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Sportpsychologie - Gejagt von Dämonen

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Als Athlet ein Superstar zu sein, ist nicht nur schillernd. Das verdeutlicht in Tokio US-Turnerin Simone Biles. Sportpsychologen fordern mehr Fokus auf die mentale Gesundheit.

Simone Biles
Simone Biles setzt bei Olympia Priorität auf ihre mentale Gesundheit.
Quelle: AP

Eine fehlende Drehung machte die Dämonen im Kopf der US-amerikanischen Turnerin Simone Biles sichtbar. Bei Japans Tennis-Ass Naomi Osaka waren es ein Rückzug von den French Open im Juni und ein frühes Aus im olympischen Wettbewerb in Tokio. Auch Schwimmer Michael Phelps und Sprinter Usain Bolt, beide zu ihrer Zeit ähnlich wie Biles und Osaka globale Sport-Superhelden, gewährten schon Einblicke in die Dunkelheit, die hinter der golden strahlenden Fassade von Dauersiegern herrschen kann.

Im mentalen Grenzbereich

"Es tut einem weh, das zu sehen, es zerreißt einem das Herz", sagt Tanja Damaske, ehemalige Speerwurf-Europameisterin und Sportpsychologin der deutschen Leichtathleten, nach dem Ausstieg von Biles im Team-Finale des olympischen Turniers.

Gleich der erste Sprung war der vierfachen Olympiasiegerin von Rio 2016 und Rekordweltmeisterin misslungen. Statt zweieinhalb Mal drehte sie sich beim Übungsteil "Yurchenko" nur anderthalb Mal. Die Welt sah einen Fehler der Athletin, von der alle erwarteten, der Superstar der Spiele zu werden. Biles dagegen sah einen mentalen Abgrund voller Dämonen.

Pamela Dutkiewicz-Emmerichs Traum von Olympia 2021 ist geplatzt: Die 100-Meter-Hürdensprinterin hat die Saison beendet. Warum? Verletzungen und unfassbarer mentaler Druck.

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"Athletinnen und Athleten bewegen sie tagtäglich im Grenzbereich der Belastungsfähigkeit, nicht nur körperlich, sondern auch mental", erklärt Moritz Anderten, Sportpsychologe am Olympiastützpunkt in Köln und dort auch zuständig für die deutschen Turnerinnen.

Biles hat den Spaß verloren

Seiner Ansicht nach sei es enorm wichtig, Athleten auf die Tücken des Erwartungsdrucks vorzubereiten.

Simone Biles sagte in Tokio: "Ich bin nervöser als sonst, wenn ich turne." Und: "Ich habe das Gefühl, dass ich nicht mehr so viel Spaß habe. Es schmerzt mich im Herzen, dass mir weggenommen wurde, das zu tun, was ich liebe, nur damit ich anderen Leuten gefalle." So sieht sie das.

Turnerin Simone Biles ist im Mannschaftsfinale ausgestiegen. Sie sei mental nicht in der Lage gewesen, weiter zu turnen. Ob sie überhaupt nochmal turnt in Tokio, ließ sie offen.

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Weil sie turnen muss, um die Welt zu erfreuen, sind ihr Spaß und Selbstvertrauen abhandengekommen. "Ihre Ehrlichkeit verdient den vollsten Respekt", findet Tanja Damaske:

Es schafft nicht jeder, solche Probleme zuzugeben, denn so ein psychischer Ausstieg ist leider noch immer sehr oft negativ behaftet.
Sportpsychologin Tanja Damaske

Emanzipation in der Athletenwelt

Beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) gibt es erst seit 2019 eine Expertengruppe zum Thema Sportpsychologie, seit 2020 wird ein Mental-Health-Zertifikat für Trainer und Betreuer angeboten.

Auch Martin Walz, sportpsychologischer Experte der deutschen Surfer, sieht die zunehmende Offenheit von Athleten mit mentalen Problemen positiv. "Das ist gerade ein ganz wichtiger Prozess, es findet eine klare Emanzipation in der Athletenwelt statt. Es ist nur schade, dass das erst 2021 passiert", sagt er und betont: "Es ist nicht alles Friede und Freude im Spitzensport, teilweise leiden junge Menschen da sehr."

Corona-Pandemie als Zusatz-Belastung

Die zurückliegenden anderthalb Corona-Jahre hätten zu einer zusätzlichen Belastung geführt, so Sportpsychologe Walz. Die Persönlichkeitsentwicklung vieler Menschen sei aufgewühlt worden, auch die von Athleten. Warum mache ich das alles? Für mich? Für andere? Bin ich fremdbestimmt? Aktuelle Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Corona-Monate zu "Irritationen in der Entwicklung und Athleten-Identifikation" geführt hätten, erklärt Walz.

Simone Biles hat noch nicht entschieden, ob sie in den vier möglichen Einzelfinals der Spiele von Tokio antreten wird. Sie ist qualifiziert. Aber ist sie auch bereit? Es werde darauf ankommen, wie sie ihren Ausstieg nun bewertet, sagt Damaske. Als Aufgeben? Oder als wichtigen Erfolg über die Dämonen? Und es müsse abgewogen werden, was ein Start mit ihr machen kann, sagt Moritz Anderten. Selbst wenn Biles doch noch Gold gewinnt – hilft ihr das dann? Oder wäre ihre mentale Erschöpfung dann nur umso größer? Das wäre ein hoher Preis.

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