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EM in Pandemiezeiten - Budapest – der Spielort der Kontraste

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Irritierende Fanmärsche hier, entspannte Fanzone dort: Budapest ist ein EM-Spielort der Kontraste. Nun empfängt die ungarische Hauptstadt die Niederländer zum Achtelfinale.

Das EM-Stadion in Budapest am 14.06.2021
Die Puskas-Arena ist als einziges EM-Stadion vollbesetzt.
Quelle: Imago

Julianus Torcom erinnert sich noch gut an den EM-Sommer 2016. Schon damals arbeitete der sportbegeisterte Ungar für den Bar- und Restaurantbetreiber Kiosk, mitten im V. Bezirk der Hauptstadt Budapest, und der 30-Jährige weiß noch, wie die Leute auf seinem Areal mit dem atemberaubenden Donaupanorama "bis vier Uhr morgens gefeiert haben".

Damals schaffte es die ungarische Nationalelf in einer Gruppe mit Portugal, Island und Österreich ins Achtelfinale – wäre derselbe Coup jetzt in einer Gruppe mit Portugal, Frankreich und Deutschland gelungen, hätte es bis zum Morgengrauen wohl wieder kein Halten gegeben.

Doch nach dem Remis gegen das DFB-Team im fernen München und dem EM-Aus machten sich bereits um Mitternacht die meisten Gäste auf dem Heimweg. Ein Tränenmeer waren die trendigen Treffs trotz des Turniers-K.o. mitnichten. Zumal das Herz der EM vor Großbildleinwänden ja weiterschlägt.

Deutschlands Leroy Sane (l.) im Laufduell mit Attila Fiola von Ungarn

Fußball-EM 2020 - DFB-Team rettet Remis gegen Ungarn 

Gruppe F, 3. Spieltag

Videolänge
3 min

Volles Stadion, entspannte Fans

Die studentischen Bedienungen, die für einen Stundenlohn inklusive Trinkgeld von 1.500 Forint (umgerechnet nicht mal fünf Euro) täglich acht, neun Stunden lang arbeiten, schenken jedem Gast ein freundliches Lächeln – egal, wo er herkommt.

Budapest, Regierungssitz des rechtsnationalen Ministerpräsidenten Viktor Orban, bewirbt sich bei dieser Fußball-EM daher für den imaginären Preis als Spielort der Kontraste.

Nirgendwo fühlen sich Fans vielleicht so wohl – und nirgendwo dürfen mehr hin, als in die Puskas-Arena. Entspannte Fanzonen hier, fragwürdige Fanansammlungen dort. Jeweils knapp mehr als 55.000 Zuschauer strömten zu den Heimspielen der ungarischen Nationalelf gegen Portugal (0:3) und Frankreich (1:1); zum Gruppenspiel zwischen Portugal und Frankreich (2:2) kamen auch noch 54.886 Besucher.

Feiernde französische Fans am 23.06.2021 in Budapest
Feiernde Franzosen-Fans in Budapest.
Quelle: Reuters

Fragwürdiger Fanmarsch

Bei den Auftritten der Magyaren marschierten vor Anpfiff mehr als 20.000 vom Heldenplatz ohne Abstand und Maske, dafür mit reichlich Gegröle und Gesang zum Stadion. Als sei Corona nur eine Biersorte.

Dass Ultra-Gruppierungen sich dann in der Kurve hinter einem Brigade-Banner mit rechtsnationaler Bande versammelten, vergrößerte die Irritationen. Sind das Signale, die ein paneuropäisches Turnier in der Pandemie braucht? Sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel äußerte aus Berlin ihre Bedenken angesichts der Bilder aus Budapest. Das war die verstörende Seite.

Gänsehautstimmung

Gleichwohl gab es nicht wenige, die sich an der Gänsehautstimmung durchaus berauschten. Und eines hatten die ungarischen Organisatoren geschafft: Nur Geimpfte, Genesene oder Getestete passierten die streng kontrollierten Stadiontore. Aber niemand weiß, ob alles gut gegangen ist. Das Experiment läuft vorerst weiter.

Nach Portugiesen und Franzosen werden nun weit mehr als 5.000 Niederländer für das Achtelfinale von Oranje gegen Tschechien (Sonntag 18 Uhr/ARD) erwartet, die die mittlerweile gelockerten Einreiseregeln für einen Budapest-Trip nutzen wollen. Viele Ungarn werden die EM-Gäste mit offenen Armen empfangen: Eine gut ausgebildete Generation hat ohnehin vor, noch auf Entdeckungsreise in der Welt zu gehen – daran kann sie Autokrat Orban nicht hindern.

Im Alltag setzt sich jeder eine Maske auf

Was auch auffällig ist: Sobald sich die Bewohner von Budapest im Alltag in eine Metro, Straßenbahn oder Bus begeben, zum Einkaufen gehen oder einen Innenbereich betreten, setzt sich ein jeder die Maske auf. Warum war das nicht auch im Stadion möglich, wo derlei Aufforderungen via Stadionsprecher oder Videowand ungehört verhallten?

Vielleicht will Budapest einfach die Stadt der Widersprüche sein.

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