Zinsen, Miete, Kosten: Bauwirtschaft mit trüber Perspektive

    Hohe Zinsen, teures Material:Bauwirtschaft mit trüben Perspektiven

    von Mischa Ehrhardt
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    Die Perspektiven im Bau verfinstern sich, Stornierungen von Bauprojekten steigen. Häuslebauer und Bauherren schrecken steigende Zinsen und teures Material. Die Mieten steigen.

    Archiv: Wolken ziehen am 13.11.2017 über Baukräne auf einer Baustelle in Berlin hinweg
    Düster sieht es aus für die Bauwirtschaft.
    Quelle: dpa

    In den vergangenen Krisenjahren bildete der Bau stets ein stabiles Fundament für die Konjunktur. Dieses Fundament bröckelt zum Jahresende. Im November hat die Zahl der Stornierungen im Wohnungsbau zugenommen. Das haben Umfragen des Ifo-Institutes in der Branche ergeben. Ifo-Forscher Felix Leiss erklärte gegenüber ZDFheute:

    Die Perspektiven im Bau verfinstern sich, Stornierungen von Bauprojekten steigen. Häuslebauer und Bauherren schrecken steigende Zinsen und teures Material. Die Mieten steigen.

    Ifo-Forscher Felix Leiss

    Die Stimmung in den Unternehmen sei so düster wie seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1991 nicht mehr.

    Stornierungen in Bauwirtschaft häufen sich

    Das Paradoxe an der aktuellen Lage: Trotz der schwierigen Lage sehen sich die Unternehmen gezwungen, die Preise weiter anzuheben. Gewöhnlich läuft es umgekehrt: Verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage, so sinken tendenziell die Preise, um wieder mehr Aufträge zu gewinnen. Nur ist das auf Grund der steigenden Energie und Materialpreise schlicht nicht möglich, weil kaum Spielraum vorhanden ist.
    Seit dem Frühjahr bereits beobachtet das Ifo-Institut einen Anstieg von Stornierungen. Das belastet Baubranche und Wohnungsbau gleichermaßen. Der Zentralverband Deutscher Baugewerbe rechnet mit einem kräftigen Rückgang neugebauter Wohnungen: Im kommenden Jahr sollen nur noch 245.000 Wohnungen fertig gestellt werden. Das sind etwa 12 Prozent weniger als in diesem Jahr mit 280.000 - und damit der dritte Rückgang in Folge.

    Wohnungswirtschaft
    :Ampel wird Bauziel "krachend verfehlen"

    Den Bau von 400.000 Wohnungen pro Jahr hat sich die Ampel-Koalition vorgenommen. Davon ist sie laut dem Verband der deutschen Wohnungswirtschaft weit entfernt.
    Ein Bauarbeiter steht auf einem Balkon auf einer Baustelle von einem neu gebauten Wohnhaus im Berliner Südosten.
    Das macht auch der Ampel-Koalition in Berlin einen Strich durch den Koalitionsvertrag. Denn dort hatten die drei Parteien sich das Ziel von 400.000 neugebauter Wohnungen jährlich gesetzt, um für mehr bezahlbaren Wohnraum zu sorgen. Auch hier wirkt die aktuelle Krise mit allgemein steigenden Preisen entgegen. Und steigenden Zinsen.
    "Wir brauchen ein viel besseres System zur Verhinderung von Wohnungslosigkeit", fordert Werena Rosenke, Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe. Bisher sei "alles nur Flickwerk".16.12.2022 | 4:54 min

    Bauzinsen ziehen an

    Denn in Reaktion auf die hohe Inflation hat die Europäische Zentralbank in diesem Jahr bereits vier große Zinsschritte unternommen. Den letzten von 0,5 Prozent Mitte Dezember. Damit liegt der Leitzins auf nunmehr 2,5 Prozent. Die seit längerem anvisierten und dann tatsächlich erfolgten Anhebungen haben die Zinsen an den Kapitalmärkten im Vorfeld bis heute allgemein steigen lassen - nicht zuletzt auch die Bauzinsen.
    Weil sich mit den Zinsen die Baufinanzierung verteuert und gleichzeitig die Baukosten steigen, können sich tendenziell auch weniger Menschen den Kauf einer Wohnung oder den Bau eines Hauses leisten. Und das wiederum wirkt auch in den Mietmarkt hinein. Denn diese immer noch vergleichsweise wohlhabenden Menschen sind dann auch potente Nachfragerinnen für Mietwohnungen.

    Vor- und Nachteile
    :Was es bedeutet, wenn die Zinsen steigen

    Die Europäische Zentralbank schraubt die Zinsen weiter nach oben - um 0,5 Punkte auf 2,5 Prozent. Aber was bedeutet das eigentlich für Verbraucher?
    Archiv: Eine Frau mit Regenschirm steht vor einem Schaufenster mit Ammobilienangeboten.
    FAQ

    Enorm steigende Mietnebenkosten

    Ohnehin ist der Mietmarkt finanziell für Mieter derzeit ebenfalls ein schwieriges Feld: Die Nettokaltmieten steigen seit langem. Mit der hohen Inflation ziehen aber auch die kalten Nebenkosten an, wie Versicherungen und Gebühren rund um die eigenen vier Wände. Vor allem aber sind es natürlich die warmen Nebenkosten wie Warmwasser und Heizung, die explodiert sind. Michael Voigtländer stellt fest:

    Wir sehen, dass die Erschwinglichkeit von Mietwohnungsraum insgesamt zurückgeht.

    Michael Voigtländer, Institut der Deutschen Wirtschaft

    Als Forscher im Institut der Deutschen Wirtschaft hat er gerade im Auftrag der Deutsche Invest Immobilien (d.i.i.) eine Studie zur Situation am Mietmarkt durchgeführt.

    Gesamtmieten fast elf Prozent gestiegen

    Steigende Mietnebenkosten treffen zwar alle Mieter. Schwer treffen sie aber vor allem weniger wohlhabende und ärmere Haushalte. Denn bei ihnen wirken sich auf Grund des vergleichsweise kleinen Budgets steigende Mietnebenkosten stärker aus. Und die Steigerungen sind enorm. Voigtländers Berechnungen zu Folge sind die durchschnittlichen Gesamtmieten hierzulande im vergangenen Jahr um fast elf Prozent gestiegen.
    Durch die "Dezemberhilfe", so Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund, sollen 2023 Mieter eine Gutschrift von ihren Vermietern erhalten.15.11.2022 | 12:46 min
    Den Löwenanteil der Preissteigerungen machen höhere Heizkosten aus, sie stiegen innerhalb eines Jahres um im Schnitt 48 Prozent.
    Steigende Kosten und Nebenkosten, wenig Neubauten und eine hohe Nachfrage nach Wohnraum vor allem in Ballungsgebieten: Die Situation am Bau- und Mietmarkt wird voraussichtlich auch im Jahr 2023 angespannt bleiben.

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