Nach WM-Debakel: Neue Männer braucht das Land!

    Kommentar

    Vorrunden-Aus der DFB-Elf:Neue Männer braucht das Land!

    ZDF-Sportreporter Nils Kaben
    von Nils Kaben, Doha
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    Nach dem blamablen zweiten WM-Vorrunden-Aus steht der DFB mehr denn je in der Kritik. ZDF-Reporter Nils Kaben über die Mannschaft, Flick und Bierhoff.

    Oliver Bierhoff (l), DFB-Direktor Nationalmannschaften, und Bundestrainer Hansi Flick
    In der Kritik nach peinlichem Vorrunden-Aus in Katar: DFB-Direktor Bierhoff (l.) und Bundestrainer Flick
    Quelle: dpa

    Der deutsche Fußball ist nur noch Mittelmaß. Jetzt muss keiner um die Ecke kommen und behaupten, er habe das alles kommen sehen. Rechnen konnten wir alle, auch vor dem dritten Gruppenspiel. Aber ganz ehrlich dran geglaubt hat eigentlich keiner. Schaffen sie schon - schon wieder rauszufliegen wäre auch ein bisschen zu hart. Das war der Tenor vor dem Anstoß gestern Abend im Al-Bayt-Stadion. Damit haben wir Journalisten genauso danebengelegen wie Trainerstab und Mannschaft. Jetzt beginnt die Ursachenforschung.

    Die Mannschaft

    Antonio Rüdiger hat gestern mit leeren Augen ausgesprochen, was viele seiner Teamkollegen so nicht wahrhaben wollten. Es habe der unbedingte Wille gefehlt, der Biss, die letzten paar Prozent. Wer bei den wenigen Gelegenheiten, die sich im Laufe einer Fußballerkarriere bieten, an einer WM teilzunehmen und auf der größten aller Bühnen aufzulaufen nicht nutzt, weil das Leben ja auch so schon ziemlich schön ist, der scheitert.
    Das war in Russland vor vier Jahren schon so, bei der Euro 2021 ebenfalls - und jetzt wieder. Die deutsche Mannschaft ist eine Ansammlung vieler netter Menschen, eine verschworene Gemeinschaft, die sich zu Höhenflügen aufschwingen will, ist sie schon länger nicht mehr.

    Hansi Flick

    Dem Bundestrainer müssen wir in diesem Turnier entscheidende Fehler ankreiden. Mats Hummels hat der Defensive gefehlt, Flicks Begründung, den derzeit besten deutschen Innenverteidiger zuhause zu lassen, überzeugte nicht. Die eklatanten Abwehrprobleme in jedem der drei Spiele geben allen Kritikern dieser Entscheidung Recht. Flicks Festhalten an Thomas Müller in den drei Startformationen erwies sich ebenfalls als falsch. Hinzu kommen die unglücklichen Wechsel im Japan-Spiel.
    Trotz 4:2-Sieg gegen Coast Rica ist die Nationalmannschaft bei der WM in Katar ausgeschieden. Trainer Hansi Flick kündigte eine schnelle Aufarbeitung an. Reaktionen aus Doha und Frankfurt.02.12.2022 | 6:01 min
    Der Zauber des Titelsammlers mit dem FC Bayern ist verflogen. Außerdem bleibt festzuhalten, dass Flick es nicht geschafft hat, die volle Leistungsbereitschaft in jedem einzelnen Spieler zu erwecken. Wäre die Welt ein Wunschkonzert - man wäre gespannt, ob Jürgen Klopp das bis zur Europameisterschaft hinbekäme.

    Oliver Bierhoff

    Der Direktor Nationalmannschaften verantwortet die dritte Pleite nacheinander. Bierhoff ist für die Wagenburg-Mentalität zuständig, für das mantraartig wiederholte "Wir sind super"-Gefühl bei den Spielern. Die Wahrheit ist: Sie sind Mittelmaß. In der FIFA-Weltrangliste längst aus den Top Ten gerutscht, Nummer neun in Europa. Super? Schon länger nicht mehr.
    Bierhoff hat mit dafür gesorgt, dass sich Spieler, Fans und Medien immer weiter voneinander entfernen. Wir da oben - ihr da unten. Wenn es nicht seine Idee gewesen sein sollte, sondern die der Spieler, hat er den Hoffnungsträgern die falschen Wünsche erfüllt. Hinzu kommt der desaströse Umgang mit dem Binden-Theater im Vorfeld dieses Turniers. Souveränes Management sieht ganz anders aus.
    Die öffentliche Wahrnehmung ist manchmal schwer auszuhalten, ein ziemlich untrügliches Zeichen aber, woher der Wind weht, ist sie jedoch allemal. Mit einer Nationalmannschaft, die so auftritt, wollen sich immer weniger Menschen identifizieren.

    Schlussfolgerung

    Es muss sich grundlegend etwas ändern beim Aushängeschild des deutschen Fußballs. Soll die Heim-EM nicht auch so ein Wackel-Turnier werden, brauchen wir neues Personal. Das bisherige hat seine Chance gehabt und nicht genutzt. Bei Flick stockt die Tastatur beim Schreiben dieser Zeilen, aber den mitreißenden Neuaufbau sehe ich nicht. Die Müller-Füllkrug-Aufstellungs-Entscheidungen mögen dafür ein Sinnbild sein.
    Stattdessen unhöfliche Nebengeräusche bei der Besetzung eines für alle 32 Teams verpflichtenden Medientermins. Nach dem Motto - was für alle gilt, gilt für uns noch lange nicht. Und ist es nicht die ureigenste Aufgabe des Trainers, für den richtigen Teamspirit zu sorgen, für 1.000-prozentige Leistungsbereitschaft? Hat er nicht geschafft. Und Bierhoff wäre sicher auch gut beraten, einem Nachfolger das Feld zu überlassen, der nahbarer am Puls des Lebens agiert, als er in Marketingmeetings und hinter hohen Zäunen.
    Die deutsche Fußballnationalmannschaft braucht eine Art Füllkrug-Erneuerung. Mit beiden Beinen auf dem Teppich, flink und gewitzt, selbstbewusst, mit geradem Rücken. Aber neues Personal ist ja bekanntlich schwer zu bekommen - und das gilt ab sofort auch für den DFB.