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Werders Ex-Manager im Interview - Willi Lemke: Profifußball hat "Luxusproblem"

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Willi Lemke war Fußball-Manager, Bildungssenator und UN-Sonderbotschafter. Mit Blick auf die Corona-Situation in der Welt sieht er manche Diskussion hierzulande überhitzt.

Willi Lemke, früherer Fußball-Manager beim SV Werder Bremen, Ex-Bildungssenator in Bremen und Ex-UN-Sonderbotschafter
Willi Lemke, früherer Fußball-Manager beim SV Werder Bremen, Ex-Bildungssenator in Bremen und Ex-UN-Sonderbotschafter
Quelle: imago images / Nordphoto

zdfsport.de: Was geht Ihnen als ehemaliger UN-Sonderbotschafter für den Sport im Moment durch den Kopf?

Willi Lemke: Ich denke vor allem daran, was in den Teilen der Welt passiert, in denen große Armut herrscht, in denen das Gesundheits- und politische System nicht so entwickelt ist wie bei uns. Ich habe gestern in privaten Videoaufnahmen aus Kenia gesehen, wie dort Menschen mit Tränengas und Knüppeln gejagt wurden, weil sie sich nicht an die Ausgangssperren gehalten haben. Sie haben keine Supermärkte, in die sie locker reingehen könnte, und staatliche Unterstützung für kleine Betriebe gibt es auch nicht. Bei diesen existenziellen Sorgen steht der Sport hintenan. Und wenn die Kinder in Nairobi nicht mehr auf der Straße Fußball spielen können, trifft sie das auch härter als hier, weil das eine viel größere Bedeutung für sie hat. 

zdfsport.de: Wie bewerten Sie die hiesige Sorge um den kommerziellen Fußball?

Lemke: Als Luxusproblem. Ich würde mich ja freuen, wenn ich bald wieder bei einem Spiel im Stadion mitfiebern könnte. Aber wenn ich mitbekomme, dass in Südafrika die Menschen aus den Townships nicht mehr zur Arbeit nach Kapstadt reinfahren können, sind das ganz andere Probleme. Da können sich fürchterlichen Unruhen entwickeln. Auf unser Land bezogen, interessiert mich viel mehr als der Fußball die Frage, wie wir die Situation bewältigen, wenn die Intensivstationen in unseren Krankenhäusern überfüllt sind.

zdfsport.de: Haben Sie eine Idee, was Sie tun würden, wenn Sie in dieser Situation noch UN-Sonderbotschafter wären?

Lemke: Ich würde möglichst viel mit den vielen Sportlern und Offiziellen in der globalen Welt kommunizieren, zu denen ich während meiner Tätigkeit Kontakt hatte. Die Informationslage ist in vielen Teilen schlecht. Ich würde versuchen aufzuklären, Mut zu machen und über die Sportverbände Spenden zu sammeln. Und ich würde versuchen, sie mit vielen der Sportangebote zu vernetzen, die es jetzt online gibt.

zdfsport.de: Wie haben Sie die Diskussion um die späte Verschiebung der Olympischen Spiele wahrgenommen?

Lemke: Vor allem als Psycho-Stress für die Athleten. Sie bereiten sich teilweise jahrelang akribisch und mit vielen Entbehrungen auf den Höhepunkt in ihrem Sportlerleben vor und wussten nicht mal, ob es sich lohnt, weiter zu trainieren, weil die Verantwortlichen beim IOC und in Tokio sich noch nicht entschieden hatten. Dabei war seit Wochen klar, dass die Spiele nicht wie geplant stattfinden können. Den Frust der Athleten kann ich verstehen. Auf der anderen Seite muss man berücksichtigen, was es bedeutet, Olympische Spiele zu organisieren. Da muss Jahre vorher an jeden Bindfaden gedacht werden und es gibt es unzählige Verträge. 

zdfsport.de: Erreichen Sie auch positive Nachrichten?

Lemke: Gestern bekam ich Grüße von einer Sportlergruppe in Bethlehem, die aus der ersten palästinensischen Fußball-Frauenmannschaft hervorgegangen ist, die ich acht Jahre unterstützt habe. Sie sind komplett eingeschlossen. In Bethlehem gibt es eine hohe Infizierten-Quote. Aber der Zusammenhalt durch den Sport funktioniert. Ähnlich Beispiele gibt es auch hier. Der Sportverein bei mir um die Ecke, Bremen 1860, hat als einer der ersten sehr erfolgreich ein Online-Angebot entwickelt. Werder Bremen macht das jetzt wie viele andere in Deutschland auch.

zdfsport.de: Wie bedroht sind die Strukturen des Breitensports bei uns, die ja trotz digitalem Ersatzprogramm gerade ins Wanken geraten?  

Lemke: Auf Seite der Aktiven, die das Vereinsleben tragen, sind sie stabil genug. Die ganze Welt beneidet uns um diese Strukturen. Ich sehe eher die Gefahr, dass die abwandern, die die Vereine als Dienstleister ansehen und nicht als Teil ihres sozialen Lebens.

zdfsport.de: Wo sehen Sie die Rolle des Sports, wenn das Alltagsleben irgendwann wieder ins Rollen gebracht werden soll?

Lemke: Als erstes müssen die Leute wieder in die Arbeit und Ausbildung kommen. Parallel dazu müssen die Sportvereine und andere kulturelle Institutionen wieder öffnen, um den Bedarf nach Kommunikation und sozialem Zusammenleben zu erfüllen.

zdfsport.de: Zum Schluss doch noch eine Frage zum Luxusproblem Bundesliga: Bietet die aktuelle Situation Chancen für eine größere Solidarität unter den Klubs?

Lemke: Ich freue mich über die Aktion der Champions League-Teilnehmer, 20 Millionen Euro zu spenden. Das könnte ein Anfang sein, die gewaltige Schere zwischen den Klubs, die ich seit den 1980er Jahren kritisiere, etwas zu schließen. Das einfachste Mittel dafür wäre ein solidarischerer Verteilungsmodus bei den TV-Geldern. Aber vielleicht - und das gilt für alle Bereiche der Gesellschaft - haben wir in ein paar Monaten die Verstorbenen betrauert und starten wieder mit den Kämpfen um mehr Macht und Geld. Meine Hoffnung ist eine andere.

Das Gespräch führte Ralf Lorenzen

Willi Lemke - seine Funktionen und Ämter

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