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Cyber-Hilfswerk für IT-Katastrophen

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Kritische Infrastruktur - Cyber-Hilfswerk für IT-Katastrophen

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Wenn Trojaner Strom abschalten, Router ausfallen oder Wasserwerke gehackt werden, sind Menschen in Gefahr. Informatiker wollen mit einem Cyber-Hilfswerk das Schlimmste verhindern.

Netzwerkkabel
Fast die gesamte Infrastruktur hängt inzwischen an Netzwerken. Bei einer IT-Katastrophe soll nun ein Hilfswerk gegensteuern.
Quelle: imago

Der Dezember 2019 war der Monat der IT-Katastrophen: Nach einem Angriff mit einem Erpressungstrojaner fielen die IT-Systeme der Universität Gießen wochenlang aus. Der Lehr- und Forschungsbetrieb konnte nur im Notfallmodus aufrechterhalten werden. Und die Katholische Hochschule Freiburg musste für einige Tage ihr gesamtes Netzwerk abschalten.

Die Stadtverwaltung in Frankfurt am Main musste ihr Netzwerk wegen einer Schadsoftware völlig herunterfahren. Und in der Kölner Stadtverwaltung legte ein Server-Ausfall die Kfz-Zulassungsstelle, das Standesamt und das Kundenzentrum stundenlang lahm. Das Klinikum Fürth musste sich von der Notfallversorgung abmelden.

Deutschland ist auf IT-Katastrophen nicht vorbereitet

Für Johannes Rundfeldt von der AG Kritis haben diese Vorfälle vor allen Dingen eines gezeigt: "Wir sind im Cyber-Krisenfall einfach schlecht aufgestellt." Das hat den IT-Spezialisten der AG Kritis, die sich mit der Sicherung kritischer Infrastruktur beschäftigen, einfach keine Ruhe gelassen. Denn ihre Analysen haben ganz klar ergeben, dass ein großflächiger Ausfall von Informationstechnik nur noch eine Frage der Zeit ist.

Wenn keine Geldautomaten mehr funktionieren, in den Supermärkten nicht mehr eingekauft werden kann, weil die Kassensysteme down sind, Angreifer die Turbinen-Steuerungssoftware der Kraftwerke abgeschaltet haben oder wenn die Computernetzwerke in Kliniken ausfallen, dann tritt das ein, was die Sicherheitsbehörden eine "Großschadenslage" nennen: Das öffentliche Leben in der Republik steht still, Menschenleben sind in Gefahr. "Kapazitäten oder Ressourcen, die sich dann um die Sicherstellung oder Wiederherstellung der Versorgung der Bevölkerung kümmern, sind bisher so nicht existent", lautet das erschütternde Urteil der Fachleute von der AG Kritis.

Denn bei solch einer IT-Katastrophe müsste die Software repariert werden, eingesetzte Schadsoftware erkannt und mit speziellen Werkzeugen unschädlich gemacht werden. Computersysteme und Netzwerke müssen ganz neu aufgesetzt, Backups eingespielt werden.

Sicherheitsbehörden mit Notfall hoffnungslos überfordert

Die Systeme müssen für die Kommunikation mit neuen Zertifikaten, die Mitarbeiter mit neuen Passwörter versorgt werden. "Das ist alles enorm personalintensiv", weiß Manuel Atug, Leiter der AG Kritis, aus Erfahrung.

In Deutschland gelten 2.000 IT-Großsysteme als sogenannte kritische Infrastrukturen. Fallen sie aus, kommt es zur Katastrophe. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) wäre damit hoffnungslos überfordert. Das mobile Einsatzteam des BSI, das in solchen Fällen digitale Sofortmaßnahmen einleiten soll, besteht aus gerade mal 15 Mitarbeitern.

Deshalb haben die Mitglieder der AG Kritis auf der IT-Sicherheitskonferenz Defensivecom in Berlin jetzt ihr Konzept für ein Cyber-Hilfswerk vorgestellt. Als Teil des Zivilschutzes und als schnelle Eingreiftruppe könnten bei solchen digitalen Großschadenslagen viele IT-Spezialisten dafür sorgen, dass die Schadensursache rasch beseitigt und die Versorgung der Bevölkerung aufrechterhalten wird.

Technisches Hilfswerk für Computer

Netzwerkkabel stecken in einem Ethernetport am 27.07.2011
Spezialisten sollen helfen, wenn das Netz ausfällt.
Quelle: dpa

Technische Helfer, IT-Spezialisten und Koordinatoren können bei solchen IT-Katastrophen als Freiwillige den informationstechnischen Part übernehmen, den andere Hilfsorganisationen - wie etwa das Deutsche Rote Kreuz - eben nicht leisten können. Ob das Cyber-Hilfswerk als Fachgruppe in der Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) geführt werden soll oder als eigene unabhängige Hilfsorganisation auftreten soll, steht noch nicht fest.

In ersten Gesprächen mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe haben die Initiatoren des Cyber-Hilfswerks Einsatzkonzepte sowie eine Ausbildungs- und Qualifikationsstruktur abgeklärt.

Besonders wichtig sind den Initiatoren die ethischen und humanitären Grundlagen solcher Hilfseinsätze. Daraus wollen sie ein eigenes Manifest ableiten. Mit der Vorstellung des Konzeptes für ein Cyber-Hilfswerk ist der Startschuss für eine bessere Versorgung bei einer digitalen Großschadenslage gefallen. Jetzt müssen die Details erarbeitet werden.

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