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Mit dem Preisschild auf der Stirn

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Gehaltsdiskussion im Fußball - Mit dem Preisschild auf der Stirn

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Ihren Marktwert kennt jeder - aber was bedeutet Geld für Fußballprofis selbst? "Viele brauchen den Vergleich, um den eigenen Wert einzuschätzen", sagt Psychologin Kathrin Seufert.

Spielball Champions League 2019/20
Der Fußball und das Geld: Ein Thema, dem sich Kathrin Seufert aus einer psychologischen Perspektive annimmt.
Quelle: dpa

ZDFheute: David Alaba hat bei seinen Vertragsverhandlungen mit Bayern München mangelnde Wertschätzung beklagt. Welche Rolle spielt die persönliche Anerkennung, wenn es ums Geld geht?

Kathrin Seufert: Das genannte Beispiel zeigt, dass häufig der Vergleich mit den Mitspielern herangezogen wird, um die eigene Leistung einzuordnen. Wir nennen das Ego-Orientierung - im Gegensatz zur Aufgabenorientierung, bei der man die eigene Arbeit in Beziehung zur gestellten Aufgabe setzt. Das ist auf die gesamte Wirtschaft übertragbar.

ZDFheute: Ist diese Ego-Orientierung im Profifußball besonders ausgeprägt?

Seufert: Die öffentliche Beurteilung der Spieler gleicht oft Himmelfahrtskommandos. Entweder jemand wird in den Himmel gehoben oder als verzichtbar abgestempelt. Für die Spieler ist es schwer, ihren persönlichen Anteil an der Mannschaftsleistung selbst einzuschätzen. Dass ein Ersatzspieler vielleicht in jedem Training hundert Prozent gibt und die anderen dadurch erst so herausfordert, dass sie in der Startelf stehen können, sieht niemand.

Kathrin Seufert
Sportpsychologin Kathrin Seufert
Quelle: Kathrin Seufert

ZDFheute: Umso wichtiger wird der Blick auf die Gehaltsabrechnung?

Seufert: Diese Vermutung liegt nahe. Das spielt sich bei Spitzenfußballern zwar in Bereichen ab, die für uns unvorstellbar sind, der Effekt wäre aber der gleiche, wenn es um 2000 Euro ginge. Im Fußball ist es auch deshalb extremer, weil die Spieler nach außen sowieso ständig in Marktwerten gemessen werden und die persönlichen Eigenschaften kaum eine Rolle spielen - das spitzt sich in Vertragsverhandlungen zu.

ZDFheute: Und auch bei den öffentlichen Forderungen nach einem Gehaltverzicht?

Seufert: Viele Spieler haben meiner Meinung nach Verständnis dafür, mit Blick auf die Situation des Vereines und der Mitarbeiter auf  Gehalt zu verzichten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Kommunikation ein Problem ist. Sie fragen sich: Wird das öffentlich gemacht oder nicht? Wird klar, wieviel zehn Prozent des Gehaltes sind? Und welche Folgen hätte das für mich persönlich im Hinblick auf die Vergleichsproblematik.

Wenn man sieht, wie schnell Verletzungen eine Karriere vorzeitig beenden können, ist ein Verzicht bei einigen mit anderen Sorgen verbunden, als wir es von außen wahrnehmen.
Kathrin Seufert

ZDFheute: Sind das in dem Gehaltsbereich nicht eher Luxusprobleme?

Seufert: Sicher geht es den meisten auch dann noch sehr gut, wenn sie auf zehn Prozent verzichten. Aber man darf nicht vergessen, dass sie nicht Fußball spielen können, bis sie 60 oder 70 Jahre alt sind. Und wenn man sieht, wie schnell Verletzungen eine Karriere vorzeitig beenden können, ist ein Verzicht bei einigen mit anderen Sorgen verbunden, als wir es von außen wahrnehmen.

ZDFheute: Welche meinen Sie?

Seufert: Wenn man sich die Persönlichkeit als Haus vorstellt, ist der Fußball für die Spieler die tragende Säule. Wenn die bröckelt, dann wackelt schnell das ganze Haus. Es gibt viele junge Spieler, die schnell hochgekommen sind und sich schnell an die Sicherheit eines gefüllten Kontos und einen bestimmten Lebensstil gewöhnt haben. Wenn sie davon Abstriche machen sollen, stellt sich immer auch die Frage: Bin ich jetzt weniger wert?

ZDFheute: Könnte das Beispiel des Manchester United-Spielers Marcus Rashford, der mit seinem Einsatz gegen Kinderarmut weltweite Anerkennung der Fans erhalten hat, mehr Spieler dazu ermutigen, andere Wertmaßstäbe als den Kontostand gelten zu lassen?

Seufert: Rashford hat damit bestimmt eine weitere Säule in seinem inneren Haus aufgestellt. Bei anderen ist es vielleicht die Familie oder ein Hobby. Jeder muss für sich die ausgleichenden Säulen finden, die auch einen Gehaltsverzicht kompensieren könnten. Das braucht aber Zeit und lässt sich nicht von heute auf morgen in der Persönlichkeit verankern.

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