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Tokio 2021 - Olympia droht der Absturz in den Wahlkampf

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Miese Impfquote, maue Stimmung - und eine Parlamentswahl mit Symbolcharakter. Rufe nach einer Olympia-Absage versprechen da Stimmenfang. Schließt sich Tokios Gouverneurin dem an?

Koike Yuriko spricht.
Koike Yuriko, Gouverneurin von Tokio
Quelle: pictures alliance

"On your marks!" - Jeder kennt den elektronisch-rauchigen Ausruf: Er markiert den Moment, in dem das Stadion verstummt, sich tausende Augenpaare auf die Athleten richten und der Herzmuskel nicht nur bei diesen, sondern auch beim Zuschauer Blut und Adrenalin bis in die letzte Nerven- und Muskelzelle pumpt.

Das "Get set!" ist der schweigende Höhepunkt, in der sämtliche Fragen - noch unbeantwortet - durch die Luft schwirren und auf den darauf mit dem "Go!" nur noch Fakten und Action regieren.

Japan steckt in der vierten Corona-Welle, die Impfquote ist niedrig und die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Spiele ab. Das IOC hält dagegen an den Plänen fest.

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Warten auf das befreidende "Go!"

Genau in diesem Moment befinden sich Olympischen Spiele in Tokio - und zwar schon sehr lange. Denn es ist ja eigentlich schon der zweite Anlauf, 2020 war ja ein Corona-Fehlstart. Die Organisatoren sind also weit länger in diesem Adrenalin-Herzklopf-Moment als ihnen lieb ist.

Zwei Monate vor Eröffnung bleibt das befreiende "Go!" bisher aus. Landesweit rangieren die Covid-19-bedingten Todeszahlen auf einem japanischen Allzeithoch, während sich die Erstimpfungen an die fünf Prozent heranrobben.

Die Absage droht, denn die Stimmung in Japans Bevölkerung ist katastrophal. Vierzig Prozent sind mittlerweile für eine ersatzlose Streichung, nur zwanzig Prozent für eine Austragung vor Publikum. Die Umfrage einer Zeitung ergab, dass sogar 80 Prozent gegen Olympia sind.

Tokio befindet sich in der vierten Corona-Welle. Nun fordert auch die Ärztevereinigung der Stadt die Absage der Olympischen Spiele.

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Ein Fingerzeig für Thomas Bach

Zudem stehen Parlamentswahlen in Tokio an. Nur 19 Tage vor der Eröffnungsfeier. Politiker vor Ort sind also mehr als geneigt dazu, für den Stimmenfang im Sinne der japanischen Redewendung Dotakyan (ドタキャン) den abrupten Ausstieg aus den Spielen zu provozieren.

Im zunehmenden Blickpunkt steht Koike Yuriko, die Gouverneurin Tokios, die zuletzt IOC-Chef Thomas Bach schmallippig von einer prä-olympischen Japanreise auslud. Im symbolüberladenen Japan war das ein Fingerzeig.

Zwar geht es bei den Wahlen im Juli nicht um ihren Posten - den konnte sie 2020 souverän bestätigen - , ganz sicher geht es aber um ihre Politik, die ihre Partei "Tokio First" trägt.

Frauen. Business. Power.

"Die Möglichkeit, dass Koike den Ausstieg aus den Spielen fordert, ist noch gering", sagt Ida Masamichi, Professor für zeitgenössische Politik in Japan an der renommierten Meiji Universität. "Wenn sich aber die rund 700 täglichen Corona-Fälle in Tokio verdoppeln oder vervielfältigen, sieht das anders aus."

Im eher schnelllebigen Politikbusiness Japans ist Koike eine der wenigen, schillernden Konstanten. Und das als Frau, die mit weiblichen Karrierenetzwerken der japanischen Machogesellschaft entgegenwirkt.

Koike ist daneben sowohl Trendsetterin, als auch Hardlinerin: Wörter wie "Cool Biz" (Kurzärmeligkeit im hochsommerlichen Büro - bis dahin unerhört, reduzierte aber den Stromverbrauch von Klimaanlagen) und "aufheben" (das Fortführen guter Traditionen) führte sie zu nationaler Berühmtheit.

Schon ein Fehlversuch

Ihre Stellung in der Nippon Kaigi, eine Strömung, die Japans Geschichte in den Weltkriegen allzu stolz interpretiert sowie antikoreanische Statements verschaffen ihr aber auch Zuspruch bei Japans Erzkonservativen. Sie ist - wieder und inoffiziell - ein gehandelter Kandidat für den Posten als Ministerpräsidentin, um den es im Oktober gehen wird.

Eigentlich hatte sich Koike aus der nationalen Politik zurückgezogen. "2017 ist sie mit großem Rückenwind aus der Wahl zum Tokioter Parlament gekommen", so Politikprofessor Ida Masamichi. "Ihre 'Partei der Hoffnung' erlitt jedoch sechs Monate später auf nationaler Ebene eine krachende Niederlage."  Die Partei zerfiel.

Koike weiß: Geduld lohnt sich

Damals unterschied sich ihre Position zu wenig vom Amtsinhaber Shinzo Abe. Dessen Nachfolger Yoshihide Suga wackelt aufgrund von Fall- und Impfzahlen: "Das Problem ist administrativ. Doch letztlich wird Suga verantwortlich gemacht", so Politikforscher Ida. "Die Schwächung der Regierungspartei ist offenbar. Und damit auch die Möglichkeit für Koikes neue Kandidatur."

Als bekannteste und langlebigste Politikerin Japans weiß Koike, was sich politisch lohnt: Gaman (我慢); Geduld und Bereitschaft für ein scheinbar ewiges "Get set!"

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