte heute eine Regierungssprecherin.

Die Aktie von Wirecard liegt derzeigt bei etwa 1, 52 Euro. Zehntausend Anleger wollen auf Schadensersatz klagen. Und Filmproduzent Nico Hofmann will die Pleite verfilmen.

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