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Interview

Architektur : Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum?

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Architekt Florian Nagler erklärt im Interview, wie wir mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen können. Dafür müssen auch unsere Ansprüche wieder sinken.

Die Wohnungen in dem Heidelberger Wohnheim sind sogar veränderbar: Elemente wie die Schiebewände garantieren flexibles Wohnen, große Gemeinschaftsflächen ein angenehmes Zusammenleben.

Beitragslänge:
1 min
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ZDF: Woran liegt es in ihren Augen, dass in Deutschland seit Jahrzehnten Wohnungsnot herrscht? Und welche Lösungen haben Sie dafür?

Florian Nagler: Unser Problem ist auch, dass unsere Ansprüche ständig wachsen. Wohnfläche haben wir nämlich eigentlich ausreichend - sie wird nur oft schlecht genutzt.

Seit der Nachkriegszeit hat sich die Wohnfläche, die jedem Bundesbürger statistisch zur Verfügung steht, fast verdoppelt.

Wir sollten aber dringend darüber nachdenken, ob wir wirklich so viel Wohnraum benötigen - wobei sicher nicht die vierköpfige Familie in der kleinen Dreizimmerwohnung das Problem ist - und wie wir Häuser so planen, dass sie bei sich ändernden Lebenssituationen - Kinder aus dem Haus, etc. - auch einfach an die neuen Verhältnisse angepasst werden können, um die zur Verfügung stehenden Flächen auch sinnvoll zu nutzen.

Florian Nagler

ZDF: Sie haben ihre Forschungshäuser in Bad Aibling jeweils komplett aus drei verschiedenen Materialien gebaut (Holz, Ziegel und Beton) - auch um herauszufinden, worin es sich am besten wohnt. Welche Zwischenergebnisse zeichnen sich ab? Und um wieviel günstiger im Vergleich zu konventioneller Bauweise sind die Häuser eigentlich?

Nagler: Wir haben einfache Häuser mit möglichst schichtenarmen Baukonstruktionen und so wenig Haustechnik als möglich entwickelt. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass der sommerliche Wärmeschutz, der in Zukunft wohl immer wichtiger werden wird, in unseren massiv gebauten Häusern sehr gut funktioniert.

Über den durch den Heizwärmebedarf verursachten Energieverbrauch können wir erst nach dem nächsten Winter erste Aussagen treffen.

ZDF: Um wieviel günstiger im Vergleich zu konventioneller Bauweise sind die Häuser?

Nagler: Da unsere Häuser mit Materialien errichtet wurden, die noch nicht in großen Stückzahlen produziert werden (Infraleichtbeton, dämmende Massivholzplatten, ungefüllte Dämmziegel), waren wir schon froh, dass unsere Häuser im ersten Schritt nicht teurer waren als konventionell gebaute Wohnbauten.

Wir gehen aber davon aus, dass wir bei größeren verbauten Mengen und nach einem Einarbeitungseffekt bei den nächsten Projekten die Kosten noch werden reduzieren können.

ZDF: Inwiefern ist "Einfach bauen" angesichts der Fülle an Bauvorschriften in Deutschland überhaupt möglich? Wie kann man dieses Problem lösen? Die Niederlande haben zum Beispiel ihre Bauvorschriften entschlackt und formulieren eher Ziele als Detailvorgaben. Inwiefern täte Deutschland auch gut daran?

Nagler: Zu Beginn unseres Forschungsprojektes hatten wir vermutet, dass wir vielleicht in vielen Bereichen Probleme mit geltendem Recht bekommen würden. Wir haben es dann allerdings geschafft, trotz unserer sehr einfachen Bauweisen, alle rechtlichen Anforderungen und Schallschutz einzuhalten - Brandschutz, Statik, etc. sowieso!

Statt exakt einzuhaltender Einzelwerte, Ziele zu formulieren und der Planung im Rahmen einer Gesamtbetrachtung mehr Handlungsspielraum zu geben, wäre sicherlich sinnvoll, würde aber wohl auch bedeuten, dass die Planer*innen mehr Verantwortung übernehmen müssten…

ZDF: In München wenden Bauherr*innen statistisch gesehen fast 80 Prozent der Bausumme für Bauland auf. Was läuft da schief und wie würden Sie dieses Dilemma lösen? Wäre Bauen im Erbbaurecht, wie es zum Beispiel die Stadt Basel macht, eine Lösung? Wenn ja, warum wird das in Deutschland kaum angewandt? 

Nagler: Die Preisentwicklung beim Bauland ist - nicht nur in München - inzwischen völlig absurd und macht das Bemühen um die Optimierung der Kosten beim Bauwerk eigentlich zur Farce. 

Auch die Stadt München experimentiert mit der Vergabe von Grundstücken im Erbbaurecht - trotzdem sind diese noch viel zu teuer, um nachhaltige und innovative Konzepte mit niedrigen Mieten vereinbaren zu können.

ZDF: Welche Rolle spielen ländliche Gebiete, wenn es um Wohnungsnot geht? Und was müsste ihrer Meinung nach hier getan werden, um den Druck auf den städtischen Wohnungsmarkt zu verringern?

Nagler: Ein sinnvoller Umgang mit der Ressource Boden wird uns dazu zwingen, auch auf dem Land über angemessene Dichte - sprich: mehr Höhe - zu diskutieren.

Dass das Land dabei den Druck vom städtischen Wohnungsmarkt wird nehmen können, glaube ich eher nicht - den werden die Städte durch sinnvolle Nachverdichtung, aber auch angemessene Nutzung von Wohnflächen selbst in den Griff bekommen müssen.

TV-Tipp

ZDF: In Deutschland heißt es oft: "Wir bauen fürs Leben." So werden beispielsweise Sichtbetondecken, wie in ihrem Forschungshaus in Bad Aibling, oder fehlende Tiefgaragen oft als Manko gesehen. Inwiefern hilft diese Einstellung nicht, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen beziehungsweise brauchen die Deutschen vielleicht einen Gesinnungswandel, wenn es ums Wohnen geht? Und wie könnte der herbeigeführt werden?

Nagler: Wir versuchen mit unseren Forschungshäusern auch zu zeigen, dass man in einfachen, fast bescheidenen Wohnungen sehr gut leben kann. Sie sind weit weg von smart homes und technisch hochgerüsteten Gebäuden.

Bescheidenheit und Sparsamkeit sind Begriffe, die derzeit in der Diskussion selten vorkommen, sie könnten uns aber helfen, unsere Probleme wieder in den Griff zu bekommen.
Florian Nagler, Architekt

Statt zu versuchen, mit immer neuen technischen Lösungen jedes neu auftauchende Problem zu lösen, sollten wir erst einmal für uns prüfen, ob wir die Dinge, mit denen wir uns umgeben, auch wirklich brauchen!

Das Interview führte Cordula Stadter.

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