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Olympia | Japan - Die olympische Schocktherapie missglückt

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Olympia formte Japan, Olympia könnte es wieder zerreißen. Land gegen Stadt, Politik versus Bürger: Die japanische Gesellschaft driftet durch die Spiele in Tokio weiter auseinander.

Zwei Frauen gehen an einem «Betreten verboten»-Schild vorbei. Dahinter sind die Olympischen Ringe zu sehen. Bei den Sommerspielen in Tokio dürfen wegen der Corona-Pandemie keine ausländischen Fans nach Japan einreisen.
In Tokio ist die Meinung über Olympia gespalten.
Quelle: dpa

Japan nach 1945: Besiegt und machtlos, ja gar geächtet. Vor aller Welt waren Glaubwürdigkeit, Moral und Ehre verloren gegangen. Japan befand sich – ähnlich wie Deutschland – lange Jahre in einer nationalen Identitätskrise, bereitet durch Gräul und Niederlage im Zweiten Weltkrieg.

Aus der nationalen Depression half der Sport: Was der Bundesrepublik ihr "Wunder von Bern" und der Fußball-WM-Sieg 1954 war, das waren dem Land der aufgehenden Sonne die olympischen Spiele von 1964 in Tokyo.

Gesellschaftliche Brüche wegen Olympia und Corona

Dem beeindruckten Weltpublikum begegneten in Nippon eine anstandslose Organisation und ein Wirtschaftsboom. Nach den Spielen war Japan wieder wer. Olympiatherapie geglückt.

Seit Monaten gibt es wegen der Corona-Pandemie in Japan Proteste gegen die Austragung der Spiele in Tokio. Stattfinden soll das Großereignis aber dennoch.

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IOC-Präsident Thomas Bach wird das gerne vernehmen: Sport ist mächtig. Sport kann einem aber auch mächtig etwas einbrocken. Denn Japan ist wieder in einem emotionalen Prestigedilemma. "Selbstverstrauen und Stolz ruhten in der Stärke von Wissenschaft und Wirtschaft", sagt Adachi Kiyoshi, Professor für Soziologie an der Kyushu Universität in Japans Südmetropole Fukuoka. "Doch die Fukushima-Dreifach-Katastrophe von 2011 hat beides zutiefst erschüttert."

Wieder sollte Olympia die Schocktherapie für dieses Leiden werden. "Politik und Wirtschaft wollen den erneuten Sprung nach vorne", so Adachi. Doch dann kam Covid-19. Und die Olympia-Kur gerät zum Symptomsteigerer. Dem angeknockten Japan drohen gar mehrere gesellschaftliche Brüche.

Durchziehen aus Tradition

Für viele Japaner war die Lehre aus 2011: Die Extreme der Natur sind mächtiger als die menschliche Technik. Das Extremevent Covid-19 würde demnach die Olympiaabsage bedingen.

Doch in der Politikerkaste regiert das alte Samuraidenken: Nicht aufgeben, bis zum Letzten alles versuchen. Alles andere sei Defätismus. Entsprechend wird der Notstand bis kurz vor Eröffnung verlängert.

Soziologe Adachi beobachtet ein Auseinanderklaffen von Politik und Bevölkerung. "Viele Japaner würden einen Leader befürworten, der Stärke und Schneid hat, „Nein!“ zu sagen. Abe war das nicht – und Suga ist dies erst recht nicht."

Konstanz versus Instabilität

Der Absageaufruf der Zeitung "Asahi Shinbun" ist vor diesem Hintergrund zu sehen. Er erwächst aber auch dem Bruch zwischen Anzen und Fuan.

Für Japaner ist Nippons Gesellschaft trotz Naturkatastrophen sicher, friedlich, nicht chaotisch: Anzen. Das Ausland hat hingegen mit all seinen konstanten Krisen - den Trumps, Bolsonaros, den latenten Kriegen in Syrien oder Israel - die Konnotation des Fuan: Des Unsicheren, des Instabilen.

Tokio befindet sich in der vierten Corona-Welle. Nun fordert auch die Ärztevereinigung der Stadt die Absage der Olympischen Spiele.

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Die Folgen: Japan ist selektiv verschlossen. Immer weniger junge Japaner wagen das Auslandssemester. Und nur Akademiker oder Techniker mit hohen Skills können in Japan bedenkenlos arbeiten.

Athleten als personifizierter Albtraum

Ungelernte und deren Unsicherheiten obliegen harten Restriktionen, Flüchtlinge sowieso: Von mehr als 30.000 Anträgen akzeptierte Japan 2019 ganze 44. Schon die leiseste Angst vor dem Fuan beugt also die Anwendung von Menschenrechten für Nicht-Japaner.

Die olympischen Athleten aus aller Welt mit ihren potenziellen Coronavarianten sind aus dieser Sicht eine Art wahr gewordener Alptraum des Fuan – dem man sich per Absage entziehen könnte.

Japan steckt in der vierten Corona-Welle, die Impfquote ist niedrig und die Mehrheit der Bevölkerung lehnt die Spiele ab. Das IOC hält dagegen an den Plänen fest.

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In der Politik hofft man, die Spiele durch die an Fahrt aufgenommene Impfkampagne sichern zu können. Aufgehalten wurde die bisher davon, dass Japan noch einmal nationale Testreihen mit den Impfstoffen durchführte. Die internationalen Tests waren, eben, fuan.

Doch selbst wenn die Spiele stattfänden, vergrößert sich ein Bruch. "1964 war Olympia ein Sprung für die gesamte Nation" , sagt Soziologe Adachi. "Bei Tokio 2020 profitiert nur: Tokio. Alle anderen Regionen verlieren."

Die Spiele seien ein Symbol, die diesen Effekt verstärken. "Hier spaltet sich Gesellschaft wirklich", sagt Adachi. "Das bereitet mir Sorgen."

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