Frauenfußball-Bundesliga: Gas geben oder Bremse drücken?

    Restart der Frauen-Bundesliga:Gas geben oder Bremse drücken?

    von Frank Hellmann
    02.02.2023 | 21:12
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    Die Frauen-Bundesliga freut sich über einen Rekordzuspruch. Doch die Dominanz der Top-Klubs VfL Wolfsburg und FC Bayern könnte zur Gefahr werden.

    Trainer Tommy Stroot von Wolfsburg dirigiert seine Spielerinnen
    Tommy Stroot bremst die Euphorie, alle Spiele gewinnen zu können
    Quelle: imago

    Gefühlt steht Tommy Stroot seit einiger Zeit kräftig auf der Bremse. Als wolle der Trainer der Fußballerinnen des VfL Wolfsburg auf einer Teststrecke des Autokonzerns das Anhalten mit einem flotten Fahrzeugmodell erproben. Immer wieder erreicht den Coach des Werksvereins vor dem Restart des Spielbetriebs der Frauen-Bundesliga ja die Frage, ob erstmals eine Saison mit 22 Siegen möglich wäre.

    Stroot mag keine Zahlenspielchen

    Stroot mag solche Gedankenspiele nicht.

    Grundsätzlich erscheint es total unrealistisch, eine komplette Saison ohne Punktverlust bleiben zu können, irgendwann werden auch mal Rückschläge kommen. Mal sehen, wie weit wir diesen Zeitpunkt noch nach hinten verschieben können.

    Tommy Stroot, Trainer VfL Wolfsburg Frauen

    Das sagt der 34-jährige Stroot, der daran erinnert, dass vor einem Jahr noch über die Wachablösung debattiert worden war.
    Doch das erfolgshungrige Ensemble um Nationalmannschaftskapitänin Alexandra Popp hat 2022 in Liga und Pokal alle 26 Spiele gewonnen. Die Dominanz des Titelverteidigers und Tabellenführers (30 Punkte) vor dem FC Bayern (25) und Eintracht Frankfurt (23) wirkt so erdrückend, dass Frankfurts Vorstandssprecher Axel Hellmann, der interimsmäßig auch der Deutschen Fußball-Liga (DFL) vorsteht, schon unkte, die Wolfsburger Übermacht sei "nicht gut für das Sport-Produkt Frauenfußball".
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    Stroot war not amused

    Die Bemerkung kam bei Stroot gar nicht gut an. "Irgendwann kommt die Diskussion, der deutsche Frauenfußball sei nicht mehr gut genug im internationalen Vergleich. Wir sollten nicht oben weiter sparen und die Latte anders legen, sondern von unten nachschieben." In den letzten zehn Jahren wurde siebenmal Wolfsburg und dreimal Bayern deutscher Meister. Im Pokal schnappten sich die "Wölfinnen" sogar achtmal hintereinander die Trophäe.
    Dahinter klafft eine Lücke, auch was die internationale Wettbewerbsfähigkeit angeht. Wolfsburg und München stehen im Viertelfinale der Women’s Champions League (Auslosung am 10. Februar), während Frankfurt bereits in der Qualifikation strauchelte obwohl für die Eintracht mit Laura Freigang, Sjoeke Nüsken, Sophia Kleinherne und Nicole Anyomi auch vielversprechende deutsche Nationalspielerinnen antreten.

    International steigen die Gehälter rasant

    Doch Wolfsburg und Bayern können sportlich und wirtschaftlich die besten Perspektiven bieten: Als nächste wechselt Chantal Hagel (TSG Hoffenheim) im Sommer ablösefrei an den Mittellandkanal. Die Topklubs rüsten ihre Kader für die gestiegene Belastung auf, müssen zudem immer höhere Gehälter zahlen, um auf Augenhöhe mit dem FC Chelsea, FC Barcelona, Olympique Lyon oder Paris St. Germain zu bleiben.
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    Die verstärkte Konzentration in der Bundesliga auf zwei Topvereine in Deutschland kann durchaus als Gefahr angesehen werden, in der viele Spielerinnen immer noch nicht durchgängig professionelle Bedingungen vorfinden. Die Frauen-Abteilungen sind für alle Lizenzvereine weiterhin ein Zuschussgeschäft, für das im Schnitt ein siebenstelliger Betrag investiert werden muss. Daher ist der von den DFB-Frauen durch die EM in England angestoßene Hype wichtig, um die Vermarktung zu verbessern. Das Interesse steigt: Statt wie früher nicht mal jeder dritte, interessiert sich nun angeblich fast jeder zweite Deutsche für den Frauenfußball.

    Zuschauerzahlen erreichen Bestmarken

    Vereine und Verband haben mit Highlight-Spielen einige geschickte Doppelpässe gespielt, in Frankfurt, Wolfsburg und Bremen kamen jeweils mehr als 20.000 Zuschauer, aber auch in der Breite hat sich der Zuspruch deutlich erhöht: 183.477 Besucher an den ersten zehn Spieltagen (im Schnitt 3.058) sind schon jetzt ein Bestwert. Zum Vergleich: 2013/14 waren es nach 22 Runden insgesamt 173.438 Fans. Die Resonanz hat sich also fast verdreifacht.
    Auch Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist über den als Vizeeuropameister angestoßenen Effekt natürlich erfreut:

    Das Schönste ist, dass diese EM nachwirkt - mehr Zuschauer in der Frauen-Bundesliga und Women’s Champions League - die tolle Kulisse bei unserem Länderspiel in Dresden.

    Martina Voss-Tecklenburg, Frauenfußball-Bundestrainerin

    "Vor allem die zahlreichen Neuanmeldungen von Mädchen und Jungen in Amateurvereinen“ seien erfreulich, so die Bundestrainerin. Inzwischen haben viele Lizenzvereine erkannt, dass die professionelle Förderung von Männern wie Frauen unter einem Dach ein gesellschaftlicher Auftrag ist.

    Durch das sprunghaft gestiegene Interesse am Frauenfußball in Deutschland hat der DFB eine Studie in Auftrag gegeben, wie das kommerzielle Wachstum in den nächsten zehn Jahren aussehen könnte. Die Prognosen in der Untersuchung sind prächtig. Demnach könnte es 2031/32 dann eine Liga mit 16 Lizenzvereinen gegeben, die im Schnitt vor 7.500 Zuschauern spielen und 130 Millionen Euro in einer Saison umsetzen. Im besten Fall gibt es dann auch 500.000 aktive Spielerinnen (statt aktuell 186.000) in Deutschland.

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