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Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Es wird knapp

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Pharmaindustrie - Lieferengpässe bei Arzneimitteln: Es wird knapp

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Deutschland hat ein Problem, ausreichend mit Arzneimitteln versorgt zu werden. Was das heißt, erklärt Pharma-Experte Glaeske. Die Corona-Bekämpfung sei aber nicht betroffen.

Leere Blisterpackungen
Leere Blisterpackungen (Archiv): Von den Lieferengpässen sind aktuell 268 Arznmeimittel betroffen, sagt Pharmakologe Glaeske.
Quelle: Imago

makro: Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht neu. Erstaunlicherweise nehmen sie zu statt ab. Wie dramatisch ist die Lage wirklich?

Gerd Glaeske: In der Tat. Lieferengpässe bei Arzneimitteln sind nicht neu. Meinen ersten wissenschaftlichen Beitrag habe ich dazu vor mehr als zehn Jahren geschrieben. Dass dieses Thema allerdings aktuell 268 Arzneimittel betrifft, deren Lieferung für die ambulante, aber insbesondere auch für die stationäre Versorgung der Patientinnen und Patienten unsicher oder nicht mehr planbar geworden ist, habe ich seinerzeit nicht vermutet.

Dies bedeutet insgesamt, dass die Dramatik der Lage tatsächlich zunimmt und viele Patientinnen und Patienten nicht optimal versorgt werden können. Allerdings: Nach allem, was heute bekannt ist, hat ein Lieferengpass bisher noch in keinem Fall zum Tod eines Patienten geführt.

makro: Sind unter den gegenwärtig von Lieferengpässen betroffenen Medikamenten auch solche, die für die Behandlung des Coronavirus benötigt werden?

Glaeske: Es wäre schön, wenn wir wüssten, wie das Coronavirus mit Arzneimitteln behandelt werden könnte. Es gibt noch keinen Impfstoff und auch noch keine speziellen Arzneimittel für die Behandlung dieses für den Menschen neuartigen Virus.

Und die Mittel, die eventuell bei bestimmten Symptomen eingesetzt werden könnten, die bei einer Corona-Infektion auftreten könnten - wie z.B. Fieber, Kopfschmerzen oder Halsschmerzen -, sind nach wie vor in Apotheken erhältlich.

Anders ist es mit Atemproblemen wie Kurzatmigkeit, die im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion auch zu schweren Lungenentzündungen führen können. Diese werden derzeit in Krankenhäusern durch beatmungsunterstützende Maßnahmen behandelt.

makro: Wenn es für einen Wirkstoff nur ein oder zwei Produktionsstätten auf der Welt gibt, sind Probleme programmiert. Warum kriegt der sonst so effiziente Markt das nicht besser hin? Braucht es staatliche Eingriffe?

Glaeske: Hier zeigt sich die Problematik einer fortschreitenden Globalisierung einerseits, verknüpft mit der Profitorientierung von pharmazeutischen Unternehmern andererseits: Es werden besonders dort Produktionsstätten gesucht, wo vor allem das Lohnniveau, aber auch Genehmigungsbedingungen für die Herstellung von Wirkstoffen oder Arzneimitteln niedrig sind.

Da agieren viele pharmazeutische Unternehmer ähnlich wie Firmen der Textilindustrie: Es werden Produzenten in Billiglohnländern gesucht, um trotz eines niedrigen Preisniveaus noch ausreichend Gewinne "einfahren" zu können. Und da bieten sich dann Länder wie Indien und China an, obwohl in der Zwischenzeit immer wieder auch Probleme mit der Qualität, der Lieferfähigkeit und der Zuverlässigkeit bekannt geworden sind.

Es werden Produzenten in Billiglohnländern gesucht, um trotz eines niedrigen Preisniveaus noch ausreichend Gewinne "einfahren" zu können.

makro: In den stark vom Coronavirus betroffenen Gebieten Chinas liegen auch Produktionsstätten von Wirkstoffen. Bahnen sich hier bereits die nächsten Lieferengpässe an?

Glaeske: Wenn die Folgen der weit verbreiteten Infektionen und die Reaktionen darauf, wie z. B. die Abschottung bestimmter Städte und Regionen, in denen sich Produktionsstätten für pharmazeutische Produkte befinden (Wuhan, Hunan, Zhejiang, Henan, Hubei, Guangdong), noch Wochen andauern und auch die Produktionen, die Infrastrukturen und die Belieferungswege weiter eingeschränkt bleiben, könnte es in Folge dieser Maßnahmen auch zu weiteren Lieferengpässen kommen.

Schließlich werden in diesen Produktionsstätten auch versorgungsrelevante Mittel aus dem Bereich der Antibiotika, der Schmerzmittel, der Blutdrucksenker oder auch der Vitamine hergestellt.

makro: Die Krankenkassen haben ein Interesse an möglichst niedrigen Preisen, die Pharmaindustrie an möglichst hohen Gewinnen. Lässt sich dieses Dilemma auflösen?

Glaeske: Das geht nur über Verhandlungen und über eine klare Verteilung von Rechten und Pflichten. Die pharmazeutischen Unternehmen haben das Privileg und das Recht, in einem stabil finanzierten Markt der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) mit insgesamt 73 Millionen Versicherten ihre Produkte anzubieten. Deutschland ist der viertgrößte Pharmamarkt weltweit. Alleine die GKV hat Arzneimittelausgaben von rund 40 Milliarden Euro.

Daraus darf eine GKV auch das Recht ableiten, eine zuverlässige und ungestörte Versorgung mit Arzneimitteln erwarten zu dürfen. Wenn dies nicht der Fall ist, weil das vertraglich versprochene Produkt nicht lieferbar ist und so zusätzliche Kosten durch die Substitution mit teureren Mitteln entstehen, müssen die jeweiligen Hersteller, nicht aber die Kassen oder gar die Versicherten dafür aufkommen. Hinzu kommt die Forderung, dass Krankenkassen Verträge mit mehreren Firmen abschließen sollten, damit das Lieferrisiko nicht nur bei einem einzigen Hersteller liegt.

Bestimmte notwendige Arzneimittel werden künstlich verknappt und trotz vorhandener Lagerkapazitäten nicht mehr geliefert, weil dem Unternehmen der Preis zu niedrig erscheint.

In der Zwischenzeit gibt es aber auch ein anderes Szenario: Bestimmte notwendige Arzneimittel werden künstlich verknappt und trotz vorhandener Lagerkapazitäten nicht mehr geliefert, weil dem Unternehmen der Preis zu niedrig erscheint. Lieferprobleme werden in Einzelfällen also auch "gemacht", um die Preise zu erhöhen.

makro: Die Lieferengpässe betreffen nicht nur Deutschland. Wie gehen andere Länder damit um? Kann man sich da etwas abschauen?

Glaeske: Die Probleme sind in der Tat in vielen Ländern ähnlich: Es wird darüber nachgedacht, eine nationale Arzneimittelreserve einzulagern wie z. B. in den Niederlanden oder auch Anreize zu schaffen, um Produktionen wieder nach Europa zu holen.

Bei uns sollen verbesserte Informationswege für drohende Lieferengpässe das Problem abschwächen. Ein wirklich wirksames Konzept ist jedoch in keinem Land zu erkennen. Interessant ist allerdings, dass manche Generika-Firmen schon damit werben, dass sie in Europa oder in Deutschland produzieren.

Grundsätzlich sollte aber die Lagerkapazität bei den Herstellern verpflichtend erhöht werden, die heutige "Sollvorschrift" für 14 Tage sollte auf eine "Mussvorschrift" für zwei bis drei Monate im Paragraf 52 b des Arzneimittelgesetzes verändert werden. Bei all den Veränderungen ist allerdings auch die Politik gefragt, die sich dieses Themas nun endlich angenommen hat - aber besser spät als gar nicht.

Das Interview führte Carsten Meyer, Redakteur beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

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