Fußball-WM: "BoycottQatar" findet immer mehr Zuspruch

    Protest gegen Fußball-WM 2022:Selbst kicken statt Public Viewing

    von Ralf Lorenzen
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    Die Zahl der Kneipen, die kein WM-Spiel zeigen, wächst - auch die der Gegenveranstaltungen. In Frankfurt trifft sich die BoycottQatar-Bewegung, um weitere Schritte zu besprechen.

    Boykott-Aufruf gegen die umstrittene WM in Katar
    Protest-Aufruf gegen die umstrittene WM in Katar: "BoycottQatar" findet gesellschaftlich übergreifend immer mehr Zulauf.
    Quelle: dpa

    Oliver Bierhoff, Hansi Flick, Antonio Rüdiger - das sind nur drei unter zahlreichen Personen, die in den letzten Tagen die WM-Vergabe nach Katar kritisiert haben. Teilnehmen werden sie trotzdem. Bernd Beyer, einer der Initiatoren der "BoycottQatar"-Kampagne, freut sich dennoch über den wachsenden Unmut.

    WM in Katar: Diskussionen führen zum Erfolg

    "Wir sehen das als Erfolg der Diskussion, die von Fanseite und Menschenrechtsgruppen ausgegangen ist", sagt der Publizist und Autor zahlreicher Fußballbücher.

    Das Hilfsargument, dass durch die WM Verbesserungen in Katar erreicht werden, wird immer dünner. Amnesty International sagt schon seit längerer Zeit, dass Veränderungen größtenteils nur auf dem Papier stattfinden.

    Bernd Beyer, Initiator der BoycottQatar-Kampagne

    Dass sie die WM in Katar verhindern oder zumindest einzelne Verbände von einer Teilnahme abhalten könnten, hat die internationale Boykott-Bewegung von vornherein nicht auf dem Zettel gehabt. In Norwegen schien es dann kurzzeitig trotzdem möglich, dass deren Team trotz erfolgreicher Qualifikation der WM fernbleibt.

    Kirchen bis Gewerkschaften unterstützen Kampagne

    In Deutschland hat Beyer den Stein vor zwei Jahren gemeinsam mit seinem Autorenkollegen Dietrich Schulze-Marmeling über die Initiative "Nie wieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball" ins Rollen gebracht. Mitstreiter fanden sie zunächst hauptsächlich in den Fanszenen von Schalke 04, Mainz 05, Berlin, Düsseldorf und Karlsruhe. Inzwischen unterstützen über 100 Organisationen die Boykott-Kampagne, von einzelnen Fankneipen bis zu ganzen Dachverbänden. 
    Die Fußball-WM in Katar steht seit der Vergabe in der Kritik. Der Golfstaat inszeniert sich seither als perfekter Gastgeber. Doch die Wahrheit sieht anders aus.12.12.2021 | 7:59 min
    Daneben gibt es zahlreiche weitere Initiativen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen wie kirchliche oder gewerkschaftliche Jugendgruppen, die während er WM gemeinsame Aktionen planen. Soeben habe sich "ein Polizeisportverein bei uns gemeldet, der die WM boykottieren will", sagt Beyer.

    Kneipen ohne Public Viewing bei der WM

    Die WM zu boykottieren, bedeutet für die Aktivisten, sie nicht zu zelebrieren, sondern ihr eine andere Fußballkultur entgegenzusetzen. Täglich steigt die Zahl der Kneipen und anderer Lokalitäten, die auf ein Public Viewing verzichten.
    "Wir können nicht einfach die Ukraine-Flaggen an unserer Fassade gegen Deutschland-Fahnen austauschen und so tun, als sei alles gut!", begründet die Brauerei Mühlen Kölsch auf ihrer Facebook-Seite ihren Verzicht.

    Die Menschenrechtsverletzungen im Gastgeberland und das Leid der zahlreichen Gastarbeiter sind nicht mit unseren Werten vereinbar.

    Brauerei Mühlen Kölsch

    Statt Neuer, Kimmich und Rüdiger werden an zahlreichen Orten alte Spiele gezeigt, Diskussionen und Fußballturniere veranstaltet. Die unteren Klassen, deren Spielbetrieb weiterläuft, dürfen sich aus den Reihen der WM-Boykotteure auf regen Zulauf freuen. Noch ist nicht absehbar, welche Dynamik diese Bewegung noch entfalten wird.
    DFB-Präsident Bernd Neuendorf über die Forderung nach einem Entschädigungsfonds für die Arbeiter auf den WM-Baustellen in Katar und über die neue Kapitänsbinde des DFB-Teams.23.09.2022 | 4:47 min
    "Wir möchten an der Basis ein Gespür dafür schüren, dass der Fußball in die falsche Richtung läuft, wenn so ein Land dieses internationale Fußballereignis austragen darf", sagt Beyer.

    Entschädigungen statt Preisgelder

    Dies fällt auf fruchtbaren Boden. "Diese WM wird als Symbol alles Schlechten im Fußball interpretiert", sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte in der "Frankfurter Rundschau". "Als Symbol, dass der Ausverkauf immer weitergeht zulasten des Sports und seiner Fankultur".
    Fragen und Antworten zur WM in Katar:







    Ein konkretes Ziel der Boykott-Kampagne ist es, dass der DFB die Fifa dazu drängt, mindestens 440 Millionen US-Dollar - die Höhe der Preisgelder bei der WM - in einen Entschädigungsfonds für geschädigte Arbeitsmigranten und deren Familien einzuzahlen. Diese Forderung hatten Amnesty International und Human Rights Watch aufgestellt. DFB-Präsident Bernd Neuendorf hat sich generell für einen solchen Fonds ausgesprochen.
    Über den Fortlauf der Kampagne wird am Samstag in Frankfurt auf einer zentralen Veranstaltung diskutiert, an der auch ehemalige Arbeitsmigranten aus Katar teilnehmen.

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