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Nachwirkungen des Eriksen-Dramas - "Es geht um eine Verschiebung der Werte"

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Die Auftritte der dänischen Mannschaft nach dem Bangen um Christian Eriksen begeistern die Fans. Auch weil menschliche Werte im Vordergrund stehen, sagt Sportpsychologe Mickler.

Dänische Fans am 21.06.2021 in Kopenhagen
Fans feiern die dänische Nationalmannschaft über die Ländergrenzen hinaus. Das Drama um Christian Eriksen hat den Dänen jede Menge Sympathien eingebracht.
Quelle: epa

Mit dem begeisternden 4:1-Sieg über Russland haben sich die dänischen Spieler um Trainer Kasper Hjulmand in die K.-o.-Runde der EM und die Herzen der Fans gespielt. Dass das Drama um ihren Spieler Christian Eriksen, der im ersten Gruppenspiel mit einem Herzstillstand auf dem Platz wiederbelebt werden musste, dabei eine große Rolle spielt, erläutert Sportpsychologe Werner Mickler.

ZDFsport: Wie haben Sie die Situation nach dem Zusammenbruch von Christian Eriksen erlebt, Herr Mickler?

Werner Mickler: Ich habe es erst nach dem Spiel mitbekommen. Dann habe ich wie alle anderen als erstes gehofft, dass Christian Eriksen überlebt. Deshalb kann ich auch die Diskussion verstehen, ob es richtig war, weiterzuspielen. Das war eine emotional sehr schwierige Entscheidung. Der dänische Trainer Kasper Hjulmand, der erst dafür war, weiterzuspielen, hat ja auch im Nachhinein gesagt, dass es besser gewesen wäre, anders zu entscheiden.

Nach dem 4:1 gegen Russland steht Dänemark im EM-Achtelfinale. Im zweiten Spiel der Gruppe B besiegte Belgien die Finnen mit 2:0.

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ZDFsport: Inwieweit kann einem Trainer in dieser Situation so eine Entscheidung zugemutet werden?

Mickler: Überhaupt nicht! Der Trainer bangt auch um seinen Spieler. Da muss eine Instanz die Entscheidung treffen, die da etwas weiter weg ist.

ZDFsport: Es wird darüber spekuliert, ob die große Energie, die die dänische Mannschaft beim 4:1-Sieg gegen Russland gezeigt hat, im Zusammenhang mit dem Schock-Erlebnis im Spiel gegen Finnland steht. Was halten Sie aus sportpsychologischer Sicht von diesen Überlegungen?

Mickler: Die meisten Menschen können sich aufgrund eigener Erfahrungen vorstellen, wie erleichtert die Mitspieler gewesen sein müssen, als sie erfuhren, dass Christian Eriksen am Leben und auf dem Wege der Besserung ist. Dann fällt eine Riesenlast von einem ab und man möchte die Dankbarkeit, die man dafür empfindet, auf irgendeine Weise würdigen. Die Würdigung findet für die dänischen Spieler auf dem Platz statt, indem jeder einzelne alles gibt, was möglich ist. Nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für den Mitspieler, der den Zusammenbruch überlebt hat und den sie, wie der Trainer gesagt hat, ständig im Kopf haben.

Aus Dänemarks EM-Lager kommen weiter erfreuliche Nachrichten zum Zustand des kollabierten Christian Eriksen. Der Spieler habe am Sonntag bereits mit seinen Teamkollegen gelacht.

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ZDFsport: Kann auch die Mannschaft als Ganzes aus so einem Erlebnis eine besondere Kraft schöpfen?

Mickler: Zum einen schweißen extreme Erlebnisse eine Gruppe immer zusammen. Das ist besonders dann der Fall, wenn eine kritische Situation gemeinsam durchgestanden wird und einen positiven Ausgang nimmt. Dazu kommt in diesem Fall, dass jeder schlagartig gemerkt hat, dass es wichtigere Dinge in der Wertehierarchie gibt als Fußball und der äußere Druck weggefallen ist.

ZDFsport: Welche Rolle spielt die Unterstützung der dänischen Anhänger?

Mickler: Die kommt nicht nur von den dänischen Zuschauern. Das wurde besonders in den Live-Reportagen der folgenden Spiele deutlich. Die Reporter lässt das Geschehen genauso wenig unberührt wie die Fußballanhänger über Ländergrenzen hinweg.

Kasper Hjulmand (Trainer Dänemark), Markku Kanerva (Trainer Finnland), Joel Pohjanpalo und Tim Sparv (beide Finnland) zum EM-Spiel Dänemark - Finnland.

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ZDFsport: Sehen Sie Parallelen zu 1992, als die dänische Mannschaft ebenfalls mit einer Ausnahmesituation umgehen musste und von einer Woge der Begeisterung zum Titel getragen wurde? Die Mannschaft war aufgrund des Ausschlusses von Jugoslawien erst zehn Tage vor dem Turnier nachnominiert worden, die Spieler kamen ohne Vorbereitung direkt aus dem Urlaub nach Schweden.

Mickler: Vergleichbar ist nur, dass die Mannschaft damals auch keinen Erwartungsdruck hatte. Ansonsten ist die Situation ganz anders. 1992 löste die Mannschaft durch ihr gutes Spiel eine Euphorie aus. Heute geht es um eine Verschiebung der Werte, es geht darum, dass der Mensch im Vordergrund steht und dass jeder einzelne das nachvollziehen kann. Ob das reicht, die nächsten Runden zu überstehen, hängt von den Gegnern und den Spielverläufen ab. Aber das Ereignis und die damit verbundene emotionale Anteilnahme wird bei Mannschaft und Zuschauern lange in Erinnerung bleiben.

Werner Mickler
Werner Mickler ist selbständiger Sportpsychologe und leitet unter anderem die sportpsychologische Ausbildung für angehende Fußball-Lehrer des DFB in Köln.
Quelle: Werner Mickler

ZDFsport: Nehmen Sie das Spiel Dänemark gegen Finnland in Ihre Inhalte für die Trainerausbildung auf?

Mickler: Es ist immer Teil der Ausbildung, sich mit kritischen Situationen auseinanderzusetzen, etwa wenn Trainer persönlich angegriffen werden oder der Bus nach einer Niederlagenserie von Fans angehalten wird. Aber die sind alle weit entfernt von der Situation nach dem Zusammenbruch von Christian Erikson, auf die niemand vorbereitet war. Wir werden darüber sicher sprechen, aber in der Hoffnung, dass das eine Ausnahme bleibt.

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