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Interview

Turn-EM | Sarah Voss - Aufbegehren in langen Hosen

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Sarah Voss hat bei den Titelkämpfen in Basel mit ungewohntem Outfit ein Zeichen für mehr Selbstbestimmung gesetzt. Sie will gut aussehen im Wettkampf, sich aber nicht nackt fühlen.

Sarah Voss hat bei der Turn-EM in Basel mit einem ungewohntem Outfit ein Zeichen für mehr Selbstbestimmung und gegen Sexualisierung gesetzt.

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ZDFheute: Frau Voss, die Aufregung um Sie ist gerade groß. Und das alles wegen langer Hosen.

Sarah Voss: Ja, das ist ziemlich verrückt. Intern beschäftigen wir uns mit der Turn-Nationalmannschaft schon länger mit dem Thema, wir wollten ein Zeichen setzen. Aber dass das dann international so große Wellen schlägt, hätten wir nicht unbedingt erwartet.

ZDFheute: Warum haben Sie und Ihre Kolleginnen das Gefühl, ein Zeichen setzen zu müssen?

Sarah Voss: Wir Frauen wollen uns alle wohlfühlen in unserer Haut. In der Sportart Turnen wird das immer schwieriger, je weiter man sich von seinem Kinderkörper entfernt. Als kleines Mädchen fand ich die knappen Turnanzüge nicht so hochdramatisch. Aber als die Pubertät begann, als die Periode dazu kam, da hatte ich zunehmend ein ungutes Gefühl.

Man fühlt sich manchmal ziemlich nackt.
Sarah Voss über Turnen in knappen Outfits

Das hat ja auch Elli (Elisabeth Seitz, WM-Dritte am Stufenbarren aus Stuttgart, Anm. der Red.) schon gegenüber der Presse gesagt. Wir trainieren im Alltag alle mit Hose, das ist ganz selbstverständlich. Da haben wir uns irgendwann gefragt: Warum nicht auch im Wettkampf? Warum sollen wir uns nicht auch im Wettkampf wohlfühlen?

ZDFheute: Sie turnen schon eine ganze Weile in Anzügen, die ständig am Po zurecht gezuppelt werden müssen? Warum begehren Sie jetzt erst dagegen auf?

Sarah Voss: Wir haben uns bislang nicht getraut. Nach den Regeln des internationalen Verbandes sind lange Hosen zum Turnanzug im Wettkampf zwar erlaubt, aber es hat einfach niemand gemacht. Wir als deutsche Nationalmannschaft haben uns irgendwann gefragt: Warum eigentlich nicht?

Sarah Voss am 21.04.2021 in Basel

Signal gegen Sexualisierung - Turnerinnen in neuem Outfit 

Deutschlands Turnerinnen sagen der Sexualisierung in ihrer Sportart den Kampf an. So turnt Sarah Voss bei der EM in Basel im Ganzkörperanzug - und ist stolz darauf.

ZDFheute: Bei der Qualifikation am Mittwoch haben Sie mit langer Hose geturnt, ihre Kolleginnen Elisabeth Seitz und Kim Bui aber noch im kurzen Trikot. Wieso?

Sarah Voss: Wir haben das so abgesprochen. Für mich ist die Turn-EM ein Einstieg, ich habe nicht damit gerechnet, ein Finale zu erreichen. Für mich war es eine Wenn-dann-jetzt-Situation. Bei den Mädels waren wir uns sicher, dass sie am Freitag im Mehrkampffinale stehen werden. So ist es ja auch gekommen. Sie möchten ihre neuen Anzüge gern da präsentieren.

ZDFheute: Was ist das Ziel Ihrer Aktion?

Sarah Voss: Wir hoffen, dass diejenigen Turnerinnen, die sich in den üblichen Anzügen unwohl fühlen, ermutigt werden, unserem Beispiel zu folgen. Wir haben hier bei der EM viel positive Resonanz bekommen. Schon beim Einturnen wurde am Mittwoch rüber geguckt, verwundert, aber auch mit Freude, mit Daumen nach oben. Es hat uns noch keine Turnerin zu verstehen gegeben, dass sie das komplett doof findet. Im Gegenteil, über die sozialen Medien habe ich viel Zuspruch bekommen. Viele Turnerinnen haben mir geschrieben, dass sie froh sind, dass der Schritt gemacht wurde. Ich habe gezeigt, dass man sich wohlfühlen, und trotzdem sehr ästhetisch aussehen kann.

ZDFheute: Das Turnen ist zuletzt in der Öffentlichkeit vor allem mit Skandalen präsent gewesen. In Amerika hat ein Teamarzt junge Turnerinnen missbraucht. In Deutschland wird einer Trainerin vorgeworfen, ihre Athletinnen schikaniert und überhart diszipliniert zu haben. Stellen Sie sich auch diesen Vorkommnissen als selbstbewusste Turnerinnen entgegen, die sich nichts gefallen lassen?

Sarah Voss: Diese Dinge sind schockierend. Ich bin zum Glück nie einer solchen Behandlung ausgesetzt gewesen. Aber wir sind ja auch Vorbilder für jüngere Athletinnen. Deshalb wollen wir natürlich alle ermutigen, in jeglicher Hinsicht für sich einzustehen. Vor allem immer dann, wenn sie sich unwohl fühlen. Wir haben es vorgemacht, jetzt hoffen wir, dass viele unserem Beispiel folgen und immer versuchen werden, sich gut zu fühlen in ihrer Haut. Wir wollen, dass jeder diesen tollen Sport aus freien Stücken ausübt und weil er Spaß daran hat.

Das Gespräch führte Susanne Rohlfing

Sarah Voss im aktuellen Sportstudio am 14.11.2020.
Sarah Voss.
Quelle: imago
  • Sarah Voss, geboren am 21. Oktober 1999 in Frankfurt am Main, Turnerin beim Turnteam der Deutschen Sporthochschule Köln, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, deutsche Mehrkampf-Meisterin 2019, WM-Siebte am Schwebebalken und WM-Zehnte im Mehrkampf. Musste im Februar zwei Wochen in Quarantäne, weil es in ihrem unmittelbaren Umfeld einen positiven Corona-Fall gab. Deshalb hat sie etwas Trainingsrückstand – sie ist aber zuversichtlich, bis zu den internen Olympia-Qualifikationen im Main und Juni wieder in Bestform zu sein.

Live im Stream - Turn-EM in Basel am 25. April 

Livestream am 25. April: Die Turn-EM in Basel mit dem Finale Schwebebalken und Sprung Männer sowie Boden Frauen und Barren Männer. Reporter: Alexander Ruda.

Videolänge
125 min
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