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Kündigungen - Fairness, der schlummernde Wirtschaftsfaktor

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In der Corona-Krise droht massiver Stellenabbau. Verhaltensökonom Matthias Sutter sagt: Werden Kündigungen als unfair empfunden, leidet das ganze Unternehmen.

Ein Mitarbeiter eines Stahlwerks vor einer Roheisenpfanne.
Die Wirtschaft in Deutschland steuert auf eine beispiellose Krise zu.
Quelle: dpa

Das Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern wollte herausfinden, welche Rolle es spielt, ob Kündigungen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nachvollziehbar sind oder nicht.

Dafür hat eine Forschergruppe um den Verhaltensökonom Matthias Sutter Angestellte in einem Callcenter beobachtet. In einem Versuch hat man 20 Prozent der Belegschaft mit einer nachvollziehbaren Begründung die Kündigung ausgesprochen.

In einem anderen Versuch hat man 20 Prozent der Belegschaft die Kündigung willkürlich ausgesprochen. Die Forscher haben anschließend beobachtet, ob die verbliebenen Kolleginnen und Kollegen unterschiedlich auf die Vorgänge reagieren.

ZDFheute: Sie beschäftigen sich in Ihrer neusten Studie mit der Frage, wie sich Kündigungen, die als unfair wahrgenommen werden, auf die verbliebenen Kollegen und Kolleginnen auswirken. Warum ist diese Frage so wichtig?

Matthias Sutter: Weil das Gefühl, vom Arbeitgeber fair behandelt zu werden, hohen Einfluss hat auf die Produktivität. Fairness ist keine Goodwill-Geschichte, sondern ein veritabler Wirtschaftsfaktor. Die Tatsache allein, dass Kündigungen ausgesprochen werden, hat keinen Einfluss auf die Produktivität. Werden sie aber als ungerechtfertigt wahrgenommen, reagieren alle sehr sensibel – und zwar unabhängig davon, ob sie selbst betroffen sind oder nicht.

Wir konnten feststellen, dass bei Mitarbeitern, die zwar ihre Stelle behalten, aber von der unfairen Behandlung ihrer Kollegen erfahren, die Produktivität um zehn Prozent nachlässt.

Das hat uns selbst überrascht.

ZDFheute: Welche Rückschlüsse lässt das zu auf die aktuelle Situation?

Matthias Sutter: Der belastendste Faktor in der Corona-Krise ist die Unsicherheit. Deshalb sollten Arbeitgeber transparent agieren: Offenheit ist der einzige Weg. Auf keinen Fall sollten sie einen Schuldigen von außen vorschieben. Das Spiel vom 'bösen Unternehmensberater' funktioniert nur einmal.

Wenn Mitarbeiter das Gefühl entwickeln, es werden Sündenböcke gesucht, verlieren sie das Vertrauen.

ZDFheute: Was ist aus Arbeitgeber-Sicht daran so schlimm?

Matthias Sutter: Vertrauen fördert die Effizienz bei der Arbeit dramatisch.  Es gab vor rund 20 Jahren eine Umfrage in verschiedenen Ländern, wie stark die Bürger ihren Mitmenschen vertrauen. Das Erstaunliche ist, dass die Wachstumszahlen der Länder mit den Antworten der Bevölkerung korrelieren. Also:

Haben die Menschen Vertrauen in andere, läuft es auch in der Wirtschaft besser.
Matthias Sutter

ZDFheute: Und was könnten Arbeitgeber aus dieser Erkenntnis mitnehmen?

Matthias Sutter: Viele Details im Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sind nicht reglementiert, sondern basieren auf Vertrauen. Gegängelte Mitarbeiter sind nicht produktiv. Arbeitszufriedenheit hängt stark von der Gestaltungsautonomie ab, ob sich Mitarbeiter ernst genommen und frei fühlen, kreativ mitzudenken.

Bei der angeschlagenen Lufthansa stehen 22.000 Vollzeitstellen auf dem Spiel.

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2 min
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ZDFheute: Sollte das nicht in Unternehmen mit moderner Personalführung selbstverständlich sein?

Matthias Sutter: Geraten Unternehmer unter Druck, fixieren sie sich schnell auf so etwas wie Umsatzzahlen. Vertrauen und Fairness geraten aus dem Blickwinkel. Mitarbeiter möchten sich aber respektiert sehen, wollen pfleglich behandelt werden und nicht als 'Human Ressource'.

Die innere Haltung des Arbeitgebers ist dabei sehr wichtig. Wenn ich mit Unternehmern spreche, finden das viele einleuchtend. Am Ende aber fragen sie sich, was sie ab Montag anders machen sollen.

Das Interview führte Eva Schmidt, Redakteurin und Moderatorin beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

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