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Bundesliga-Skandal vor 50 Jahren - Sprengsatz auf dem Tonband

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Ein Bestechungsskandal hat vor 50 Jahren die Bundesliga erschüttert. OFC-Präsident Canellas hatte Schmiergeld-Gespräche mitgeschnitten und fühlte sich dann selbst als Betrogener.

Archiv: Der Präsident der Offenbacher Kickers, Gregorio Canellas (m), und der Tontechniker Werner Hix (vorne r) spielen bei einer Pressekonferenz in Offenbach am 6.6.1971 ein Tonband ab, das einen Betrug in der Fussball-Bundesliga aufdeckt und die Liga in den bis dato größten Skandal ihrer Geschichte führt.
Archiv: Der damalige Präsident der Offenbacher Kickers, Horst-Gregorio Canellas (m), brachte vor 50 Jahren mit einer Tonbandaufnahme den Bundeliga-Skandal ans Tageslicht.
Quelle: dpa

Lange bevor der Begriff "Whistleblower" hierzulande bekannt wurde, kam es in einem Garten der hessischen Kleinstadt Obertshausen zu einer Enthüllung, die wie eine Bombe in die bis dahin scheinbar heile Welt der Fußball-Bundesliga einschlug. Träger der geheimen Informationen war keine Festplatte oder Cloud, sondern ein schnödes Magnetband, abgespielt auf einem Tonbandgerät der Marke Magnetophon 204 TS von Telefunken, Baujahr 1968, Originalpreis 718 Mark - heute zu besichtigen im Deutschen Fußball-Museum. 

Knopfdruck um Punkt zwölf

Als Horst-Gregorio Canellas, Südfrüchtehändler und Präsident von Kickers Offenbach, das Tonband kurz vor zwölf Uhr an diesem 6. Juni 1971 auf den Tisch stellte, dachte der anwesende Bundestrainer Helmut Schön zunächst an ein Geburtstagsgeschenk. Schön war wie die meisten Gäste nichtsahnend auf der Gartenparty zu Canellas 50-igsten Geburtstag erschienen. Und sollte sie kurz nach zwölf zügig verlassen.

Eingeweiht war dagegen Bild-Reporter Werner Bremser. "Canellas bat uns an einen Tisch mit einem Tonbandgerät und sagte: 'Wir sind durch Betrug abgestiegen. Ich werde das beweisen.' Er drückte auf 'Start'.", schrieb Bremser. "Wir hörten vom Band die Stimmen der Spieler Manglitz (Köln), Patzke und Wild (beide Hertha). Sie forderten am Telefon von Canellas Geld für Sieg beziehungsweies Niederlage gegen Offenbach." Die ersten Tropfen des Sumpfes, der unter dem Namen Bundesliga-Skandal in die Geschichte eingehen sollte, waren freigelegt.

Zwei Geldkoffer in Berlin

Am Tag zuvor hatte der Offenbacher Vizepräsident Waldemar Klein mit einem Diplomatenkoffer auf der Tribüne des Berliner Olympiastadions gesessen. Darin lagen 140.000 Mark, die anschließend an die Berliner Spieler für einen Sieg über Offenbachs Abstiegskonkurrenten Arminia Bielefeld verteilt werden sollte. Zu wenig, wie Klein nach dem Schlusspfiff feststellte. In einem Berliner Hotel warteten zur gleichen Zeit zwei Abgesandte von Arminia Bielefeld mit über 200. 000 Mark. Bielefeld gewann in Berlin 1:0 und Offenbach war abgestiegen.

Noch mehr als der Abstieg enttäuschte Canellas später das Urteil des DFB-Sportgerichts, das ihn lebenslang für alle Fußball-Ämter sperrte, auch wenn er nach fünf Jahren begnadigt wurde. Nach seinen Angaben hatte er nur zum Schein mit den betreffenden Spielern verhandelt, um die Manipulationen in der Endphase der Saison aufzudecken. Außerdem habe er einige DFB-Vertreter schon vor dem letzten Spieltag eingeweiht und sich von ihnen auch das Ausloben einer Siegprämie für die Berliner absegnen lassen.

Sportmoderator Harry Valerien moderiert am 26.10.1971 die ZDF-Sondersendung zum Bundesliga-Skandal.

Beitragslänge:
41 min
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Offenes Geheimnis

Laut zahlreicher Aussagen war es zumindest in Kreisen von Spielern und Vereinsfunktionären ein weitgehend offenes Geheimnis, dass in der Endphase der Saison 1970/71 die für den Abstieg relevanten Spiele reihenweise manipuliert wurden.

Kölns Torwart Manfred Manglitz erinnert sich Jahrzehnte später:

Man brauchte eigentlich nur ganz normal spielen - von irgendwem kam das Geld. Entweder Siegprämie oder man hat verloren.
Kölns Torwart Manfred Manglitz

"Es wurde noch viel mehr geschoben. Längst ist nicht alles ans Tageslicht gekommen", sagte Canellas, der nach der Gartenparty weiter ermittelte, laut "Kölnische Rundschau" vor seinem Tod 1999. "Ich kenne noch mehr Beteiligte, aber ich bin zu müde, um alles noch einmal neu aufzurollen."

Offene Fragen oder vollständige Aufklärung?

DFB-Chefankläger Hans Kindermann hatte derweil 1973 den Skandal als für "zu fast 100 Prozent aufgeklärt" bezeichnet. Der ehemalige Landgerichtspräsident gilt als derjenige, der durch "Sisyphusarbeit", wie er selbst sagt, den Sumpf trockenlegte. Schon zur Heim-WM 1974 erstrahlte der deutsche Fußball wieder in fast ungetrübtem Licht.

 "Ohne Hans Kindermann würde es die Bundesliga heute nicht mehr geben", sagte der ehemalige DFB-Präsident Egidius Braun. Wo sie ohne die Enthüllung von Horst-Gregorio Canellas stehen würde, steht auf einem anderen Blatt. Mit dem Magnetophon 204 TS hat der Deutsche Fußball auch seinen größten Skandal  ins Museum gestellt.

Bundesliga 1971: 34. Spieltag im aktuellen sportstudio

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67 min
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