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Interview

Verkehrsexperte Andreas Knie : Was kommt nach dem 9-Euro-Ticket?

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Wie geht es nach dem 9-Euro-Ticket weiter? Verkehrsforscher Knie fordert ein 29-Euro-Ticket. Es müsste aber auch für den Fernverkehr und die letzten Kilometer mit dem Taxi gelten.

Einfahrende Regionalbahn in Berlin
Das 9-Euro-Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr soll nach bisheriger Planung Ende August auslaufen.
Quelle: dpa

Die Linken fordern eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets bis Jahresende, Bundesfinanzminister Christian Lindner lehnt eine weitere Finanzierung aber strikt ab. Verbraucherzentralen sind für ein 29-Euro-Ticket, der Verband der Verkehrsunternehmen ist für 69 Euro, auch ein 365-Euro Ticket ist im Gespräch. Der Mobilitätsforscher Andreas Knie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung ist von der 29-Euro-Lösung überzeugt und fordert die Politik auf, rasch zu handeln.

ZDFheute: Der Verband der Verkehrsunternehmen (VDV) hat nach dem 9-Euro-Ticket ein 69-Euro-Ticket vorgeschlagen. Ist das sinnvoll?

Andreas Knie: Grundsätzlich ist erstmal zu begrüßen, dass der Branchenverband selbst an einer Fortsetzung interessiert ist. Aber 69 Euro sind zu viel, sind zu teuer.

Deshalb plädieren wir für 29 Euro. Das soll mindestens ein Jahr lang gelten.

ZDFheute: Warum sind 69 Euro zu viel?

Knie: Es geht darum, Menschen, die im Auto sitzen, in Bus und Bahn zu kriegen. Dafür muss man natürlich ein Sonderangebot machen. Dafür sind 69 Euro zu viel. Wir haben viele empirische Daten gesammelt, es gibt schon Tickets für 69 Euro in verschiedenen Regionen, die werden nicht so angenommen, wie man sich das wünscht.

ZDFheute: Ein 69-Euro-Ticket oder gar ein 29-Euro-Ticket kostet den Staat ja viel Geld, müsste man das nicht in die Infrastruktur stecken?

Knie: Wir haben jahrzehntelang allein auf das Auto gesetzt und eine sehr Auto-fördernde Politik betrieben. Jetzt haben wir den Salat. Jetzt muss man diese Förderung vom Auto zurücknehmen. Das heißt: keine Entfernungspauschale mehr für Autos, keine steuerliche Anrechnung des Dienstwagens und keine Dieselsubventionierung. Das gibt etwa 15 bis 16 Milliarden Euro und das reicht locker aus, um das 29-Euro-Ticket zu finanzieren.

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ZDFheute: Investitionen in die Infrastruktur braucht es ja aber trotzdem, oder?

Knie: Wir brauchen mehr Züge, mehr Busse, mehr Schienen, das ist gar keine Frage. Die entsprechenden Mittel müssen aufgestockt werden und dauerhaft mindestens die Größenordnung der Straße haben. Außerdem müssen wir das System selbst modernisieren. Die Schienenbauinfrastruktur ist zu langsam. Viel zu kompliziert, viel zu bürokratisch. Das Eisenbahnbundesamt ist mehr eine Schienenverkehrsbehinderungsbehörde als eine Schienenanimierungsbehörde. Das muss sich ändern.

Mobilitätsforscher Prof. Andreas Knie sagt, der ÖPNV sei "wieder in aller Munde". Zur Popularisierung von Bussen und Bahnen sei ein guter Beitrag geleistet. Der "Tarif-Wirrwarr" müsse verschwinden, um erste Schritte zur Verkehrswende zu ermöglichen.

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4 min
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ZDFheute: So ein Pauschalpreis geht nicht auf die individuellen finanziellen Situationen ein.

Knie: Das 9-Euro-Ticket hat gezeigt, dass Menschen in unteren Einkommensklassen kollektiv weggefahren sind. Das können wir mit den 29 Euro gerade so noch schaffen. Ich möchte kein Jahresabo, sondern ein monatliches Ticket.

Das - sage ich jetzt mal ganz provokant - können sich dann alle leisten. Das ist dann ein Ticket für alle.

Die Linke will eine Verlängerung des 9-Euro-Tickets und die Einführung eines 365-Euro-Jahrestickets für 2023.

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ZDFheute: Was ist mit den Menschen, die im ländlichen Raum leben?

Knie: Ich fordere zwei radikale Erweiterungen mit diesem 29-Euro-Ticket.

Erstens muss auch die Fernbahn, also ICE und IC beispielsweise, mit drin sein. Zweitens fordern wir, dass das Ticket auf die letzte Meile ausgeweitet wird, also auf den Taxiverkehr, Mietwagen oder was auch immer da ist.

Vom Bahnhof zu dem Ort, zu dem man hin möchte und umgekehrt. Das kann man gut kontrollieren, das sind im Schnitt drei bis fünf Kilometer lange Strecken.

Nicht alle haben etwas von dem 9-Euro-Ticket: In ländlichen Gebieten, in denen der ÖPNV schlecht ausgebaut ist, ist ein Umstieg auf Bus und Bahn nicht attraktiv.

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ZDFheute: Warum nicht mehr Busse auf dem Land?

Knie: Es macht keinen Sinn, da mit einem Bus rumzufahren, in dem die berühmten vier, fünf Leute sitzen. Wir sind immer individueller unterwegs, dementsprechend braucht man ein On-Demand-System.

ZDFheute: Untersuchungen zum 9-Euro-Ticket weisen darauf hin, dass nicht so viele Pendler auf den Nahverkehr umgestiegen sind. Bringt es dann überhaupt etwas?

Knie: Bisher können wir keine wirklichen Umstiege erkennen. Das ist aber auch nicht zu erwarten gewesen. Dafür sind die drei Monate zu kurz. Eine Minderheit hat gesagt, ach, ich lasse jetzt mal das Auto für die ein oder andere Fahrt stehen und nutze das 9-Euro-Ticket.

Die meisten haben aber weiter ihre Routinen gelebt. Das, was wir bisher sehen, ist, dass das 9-Euro-Ticket überwiegend für Freizeitfahrten genutzt wird.

ZDFheute: Wäre ein Umdenken der Fall bei einem 29-Euro-Ticket für ein Jahr?

Knie: Bei einem Jahr überlegen die Leute, ob sie sich ein Auto kaufen oder den Leasingvertrag verlängern. Da kann man langfristiger planen als bei drei Monaten. Ein Jahr hilft, das wissen wir aus unseren Erfahrungen, die Menschen dazu zu bringen über ihre aktuelle Routine nachzudenken.

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ZDFheute: Was braucht es, dass die Leute mehr Bus und Bahn fahren?

Knie: Erstens ein einfacher verstehbares Angebot, das auch digital gekauft werden kann. Zweitens muss es überall Gültigkeit haben, egal wo ich gerade bin. Und die letzte Meile muss rein.

Wenn das erfüllt ist, gehen wir davon aus, dass ein Drittel der Autofahrenden dauerhaft für den ÖPNV gewonnen werden können. Dann hätten wir wenigstens Aussichten, die Pariser Klimaziele zu schaffen.

Das Interview führte Larissa Hamann.

Das 9-Euro-Ticket ist am 1. Juni gestartet. Noch bis Ende August kann das Monatsticket gekauft werden.

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