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„Die Ungewissheit ist das Schlimmste“

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Olympia - Vorbereitung auf Tokio - „Die Ungewissheit ist das Schlimmste“

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Der Kölner Sportpsychologe Jens Kleinert über Spitzensportler, deren Trainingshallen und –plätze gesperrt sind und die nicht wissen, ob die Spiele im Sommer überhaupt stattfinden.

Olympische Spiele Tokio 2020
Olympische Spiele Tokio 2020
Quelle: dpa

zdfsport.de: Herr Prof. Kleinert, die Trainingsplanung der Spitzensportler im Land wird durch die Einschränkungen wegen der Coronavirus-Pandemie gerade zunichte gemacht. Wie einschneidend ist das für Athleten, die sich seit vier Jahren auf die Olympischen Spiele vorbereiten?

Kleinert: Das ist eine extreme Situation für die Athleten. Auch jedem Nichtsportler ist sicher klar, dass unheimlich viele Trainingsformen nicht mehr möglich sind, wenn Hallen und Sportstätten nicht mehr genutzt werden können. Im Mannschaftssport, im Kampfsport, da brauche ich Partner, mit denen ich zusammenarbeite. Das ist jetzt alles nicht möglich. Das ist eine Reduktion der Trainingsmöglichkeiten, die langfristig – wenn es auch für zwei oder drei Wochen mal zu schaffen ist – mit einer Reduktion der Leistungsfähigkeit einhergehen wird. Da muss man sich nichts vormachen.

zdfsport.de: Und psychologisch gesehen?

Kleinert: Da ist aus meiner Sicht die Ungewissheit das Schlimmste. Die Athleten wissen nicht, wie es denn nun ist mit den Olympischen Spielen oder auch nur mit dem nächsten Qualifikationswettkampf. Diese Situation ist deshalb so problematisch, weil Unsicherheit die größte Quelle für Angst ist. Und Unsicherheit und Angst sind eine enorme Stressquelle. Das alles stört letztlich die psychische Gesundheit, und schlimmstenfalls kann man davon ernsthaft krank werden. Das ist eine dramatische Situation für viele Spitzensportler.

zdfsport.de: Das Internationale Olympische Komitee hat lange am geplanten Datum 24. Juli für die Eröffnung der Spiele in Tokio festgehalten, inzwischen wird offenbar doch über eine Verlegung nachgedacht, innerhalb von vier Wochen soll die Entscheidung fallen. Für die Athleten bedeutet das: So lange Olympia nicht abgesagt ist, müssen sie irgendwie versuchen, ihre Form zu wahren.

Kleinert: Selbst wenn Olympia abgesagt wird, würden die Athleten ja nicht aufhören, zu Hause zu trainieren. Da müssen wir uns nichts vormachen. Die werden entsprechend der limitierten Möglichkeiten alles tun, um ihre Form zu halten. Das hat mit Olympia zunächst nichts zu tun.

zdfsport.de: Aber es ist ja schon ein Unterschied, ob ich mich ein bisschen fit halte, oder ob ich mich auf Olympia vorbereite.

Kleinert: Körperlich ist das erst einmal nichts anderes, das ist vor allem psychisch ein Unterschied. Wenn Olympia von heute auf morgen ausfällt, werden Spitzensportler trotzdem weiter versuchen, sich zu Hause optimal zu betätigen. Aber die psychische Situation, die Unsicherheit und der Stress, das sieht beim Faktor Olympia natürlich anders aus. Und das ist das Wichtigere. Leider steht zu befürchten, dass für das IOC und die Olympia-Veranstalter in Japan kommerzielle Dinge im Vordergrund stehen und nicht die psychische Gesundheit der Athleten.

zdfsport.de: Turner können nicht an die Geräte, Judoka nicht kämpfen, Stabhochspringer nicht fliegen – gibt es für sie Möglichkeiten, dass Techniktraining mental zu kompensieren?

Kleinert: Kompensieren kann Mentales Training den Ausfall nur zum Teil, aber es ist definitiv eine Möglichkeit, um bestimmte, gut funktionierende Bewegungsabläufe koordinativ beizubehalten. Wir wissen aus vielen Studien, dass die reine mentale Trainingsarbeit, also das Durchgehen von Bewegungsabläufen im Kopf, sehr hilfreich ist, um bestehende Bewegungsmuster aufrecht zu halten oder zu stabilisieren. Die Turnerin, die ihre Stufenbarrenübung mehrmals am Tag im Kopf durchgeht, wird davon einen trainingserhaltenden Effekt haben. Aber es ist nicht dasselbe, als wenn sie es zusätzlich real machen würde. Sie kann nicht besser werden, sie kann ihre Bewegung nicht verändern – aber sie kann ein Trainingsdefizit definitiv einschränken. 

Stimmen von Spitzenathleten

zdfsport.de: Wie sieht es mit der Motivation aus? Die Welt der Athleten gerät aus den Fugen, ihr Leben war in den letzten Jahren auf Olympia 2020 abgestimmt. Wie können sie jetzt motiviert bleiben?

Kleinert: Da spielen die Persönlichkeit und das individuelle Umgehen mit dieser ungewöhnlichen Situation eine große Rolle. Auch das soziale Umfeld ist sehr wichtig. Freunde, mit denen man virtuellen Kontakt hat, Familie oder Partner können unheimlich viel Halt geben und eine andere Lebensbedeutung aufzeigen. Gerade in solchen Phasen verändern sich häufig Werte, Athleten stellen vielleicht fest, dass Sport nicht das Einzige und nicht das Wichtigste im Leben ist. Trotzdem ist Sport für Spitzenathleten der Lebensmittelpunkt, daher denke ich, sie werden absolut motiviert sein, sich das zu erhalten, auch im Augenblick. Aber die Bedeutsamkeit anderer Dinge wird dem einen oder der anderen klarer. Darin liegt vielleicht auch eine Chance.

Das Gespräch führte Susanne Rohlfing

Sportpsychologe Jens Kleinert
Sportpsychologe Jens Kleinert
Quelle: ZDF

Prof. Dr. Jens Kleinert (55), Sportpsychologe am Psychologischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln, Diplom-Sportwissenschaftler und approbierter Arzt, seit 2006 hat er den Lehrstuhl für Sport- und Gesundheitspsychologie in Köln inne.

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