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Fußball in Corona-Zeiten - Groundhopping im Rollstuhl

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Stadiongänger sitzen im Moment auf dem Trockenen - besonders hart ist das für Groundhopper wie Niklas Funke, der normalerweise jedes Wochenende irgendwo in Europa Fußball guckt.

Niklas Funke in Eschen-Mauren/Liechtenstein
Niklas Funke in Eschen-Mauren/Liechtenstein
Quelle: ZDF/Lorenzen

"Mit dem Fußball fällt ein großer Teil des Lebens im Moment weg", sagt der 24-jährige Niklas Funke im Gespräch mit ZDFsport. Damit geht es ihm wie vielen Fußballfans, die ihr Alltagsleben auf den Bundesliga-Spielplan ausgerichtet hatten.

169 Plätze in vier Jahren

Bei Funke ist der Schnitt noch etwas härter. Er besucht normalerweise nicht nur 99 Prozent aller Spiele seines Herzensklubs Werder Bremen – er nutzt auch jede freie Minute, um zu anderen Fußball-Plätzen in Europa zu reisen.

328 Spiele, 169 Stadien, 994 Tore in 14 Ländern – das ist die Bilanz des Groundhoppers seit 2016. Erreicht hat er sie unter erschwerten Bedingungen: seit einem Unfall vor vier Jahren ist Funke auf einen Rollstuhl angewiesen.

Lern-Ort Kurve

"Mich interessiert am meisten, was in den Kurven passiert", sagt er. Aber auch zu erfahren, wie die Menschen in den Kneipen, Restaurants und Straßen den Fußball leben, bedeutet ihm viel.

Wer etwas über eine Gesellschaft lernen will, muss zum Fußball gehen
Niklas Funke

Am Wochenende setzt sich Funke mit ein paar Kumpels und seinem Bruder ins Auto und sammelt "Grounds" wie andere Leute Briefmarken. Der Freitag ist für die Bremer Clique traditionell "Holland-Tag" und auch die Werder-Auswärtsspiele verbinden sie mit Abstechern über die nächste Grenze – von Freiburg aus zum Beispiel nach Frankreich.

Mit Rollstuhl im Stadion: England vorn

Absoluter Lieblingsort ist für Funke das Stadion von Olympique Marseille. "Dort gibt es zwei Kurven, jeder Ultra-Block macht sein eigenes Ding", sagt er. "Aber es ist alles rhythmisch, melodiös und sehr laut. In Deutschland sind die Kurven ja sehr organisiert, in Marseille regiert das Chaos, in jeder Ecke qualmt und brennt es."

Niklas Funke im Stadion von Mainz 05
Niklas Funke im Stadion von Mainz 05
Quelle: ZDF/Lorenzen

Sehr unterschiedlich sind die Erfahrungen, die er als Rollstuhlfahrer in den Stadien macht – gerade, wenn er sich das Spiel mit seinen Freunden in der Kurve angucken will. In England, wo es viele neue Stadien gibt, könne man mit seinem Rollstuhl sitzen wo man wolle, während bei uns meist nur einer der begrenzten Plätze irgendwo auf der Geraden bleibe. "Im Gästeblock selbst kann man nur in Berlin und Frankfurt sitzen", sagt Funke.

Gespaltene Gefühle

Noch mehr als Fußball vermisst der Werder-Fan im Moment die gemeinsamen Reisen. "Es ist ein besonderes Feeling, wenn man 1.500 Kilometer mit dem Auto fährt, nur um ein Fußballspiel zu sehen", sagt er. Die Geisterspiele sieht Funke wie die meisten Fußball-Fans kritisch.

"Wenn Fußballclubs als Wirtschaftsunternehmen schon nach vier Wochen am Rande der Pleite stehen, kann etwas nicht richtig laufen", sagt er. "Eigentlich wollte ich die Saison für beendet erklären, weil Fans und Fußball für mich untrennbar zusammengehören. Aber man ist ja in irgendeiner Form abhängig und damit ein Teil des Problems."

Wallfahrt nach Tschechien

Letztes Wochenende war die Durstrecke überraschend vorbei. Tschechien öffnete die Grenzen und Funke wachte Samstagmorgen um vier Uhr mit leuchtenden Augen auf. Mit einem Freund fuhr er die 600 Kilometer und war pünktlich um 10 Uhr bei einem Amateurspiel in Bozicany.

"Unter den 150 Zuschauern waren bestimmt die Hälfte Hopper aus Deutschland", sagt er. Sie fuhren noch zu zwei weiteren Spielen nach Pernink und Zlutice weiter und waren abends wieder zu Hause. Müde, aber happy.

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