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Interview

Wirtschaftsprofessor zu Pandemie - "Politik muss sich rasch anpassen"

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Die Politik muss sich anpassen, die Gesellschaft muss lernen, mit Viren zu leben: Wirtschaftsprofessor Straubhaar fordert eine grundlegende Modernisierung - und erklärt, warum.

Leere Straßen und aufgebiate Stühle in vor einem Restaurant
Leere Straßen, geschlossene Geschäfte, drohende Insolvenzen, überlastete Systeme: Die Corona-Pandemie ist eine schwierige Herausforderung - für alle.
Quelle: epa

ZDFheute: Seit einem Jahr kämpft auch unser Land gegen die Corona-Pandemie. Was macht Ihnen am meisten Sorgen ?

Prof. Dr. Thomas Straubhaar: Mich hat total verblüfft, wie rasch und erratisch das Pendel der Meinungen hin- und herschwang. Am Anfang wurde ich unter breiter Zustimmung in den sozialen Medien von Kollegen als "Brandstifter" bezeichnet, weil ich darauf hingewiesen habe, dass unter dem Lockdown-Hammer einer Politik, deren oberstes Ziel es absolut richtigerweise ist, Leben zu retten, (Schwerst-)Erkrankungen zu vermeiden und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, auch soziale Vereinsamung, wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen, Insolvenzen und Geschäfts- oder Schulschließungen zu schrecklichen Folgen führen, die für viele Menschen genauso lebensgefährlich oder gesundheitsschädigend sind.

Damals war der überragende Teil der Bevölkerung der Meinung, dass der Bekämpfung von Covid-19 alles andere - also auch Grundrechtsverletzungen - unterzuordnen sei. Mittlerweile hat da der Wind komplett gedreht.

Nun werden Bundesregierung und Bundeskanzlerin in einer Art und Weise attackiert und beschimpft wegen Lockdowns, Impfchaos und Notstandsmaßnahmen ohne Rücksicht auf deren soziale und ökonomische Kosten, dass es mir schon viel zu viel ist. So verliert Politik jedes Vertrauen und die Gesellschaft zerfällt in verfeindete Lager.

Öffnungsschritte - obwohl Zahlen steigen? Wieder mal muss die Ministerpräsidentenkonferenz mit Angela Merkel entscheiden. Seit einem Jahr das mächtigste Gremium dieser Krise. Und das umstrittenste.

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2 min
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ZDFheute: "Alle stochern im Nebel", haben Sie in einem Interview gesagt. Steht das im Widerspruch zu einem strategischen Konzept gegen die Pandemie?

Straubhaar: Ja, wenn Sie damit meinen, dass es eine einzige richtige Vorgehensweise gibt, die von der Regierung am Reißbrett der Politik entworfen und dann in einem großen Wurf umgesetzt werden könnte.

Weder kluge Virologen, erfahrene Epidemiologen, medizinisches Spitzenpersonal noch ökonomische Sachverständige haben mehr als einzelne Bruchstücke zum Verständnis für das große Ganze beizutragen. Vieles erweist sich bei kritischer Analyse eher als Meinung denn Wissen. Daraus eine langfristig beständige, widerspruchsfreie, schlüssig zusammenhängende Agenda des politischen Tuns und Lassens zu zimmern, ist schier unmöglich.

Wer da mehr als ein Fahren auf Sicht erwartet, unterschätzt schlicht die Komplexität der Herausforderungen. Es gehört zur Ehrlichkeit von Krisenzeiten sich einzugestehen, dass in so komplexer Gemengelage ein "Fahren auf Sicht" vielleicht die vernünftigste Strategie ist.

Politik muss auf rasche Anpassungsfähigkeit an völlig neue und komplett andere Gegebenheiten setzen, auf eine Politik der kleinen Schritte.

ZDFheute: Befürchten Sie eine Spaltung unserer Volkswirtschaft?

Straubhaar: Ja, wobei Corona hier nur beschleunigend wirkt. Verantwortlich für die sich abzeichnenden Polarisierung in Wirtschaft und Spaltung der Gesellschaft sind ganz andere, längerfristige Trends. Dazu gehören Digitalisierung und Datenwirtschaft, die Art und Weise, wie wir leben, kommunizieren und arbeiten, komplett verändern.

Geschlossene Kitas, schlechter Infektionsschutz an so manchem Arbeitsplatz: Corona trifft nicht jede(n) gleich - sondern fördert die soziale Spaltung.

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3 min
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Roboterisierung und Automatisierung werden die Arbeitsproduktivität insgesamt steigen lassen. Das ist eine gute, positive Nachricht - aber eben nicht für alle. Wer von den Robotern verdrängt und ersetzt wird, verliert Job und Einkommen. Dazu kommt: Wer in helfenden und pflegenden Dienstleistungsbereichen tätig sein wird, kann auch nicht mit stark steigenden Löhnen rechnen.

ZDFheute: Wo endet die Verantwortung des Staates? Und welche Verantwortung tragen die Bürger*innen?

Straubhaar: Die Gesellschaft musste zweifelsfrei die Pandemiebekämpfung zur "öffentlichen" Aufgabe machen. Dabei hat sie aber persönliche Verantwortung über Gebühr zurückgedrängt. Aufgeklärte, demokratische Gesellschaften müssen auf die Eigenverantwortung vertrauen, wenn es darum geht, wer was isst oder trinkt, welche Transportmittel benutzt werden und ob jemand das Holz selber hackt oder das anderen überlässt.

Dass in der Pandemie nicht alles nur alleine entschieden werden kann, ist klar. Aber warum nicht daran appellieren, aus Eigenverantwortung Atemmasken zu tragen, Abstand zu halten, sich impfen zu lassen und Ansteckungs- oder Übertragungsrisiken - so weit möglich - zu minimieren?

Man sieht doch, wie sehr sich Zwang abnutzt, wie im Jo-Jo von Lockdown und Lockerung die Einsicht und Bereitschaft der Bevölkerung schwinden, Vorschriften zu beachten.

ZDFheute: Glauben Sie, dass Corona unsere Gesellschaft dauerhaft verändern wird?

Straubhaar: Ja, wir müssen mit Viren leben lernen! Wenn sie nicht biologisch oder chemisch sind, dann werden sie als Cyber-Viren daher kommen und genauso bedrohlich für den Alltag werden - beispielsweise, wenn im Cyberspace Kriminelle Viren versenden und so ganze Rechenzentren lahmlegen, wodurch die öffentliche Daseinsvorsorge gefährdet wird, weil  z.B. die Feuerwehr ihre Autos nicht mehr durch die blockierten Garagentüren fahren kann.

Und ja, das alles wird unser Leben dauerhaft verändern. Das muss aber keinesfalls nur negativ sein. Hoffentlich erkennen nun noch mehr Menschen als zuvor, dass wir so wie vorher nicht weitermachen können und auch nicht weitermachen sollen. Unser Gesellschaftssystem bedarf nicht eines Restarts, sondern einer tiefgreifenden Modernisierung.

Das Interview führte Susanne Biedenkopf.

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