Katar: Wird die WM in Deutschland boykottiert?

    FIFA-WM in Katar:WM-Boykott? Ein bisschen vielleicht

    von Christian Thomann-Busse
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    Sport ist gesund. Also für Aktive. Und Sport macht sogar auf dem Sofa Spaß. Erst recht eine Fußball-WM. Aber auch dieses Jahr - oder kommt der flächendeckende Boykott?

    Fußballspiel der Nationalmannschaft auf einem Fernseher.
    Auf der Couch mitfiebern oder nicht? Bei der WM in Katar scheiden sich die Geister.
    Quelle: picture alliance / Geisler-Fotopress

    Kommenden Mittwoch wäre es eigentlich wieder so weit: Dann müsste Deutschland bei seinem WM-Auftakt gegen Japan Millionen von Bundestrainern und Fußball-Experten haben. Aber wird es so kommen, wie wir es zu solchen sportlichen Großevents gewohnt sind? Aufrufe zum Boykott der WM in Katar gab es bislang reichlich - in den Fankurven bei Bundesligaspielen, in sozialen Netzwerken, im Freundeskreis.
    Boykott-Aufruf gegen die umstrittene WM in Katar
    Auch beim Bundesliga-Spiel zwischen Gladbach und Mainz rufen Fans zum Boykott der WM in Katar auf.
    Quelle: dpa

    Wären wir heute im Jahr 2006 oder 2014, hätte uns ein Blick auf die Verkaufszahlen von Fernsehern einen guten Hinweis geben können, wie enthusiastisch sich die Bevölkerung auf die WM vorbereitet: Damals hatte es im Vorfeld der WM jeweils deutliche Zuwächse beim Fernseher-Kauf gegeben.
    136 Prozent bei LCD und 82 Prozent bei Plasma im Jahr 2006, 41 Prozent mehr bei Flachbildschirmen im Jahr 2014 - in einem damals schon gut gesättigten Markt. Mittlerweile macht es kaum Sinn mehr, die Zahlen auszuwerten - der Bedarf an hochwertigen TV-Geräten ist mehr als gedeckt. [Während in Deutschland kritisch auf die Menschenrechtslage in Katar geschaut wird, sind die Menschen in Brasilien voller Vorfreude.]

    Wie kann man WM-Enthusiasmus messen?

    Da ist der Blick in einen Wachstumsmarkt unter Umständen schon lohnender: Tippspiele. Auch da hat die Digitalisierung nämlich längst zugeschlagen: Tippzettel für Freunde und Familie auf Papier designen, das war gestern. Heute tippt man die Bundesliga natürlich per App - in kleiner oder ganz großer Runde. So wie beim derzeit größten Anbieter kicktipp. 2,1 Millionen Tipper hatte das Portal im Oktober für die Bundesliga. Großereignisse wie EM und WM liegen deutlich darüber.
    So zeigen die Teilnehmerzahlen bei den vergangenen Europameisterschaften bei kicktipp klar nach oben: 2012 waren es 1,5 Millionen Tipper, 2016 3,3 Millionen und 2021 3,7 Millionen. Ganz ähnlich auch die Entwicklung bei den letzten Weltmeisterschaften: 2,6 Millionen 2014 und "unfassbar viele 5,1 Millionen bei der letzten WM 2018", sagt kicktipp-Gründer Janning Vygen.
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    Kicktipp-Gründer geht von weniger Tippern als 2018 aus

    Und aufgrund von mehr als 20 Jahren Erfahrung damit, wie Tippgruppen (kleine private und große von Unternehmenskunden) registriert werden, wagt Vygen auch eine Prognose, wie viele Tipper zu dieser WM dabei sein werden: "Ich gehe von rund 3,5 Millionen Nutzern aus."
    Immer noch eine große Zahl - allerdings mehr als 30 Prozent unter der von 2018. Ein klares Signal dafür, dass mindestens 30 Prozent der Fußballfans in Deutschland die WM in Katar boykottieren?
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    Ganz so einfach ist die Rechnung dann eher nicht. Vygen meint zwar: "Der Boykott-Aufruf trifft uns. Das finden wir schade, aber verständlich." Er sagt aber auch: "Eine Fußball-WM ist normalerweise auch eine Sommerveranstaltung. Vielleicht passt bei manchen die Jahreszeit einfach nicht, um sich dafür zu begeistern." Klar: Kurz vor Weihnachten haben die Menschen auch noch anderes als Fußball im Kopf - und dann sind da ja auch noch Krieg und Klimakrise.

    Tipper sehen Deutschland als Weltmeister 2022

    Und überhaupt: 30 Prozent weniger prognostizierte Tipper - das ist ja nicht nichts, sondern 3,5 Millionen Fans. Die übrigens schon jetzt eine ziemlich klare Vorstellung davon haben, wie die WM ausgeht: "Knapp 35 Prozent unserer Tipper sehen aktuell Deutschland als Weltmeister 2022", sagt Vygen.
    Es folgen Brasilien (rund 18 Prozent), Frankreich (rund 16 Prozent), Argentinien (rund 12 Prozent) und England (rund 5 Prozent). Die meisten Tore trauen die Tipper von kicktipp gerade übrigens Frankreich zu (44 Prozent). Was natürlich nicht heißt, dass das alles auch so kommen muss. Wie immer beim Tippen.

    Großer WM-Boykott wohl eher unwahrscheinlich

    Aber was braucht es eigentlich, um am Ende der Beste in der Tippgruppe zu sein? "Bei Bundesligatipps ist man mit einer Trefferquote von 50 Prozent schon gut dabei", sagt Janning Vygen. "Bei einer WM braucht man mindestens 60 Prozent, um oben mitzuschwimmen." Grund: das häufig große Leistungsgefälle zwischen Turniermannschaften und somit klarere Prognosemöglichkeiten gerade in der Vorrunde.
    Mit null Punkten aus einer Tipprunde rauszugehen ist, so Vygen, übrigens auch eine stramme Leistung: "Das schafft man kaum, und dafür kann man sich durchaus auch auf die Schulter klopfen." Wenn man denn mitmacht. Und wie es aussieht, ist Deutschland von einem kompletten WM-Boykott weit entfernt.
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