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Interview

Virologe empfiehlt 2G-Regelung - Dittmer: Volle Stadien "nicht ohne Risiko"

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Die Fußball-Bundesliga kehrt annähernd zum Normalbetrieb zurück. Virologe Ulf Dittmer findet: Die Öffnung kommt unter den aktuellen Bedingungen zu früh.

Archiv: Fans auf der Südtribüne im Signal Iduna Park in Dortmund am 19.10.2019
Die "Gelbe Wand" im Signal-Iduna-Park könnte am Wochenende schon wieder an Vor-Corona-Zeiten erinnern (Archivbild).
Quelle: Imago

67.000 Zuschauer in Dortmund, 45.000 in Mönchengladbach und 40.000 in Frankfurt: Die Fußball-Bundesliga wird sich am kommenden Wochenende fast so anfühlen wie in Vor-Corona-Zeiten - auch wenn für den Einlass Regeln gelten. Virologe Ulf Dittmer sagt im ZDF-Interview, ihm gehe das etwas zu schnell.

ZDFheute: Was halten Sie aus Sicht eines Mediziners von der teils kompletten Wiederöffnung der Fußballstadien für Zuschauer?

Prof. Ulf Dittmer: Das ist aus meiner Sicht zu früh und nicht ohne Risiko, aber es kommt auf die Bedingungen an, unter welchen Voraussetzungen man die Fans ins Stadion lässt.

Prof. Dr. Ulf Dittmer
Prof. Dr. Ulf Dittmer, Leiter des Instituts für Virologie am Uniklinikum Essen.
Quelle: Uniklinikum Essen

ZDFheute: Manche Vereine wenden die 2-G-Regel an - also nur geimpfte oder genesen Fans dürfen ins Stadion -, andere 3G - da reicht auch ein negativer Coronatest. Außerdem gibt es noch 3G+, dabei darf ein kleiner Anteil der Zuschauer mit einem aktuellen PCR-Test zum Spiel. Was wäre denn besser?

In Berlin gilt seit einer Woche das 2G-Optionsmodell. Gastronomen können selbst entscheiden, ob bei ihnen 2G oder 3G gilt. Für einige ist diese Wahl existenzentscheidend: Mit Abstandsregelungen blieben die Hälfte ihrer Restaurants und Cafés leer.

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Dittmer: Ganz klar 2G. Es ist wissenschaftlich inzwischen eindeutig bewiesen, dass geimpfte Personen ein weitaus geringes Risiko haben, sich anzustecken beziehungsweise das Virus weiterzugeben. Ja, es gibt gelegentlich Impfdurchbrüche, doch auch meine Erfahrung am Uniklinikum Essen zeigt, dass fast nur ungeimpfte Personen schwere Verläufe nach einer Ansteckung mit Covid-19 haben.

Von daher besagt ein negativer Test nicht viel, er ist kein Eigenschutz und man kann sich schon eine Minute, nachdem man das Testergebnis hat und sich vermeintlich in Sicherheit wiegt, anstecken.
Ulf Dittmer

ZDFheute: Wo sehen Sie die größten Risiken einer Infektion? Im Stadion, bei der Anreise oder an der vollen Bierbude in der Halbzeit?

Dittmer: Überall da, wo Menschen eng zusammenkommen, kann es natürlich zu einer Infektion kommen. Bei einem vollen oder gut gefüllten Fußballstadion trifft das auf alle von ihnen genannten Bereiche zu. Wenn die Fans singen oder sich nach einem Tor in den Armen liegen, sind sie sich eben näher als sonst im Alltag. Da kann es auch unter freiem Himmel zu Ansteckungen kommen.

Dasselbe gilt für die Anfahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln oder beim Weg zur Bier- oder der Bratwurst-Bude. Wir haben es im Februar 2020 beim Champions-League-Spiel zwischen Atalanta Bergamo gegen Valencia gesehen, das ein sogenanntes Superspreader-Event war, und in diesem Jahr bei der EM 2020 erlebt, dass sich viele Menschen sowohl im Stadion als auch beim Public Viewing in Pubs infiziert haben, von daher ist ein Ansteckungsrisiko immer gegeben.

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ZDFheute: Wäre eine schrittweise Erhöhung der Kapazität der bessere Weg gewesen oder sind derlei Einschränkungen den Fußballfans schlichtweg nicht mehr vermittellbar?

Dittmer: Natürlich wäre das besser gewesen, um erstens mehr Abstand auf den Rängen selbst gewährleisten zu können und vor allem mehr Zeit bei den Einlasskontrollen zu haben. Nach der ersten Öffnung für Zuschauer, als bis zu einem Drittel der Kapazität erlaubt war, hätte ich als nächsten Schritt halb und danach vielleicht zu zwei Dritteln gefüllte Stadien besser gefunden. Aber der Druck auf den Profifußball ist groß, es geht ja auch um wirtschaftliche Interessen und da zählen nun einmal auch die Zuschauereinnahmen.

ZDFheute: Und wer soll den Impf- oder Genesenenstatus kontrollieren, wenn zum Beispiel in Dortmund fast 70.000 Leute auf einmal kommen?

Dittmer: Das ist tatsächlich schwierig. Die Vereine rufen natürlich zur frühen Anreise auf, um mehr Zeit für die Kontrollen zu haben. Aber ob sich jeder daranhalten wird, ist eine andere Frage. Ich komme ursprünglich aus Bremen und bin Werder-Fan. Zum Nordderby Werder gegen den HSV waren im Weserstadion 35.000 Zuschauer zugelassen, da hat das ganz gut geklappt - auch weil die Leute sehr diszipliniert waren.

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ZDFheute: Warum gibt es noch unterschiedliche Coronaschutzverordnungen in den einzelnen Bundesländern?

Dittmer: Das ist Sache der Politik beziehungsweise der Gesundheitsbehörden vor Ort. Wir als Mediziner können nur Empfehlungen aussprechen. Hier in NRW hat die Landesregierung ganz klar gesagt: Das dritte G wird nicht fallen, die Menschen, die sich testen lassen, nicht von gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen. Ich kann aus meiner Sicht nur dagegenhalten: Diejenigen, die nicht geimpft sind, begeben sich in Menschenmengen in größte Gefahr.

Das Interview führte Heiko Buschmann.

So handhaben es die Klubs am kommenden Wochenende:

Partie - 2G/3G - zugelassen - Kapazität

  • Hoffenheim - Köln: 3G / 15.075 / 30.150
  • Union - Wolfsburg: 3G / 18.000 / 21.717
  • Freiburg - Leipzig: 3G / 20.000 / 34.700
  • Frankfurt - Hertha: 2G / 40.000 / 50.000 (SGE bezuschusst notwendigen PCR-Test aller Fans im Alter von sieben bis 18 Jahren sowie aller nicht impffähigen Anhänger mit 50 Euro) 
  • Dortmund - Mainz: 2G / 67.028 / 81.365 (2G: Ausnahmen für Kinder und Jugendliche sowie andere Gruppen wie zum Beispiel Schwangere)
  • Gr. Fürth - Bochum: 3G+ / 16.626 / 16.626
  • Gladbach - Stuttgart: 3G / 45.941 / 54.022
  • Leverkusen - FC Bayern: 2G / 27.960 / 30.210
  • Augsburg - Bielefeld: 3G / 17.500 / 30.660
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