Sie sind hier:
Interview

Makkabis Sportvorstand - Antisemitismus "fast jedes Wochenende"

Datum:

"Sieg heil!"-Rufe im Olympiastadion, die Ermittlungen laufen: Für Michael Koblenz, Sportvorstand bei Makkabi Berlin, sind solche Vorfälle leider kein Einzelfall.

Haifa-Fans zeigen auf der Tribüne israelische Flaggen
Im Berliner Olympiastadion soll es bei der Partie 1. FC Union Berlin - Makkabi Haifa zu antisemitischen Parolen gekommen sein. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt.
Quelle: dpa

Unter den 23.342 Zuschauern, darunter etwa 1.100 aus Israel, war auch Michael Koblenz. Der 46-jährige Kaufmann ist Sportvorstand beim TuS Makkabi Berlin, dessen erste Mannschaft in der Berlin-Liga (sechste Spielklasse) kickt.

Im Interview mit sportstudio.de spricht der in der Berlin geborene Sohn jüdischstämmiger lettischer Eltern, die einst aus Riga nach Deutschland ausgewandert sind, darüber, welchen Anfeindungen seine eigenen Kinder und die Spieler des TuS Makkabi nahezu täglich ausgesetzt sind.

ZDF: Herr Koblenz, wie haben Sie die Vorfälle am vorigen Donnerstag selbst erlebt?

Michael Koblenz: Ich habe das gar nicht mitbekommen. Die Rufe kamen wohl aus dem Oberrang, und das auch nur von einzelnen Zuschauern, aber während des Spiels habe ich das nicht gehört. Im Gegenteil: Nach dem Abpfiff hatten wir noch einen kleinen Empfang im VIP-Bereich, bei dem sich auch Union-Präsident Dirk Zingler höchst erfreut über die schöne Atmosphäre an diesem Abend geäußert hat. Die erste Resonanz war insgesamt sehr positiv, das Wetter war schön, die Stimmung gut und das Ergebnis passte zumindest aus Union-Sicht auch. Erst später, auf dem Heimweg, habe ich dann durch die Medien erfahren, was da passiert ist.

Das Berliner Olympiastadion vor dem Conference-League-Spiel des 1. FC Union gegen Haifa

Nach antisemitischen Vorfällen - UEFA ermittelt gegen Union Berlin 

Die antisemitischen Vorfälle während des Spiels gegen Maccabi Haifa haben für Union Berlin wohl ein Nachspiel. Die UEFA leitete eine Untersuchung ein.

ZDF: Was sagen Sie dazu?

Koblenz: Einerseits ist es natürlich beschämend, gerade wenn seit den Olympischen Sommerspielen von 1936 zum ersten Mal wieder eine israelische Mannschaft in dem von den Nazis erbauten Olympiastadion spielt. Andererseits ist es leider so, dass wir von Makkabi Berlin so etwas recht häufig erleben.

ZDF: Erzählen Sie bitte!

Koblenz: Die Anfeindungen sind immer ähnlich und drücken sich in judenfeindlichen Sprüchen aus. Das kommt fast jedes Wochenende vor, je nachdem, wo unsere Mannschaften spielen.

Manchmal bestellen wir schon vorher Polizeischutz zum Platz, weil wir wissen, dass es dort heikel werden könnte.

Das betrifft am ehesten unsere zweite Mannschaft, die in der Kreisliga A am Ball ist und in der hauptsächlich Jungs jüdischer Herkunft spielen.

In unserer ersten Mannschaft ist das anders, die ist ganz gemischt. Da kicken deutsche Juden, deutsche Nichtjuden, Russen, Türken und Jungs aus Afrika. Trotzdem werden wir als "Scheiß-Juden" beschimpft, das ist schon absurd. Dadurch, dass die erste Mannschaft in der Berlin-Liga spielt, also recht hochklassig, geht es dort aber mehr um den sportlichen Wettbewerb als um die Herkunft.

ZDF: Wie schützen Sie die Spieler, vor allem die Jugendlichen?

Koblenz: Die Eltern wissen ja, worauf sie sich einlassen und melden ihre Kids bewusst bei uns an. Die meisten von ihnen sind russischer Herkunft oder aus anderen früheren Sowjetstaaten. Ihnen ist klar, dass auf dem Platz zu Beleidigungen gegen Juden kommen kann. Man muss aber auch sagen, dass es in 90 Prozent aller Spiele keine Probleme gibt.

ZDF: Ist es ungerecht, dass jetzt Union Berlin mit diesem Nazi-Ruf leben muss: Ein Verein, der als besonders bunt und weltoffen gilt und deren Fans man eher der linken denn der rechten Ecke zuschreibt?

Koblenz: Ja und nein! Union Berlin hat sich im Vorfeld viel Mühe gegeben, um den Gästen aus Israel einen würdigen Empfang zu bereiten. Zwei Wochen vor der Partie sind wir vom Verein zu einem Treffen auf der Union-Geschäftsstelle eingeladen worden. Union-Präsident Dirk Zingler hat sich sehr daran interessiert gezeigt, was wir vom TuS Makkabi Berlin so machen und was es mit der Makkabi-Bewegung insgesamt auf sich hat.

Herr Zingler hat dem Verein Makkabi Berlin ein Kontingent von 350 Freikarten für das Spiel gegen Makkabi Haifa zur Verfügung gestellt, das konnte ich kaum fassen. Und beim Rückspiel im November in Haifa ist, so viel ich weiß, auch ein Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem geplant. Umso bedauerlicher ist es dann, wenn Union Berlin jetzt in einem Zusammenhang mit antisemitischen Vorfällen genannt wird.

ZDF: Aber?

Koblenz: Aber man würde es sich zu einfach machen, wenn man jetzt von einem Einzelfall sprechen würde. Positiv war, dass sich einige Union-Fans eingemischt und die Krakeeler auf ihr unmögliches Verhalten hingewiesen haben. Viele andere haben das aber nicht getan, das macht mich traurig. Da wünsche ich mir mehr Rückgrat. Judenfeindliches Gedankengut wird leider in vielen Stadien oder auf unzähligen Fußballplätzen geäußert - und natürlich nicht nur da, sondern überall im zivilen Leben, in der Schule und so weiter.

Ich finde es auch falsch, wenn man Antisemitismus immer einer bestimmten politischen Strömung zuschreibt.
Michael Koblenz

Also, dass das aus der rechten Ecke käme und es im Olympiastadion wieder ein paar ewiggestrige Nazis gewesen wäre, die da "Sieg heil!" oder "Juden raus!" gerufen hätten, so Koblenz.

Antisemitismus kommt leider aus verschiedenen Richtungen und hat genauso rechte wie linke Hintergründe - und islamistische.
Michael Koblenz

Das Interview führte Heiko Buschmann.

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Sie haben sich mit diesem Gerät ausgeloggt.

Sie haben sich von einem anderen Gerät aus ausgeloggt, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Ihr Account wurde gelöscht, Sie werden automatisch ausgeloggt.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.