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Homophobie im Fußball - "Entscheidende Schalter noch nicht gedrückt"

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Das Coming-Out von Marcus Urban liegt 14 Jahre zurück - an der Situation schwuler Fußballer hat sich wenig geändert. Ein Gespräch über toxische Männlichkeit und Aufklärungsarbeit.

Marcus Urban
Marcus Urban
Quelle: ZDF/Privat

ZDFsport: Marcus Urban, warum habe Sie Ihre Autobiografie 2008 "Versteckspieler" genannt?

Marcus Urban: Mit 13, 14 Jahren hatte ich zum ersten Mal bewusst erotische Fantasien mit Männern, war aber auf einer Fußball-Schule in der DDR und damit beschäftigt, Karriere zu machen. Ich war Jugendnationalspieler und galt als eines der größten Talente im Land.

Eigentlich sollte der Fußball für mich die Rettung sein, da ich aus dem Elternhaus Gewalt- und Missbrauchserfahrung mitbrachte, dann wurde er zur Falle.
Marcus Urban

ZDFsport: Wie meinen Sie das?

Urban: Ich war umgeben von homophoben, sexistischen Mobbing-Sprüchen. Es gab keine Stellen, an die man sich wenden konnte. Ich war völlig allein und hatte 24 Stunden damit zu tun, meine Identität zu verstecken. Ich habe meine Gestik und Mimik kontrolliert, aufgepasst, nicht feminin rüberzukommen, jedes Bier mitgetrunken, über sexistische Sprüche gelacht - das ganze Programm der toxischen Männlichkeit, in der es um eigene Dominanz und Abwertung anderer geht. Mit den anderen fünfzig Prozent meiner Kraft habe ich es trotzdem fast bis in die Bundesliga geschafft.

ZDFsport: Haben Sie dann auch später im Westen das homophobe Klima gespürt?

Urban: Diese ganzen Sprüche fielen da auch: "Schwuchtel", "Das ist kein Mädchensport", "Hier wird nicht geheult."

Archiv: Fans des FC St. Pauli demonstrieren gegen Homophobie, aufgenommen am 25.10.2013 in Hamburg

Initiative "!Nie Wieder" - Bunter Erinnerungstag im deutschen Fußball 

Der 17. Erinnerungstag im deutschen Fußball erinnert an Menschen, die wegen ihrer geschlechtlichen Orientierung verfolgt wurden. Ein Gespräch über die "!Nie Wieder"-Bewegung.

ZDFsport: Manche sprechen beim Männerfußball vom letzten Hort der Homophobie? Warum ist das so?

Urban: Das ist eine Fehleinschätzung, in allen Bereichen sind noch homophobe Leute unterwegs. Im Fußball ist es nur auffälliger als beispielsweise im Wasserball, weil er für so viele so wichtig ist.

ZDFsport: Welchen Effekt hatte das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger 2014?

Urban: Es haben keine weiteren Spieler nachgezogen, aber nach meinem öffentlichen Coming-Out 2007 hat es auch sieben Jahre gedauert, bis Hitzlsperger kam. Ich war eines seiner Vorbilder, wie er mir 2015 gesagt hat. Weltweit gesehen gibt es im Augenblick wieder eine Welle von Coming-Outs, die mir nachhaltiger vorkommt als 2007 und 2014.

Der Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger machte nach seiner aktiven Laufbahn 2014 seine Homosexualität öffentlich und war damit ein Vorreiter im Profisport. "Das Ziel war schon, das Thema zu enttabuisieren", so Hitzlsperger im sportstudio.

Beitragslänge:
22 min
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ZDFsport: Welche Rolle spielt bei homosexuellen Fußballspielern die Angst vor den Schmähungen der Zuschauer?

Urban: Die spielt sicher eine Rolle, aber genauso die Angst, die berufliche Zukunft, die Reputation und Sponsoren zu verlieren.

Die Spieler outen sich auch nach ihrer Karriere nicht, weil die Diskriminierung Teil ihres Selbst geworden ist.
Marcus Urban

ZDFsport: Wie groß ist Ihre Wehmut, es im Fußball nicht bis ganz nach oben geschafft zu haben, obwohl Sie die Veranlagung dazu hatten?

Urban: In den 1990er Jahren konnte ich nicht ins Stadion gehen, weil ich es absurd und frustrierend fand, auf der Tribüne zu sitzen, ich gehörte da unten hin. In den Nullerjahren habe ich den Fußball dann auch noch freudvoll erlebt, in schwulen und gemischten Mannschaften, bei der WM 2006 und seit 2007 als Vorbild in den Medien und in der Bildungsarbeit. Spanische Journalisten haben mich 2019 als weltweit führenden Campaigner gegen Homophobie im Fußball bezeichnet.

Screenshot: !Nie Wieder

Nachrichten | Sport - Initiative !Nie wieder 

Initiative Erinnerungstag im deutschen Fußball

ZDFsport: Was raten Sie Vereinen im Umgang mit Homophobie?

Urban: Das betrifft alle Sektoren: Ein Diversity-Management, möglichst mit eigener Stelle, und kreative Präventionsarbeit im Nachwuchs-Leistungszentrum. Trainerlizenzen sollten von entsprechenden Inhalten in der Ausbildung abhängig gemacht und SchiedsrichterInnen sensibilisiert werden.

Marketing-Kampagnen für Vielfalt sind löblich, aber die entscheidenden Schalter wurden noch nicht gedrückt.
Marc Urban

ZDFsport: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) finanziert seit Jahresbeginn für zunächst eineinhalb Jahre eine Anlaufstelle für geschlechtliche Vielfalt, die beim Lesben- und Schwulenverband angesiedelt ist. Wie beurteilen Sie das?

Urban: Das ist ein Fortschritt, aber nur eine Stelle für sieben Millionen Mitglieder. Als ich mich 2007 geoutet habe, hatte ich eigentlich die Hoffnung, dass der DFB damals schon so eine Stelle einrichtet. Jetzt hat es 14 Jahre gedauert. Der Österreichische Fußballverband hat nach dem Coming-Out von Oliver Egger 2019 sofort eine Ombudsstelle eingerichtet.

Das Interview führte Ralf Lorenzen

Podiumsdiskussionen live

  • Queer vadis, Mogontiacum?! – Einblicke ins queere Stadt- und Fußballleben am 27. Januar ab 19:05 Uhr mainzer-erinnerungsarbeit.de bei Youtube
Emil Martens, 1942

Erinnerungstag des Fußballs - Ex-HSV-Präsident: Als Homosexueller verfolgt 

Der 17. Erinnerungstag im deutschen Fußball erinnert an Menschen, die aufgrund ihrer geschlechtlichen Orientierung verfolgt wurden. Wie der ehemalige HSV-Präsident Emil Martens.

von Ralf Lorenzen
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