DFB verpasst Chance: Flick wäre idealer Bierhoff-Nachfolger

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    DFB verpasst Chance:Flick wäre der ideale Bierhoff-Nachfolger

    von Boris Büchler
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    Nach dem WM-Debakel und dem Bierhoff-Aus hätte der DFB weitsichtiger agieren sollen - mit Flick als Bierhoff-Nachfolger und einem neuen Impulsgeber wie Thomas Tuchel als Trainer.

    Kommentar: Boris Büchler - Bernd Neuendorf
    ZDF-Fußballreporter Boris Büchler kommentiert die personellen (Nicht-)Entscheidungen von DFB-Präsident Neuendorf nach WM-Debakel und Bierhoff-Aus.
    Quelle: ZDF/dpa

    Dass Hansi Flick weitermacht, ist richtig. Aber nicht als Bundestrainer. Auf dieser Position hätte es einen neuen Impuls gebraucht. Wenn ein international hoch anerkannter Fachmann wie Thomas Tuchel (noch!) auf dem Markt ist, hätte der DFB sich zumindest über diese Personalie ernsthafter Gedanken machen müssen. Doch das verhinderte eine einfache Konstellation: Hans-Joachim Watzke, der neue machtvolle Strippenzieher im deutschen Fußball, hat 2017 mit Tuchel gebrochen. Beide haben seit BVB-Tagen ein zerrüttetes Verhältnis, was nicht mehr zu kitten ist.
    Deswegen war es von vorneherein ausgeschlossen, dass Präsident Bernd Neuendorf dieses Szenario der DFB-Spitze vorschlägt. Denn DFB-Vize Watzke hätte diese Idee schon im Ansatz verhindert, solange er beim DFB und der DFL etwas zu sagen hat. Und er hat momentan viel zu sagen. Und tut dies auch.
    Da Watzke mittlerweile Neuendorfs wichtigster und erster Ratgeber in Personal- und Zukunftsfragen ist, ging Neuendorf vermutlich bewusst einer Konfrontation mit dem machtbewussten Watzke aus dem Weg. Im Nachhinein eine selbstgebaute Falle.

    Tuchel als Trainer, Flick als Sportdirektor

    Dass der DFB Thomas Tuchel nicht einmal kontaktiert hat, und das ist nach meinen Informationen der Fall gewesen, ist fahrlässig. Denn mit einer Inthronisierung eines renommierten Projektarbeiters wie Tuchel, der zwar als unbequem gilt, aber mit modernsten Methoden arbeitet, wäre auch der (zu) starke Bayern-Block im Team kritischer hinterfragt worden, und vor allem: Der DFB wäre schnell und auf einen Schlag einige Probleme losgeworden.
    Tuchel hätte einen befristeten Vertrag bekommen können, was ihm entgegenkommt, weil er sicher nicht ewig bei einem Verband arbeiten möchte. Und man könnte gleichzeitig weiterhin die Expertise, Kompetenz und Erfahrung von Hansi Flick nutzen, der dann frei geworden wäre für den nach dem Bierhoff-Aus vakanten Posten des neuen DFB-Akademieleiters samt Verantwortung für die Nationalmannschaft.
    Würde man Flick dann mit zwei, drei jungen Mitarbeitern wie Per Mertesacker, Thomas Hitzlsperger, Lars Ricken etc. unterstützen, die mit frischen Ideen fehlende Dynamik in die Verbandsarbeit bringen würden, dann wäre der DFB auf diesen Positionen für die Zukunft gut aufgestellt und kompetent besetzt.
    Nach dem "Projekt Tuchel" könnte man dann nach der EM 2024 oder WM 2026 Jürgen Klopp locken.

    Der Trainer und die große Bühne

    Hansi Flick ist ein empathischer Mensch, ein Top-Trainer sowieso. Er mag aber das Licht der Öffentlichkeit nicht, kann seine Außendarstellung nicht so lenken, wie er gerne würde, fühlt sich bei Pressekonferenzen, Interviews sichtlich unwohl, macht sie nur, weil es zu seinem Jobprofil gehört.
    Als neuer sportlicher Boss in Frankfurt müsste er nur selten öffentlich auftreten, könnte sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Und die große Bühne bei einem Weltturnier war - in vielerlei Hinsicht - eine Nummer zu groß für diesen zweifellos herausragenden Coach.
    Doch bei einer Heim-EM benötigt der deutsche Fußball nicht nur einen exzellenten Trainer, sondern auch einen Öffentlichkeitsarbeiter, der dieser seltsam gehemmt wirkenden Mannschaft emotionalen Input gibt, der Charisma, Feuer und Energie versprüht. Eben einen wie Klopp oder Tuchel. Da der Liverpool-Coach nicht zu haben war, was Watzke garantiert nach der WM noch einmal versucht hat auszuloten, wäre meine erste Wahl Tuchel gewesen. Der hätte, wie der bis heute verkannte Jürgen Klinsmann 2004, alles hinterfragt und auf den Kopf gestellt.

    Dem DFB fehlte der Mut

    So hätte man aus einer sportlich fundamentalen Krise zumindest eine (neu-) geordnete Krise mit Aufbruchsstimmung machen können.
    Doch Hansi Flick will es sich und allen 2024 beweisen, wollte so nicht abtreten. Und dem DFB fehlte der Mut an einen kompromisslosen Top-Trainer wie Tuchel ranzugehen, auch weil der bestens vernetzte und omnipräsente Watzke aufgrund seiner Ämter diese Personalie nicht mitgetragen hätte. Und da Neuendorf seinen "neuen" ersten Ansprechpartner nicht vergraulen will, sucht man jetzt verzweifelt einen oder zwei Bierhoff-Nachfolger. Und das mit zwei aufgeblähten Arbeitsgruppen: eine interne DFB-Crew ohne Impulse von außen und ein externer Expertenrat, dessen zweifellos hochqualifizierten Mitglieder in der Zeit der Bananenflanken aktiv waren.

    Der nächste Fehlschuss im deutschen Fußball

    Da meines Erachtens ein Bierhoff-Nachfolger aktuell weit und breit nicht zu finden oder unter Vertrag ist, wäre es ein weitsichtiger Schachzug gewesen, Flick zu befördern und zum Chef der DFB-Akademie und der Nationalmannschaft zu machen. Damit wären einige akute Probleme behoben und man könnte sich ab Januar sofort auf das Großprojekt EURO 24 konzentrieren.
    Doch so wurde wieder eine Chance vertan. Nach den 66 deutschen Fehlschüssen in der Vorrunde nun der nächste Fehlschuss. Dabei wäre es so einfach und naheliegend gewesen, diesen zu verwandeln. Mit Tuchel als Cheftrainer auf der Bank und Flick als Big Boss auf dem DFB-Campus.
    Fußball-Bundestrainer Hansi Flick bleibt trotz der WM-Pleite in Katar im Amt. Für Manager Oliver Bierhoff braucht der DFB nach dessen Rücktritt aber einen Nachfolger.08.12.2022 | 1:17 min
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