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Interview

Unternehmerin in der Pandemie - "Es braucht jetzt eine Öffnungsstrategie"

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Im zweiten Corona-Shutdown wird es für viele Unternehmen eng. Sarna Röser, Vorsitzende der Jungen Unternehmer, will: Planungssicherheit und eine verlässliche Öffnungsperspektive.

Eine Passantin geht an einem geschlossenen Geschäft vorbei
Seit dem 16. Dezember sind die meisten Geschäfte geschlossen. Und viele Unternehmen bangen um ihre wirtschaftliche Existenz.
Quelle: dpa

ZDFheute: Seit einem Jahr kämpft auch unser Land gegen die Corona-Pandemie. Was macht Ihnen am meisten Sorgen?

Sarna Röser: Für viele im Mittelstand ist es bereits fünf nach zwölf. Zu der Sorge um die Gesundheit kommt bei vielen Unternehmern das Bangen um die wirtschaftliche Existenz. Mir bereitet große Sorge, dass wir noch immer keine längerfristige Perspektive haben. Es braucht jetzt eine regelbasierte Öffnungsstrategie und damit Planbarkeit für unsere Unternehmen. Viele geschlossene Betriebe wissen nicht, wann sie wie wieder öffnen dürfen. Zum Beispiel im Einzelhandel müssen Waren teilweise ein halbes Jahr vor dem geplanten Verkauf bestellt werden. Dieses Risiko jetzt einzugehen, ist für viele Unternehmer zu groß. Andere erzielen viel geringere Umsätze als früher und können nur noch hoffen, dass das Geld bis zum Ende des Lockdowns reicht.

Verheerend ist, dass die Auszahlung der versprochenen Corona-Hilfen seit Monaten stockt. Zu viele Firmen stehen auch deswegen gerade unverschuldet vor dem Aus. Die Unternehmer und ihre Mitarbeiter müssen sich auf die Zusagen der Regierung verlassen können, denn wer das Vertrauen in die Wirtschaftspolitik zerstört, der zerstört auch die Perspektiven für die Menschen in Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit.

ZDFheute: Lässt sich der wirtschaftliche Schaden noch eingrenzen und welche Lösungen schlagen Sie vor?

Röser: Der wirtschaftliche Schaden in den vergangenen Monaten war für viele Unternehmen bereits enorm. Die entstandenen Umsatzausfälle haben die meisten Betriebe mit ihrem Eigenkapital ausgeglichen, doch langsam ist das Geld aufgebraucht.

Mit jeder weiteren Lockdown-Woche steigt die Gefahr einer größeren Insolvenzwelle.
Sarna Röser

Deswegen brauchen wir jetzt Lockerungen statt uns von Lockdown zu Lockdown zu hangeln. Und die Überbrückungshilfen müssen jetzt endlich fließen. Außerdem müssen wir die Zukunftsthemen - wie die digitale Transformation - jetzt anpacken und einen Restart für Deutschland wagen. Es braucht frische Impulse in der Politik, mit Fokus auf Digitalisierung, Wachstum, Generationengerechtigkeit und einen Neustart in Sachen Klimaschutz.

ZDFheute: Die Folgen der Corona-Pandemie treffen kleinere Unternehmen besonders hart. Befürchten Sie eine Spaltung unserer Volkswirtschaft?

Röser: Der Mittelstand ist Deutschlands Stärke. Aber gerade kleinere Betriebe verfügen häufig nicht über die finanziellen Reserven, um Umsatzausfälle längerfristig kompensieren zu können. Deswegen sind diese Unternehmen derzeit besonders gefährdet. Es droht auch ein Verlust von Innovationsfähigkeit für unseren Standort, wenn Start-ups aufgeben müssen oder gar nicht erst gegründet werden.

Aber auch der größere Mittelstand ist nicht von der Krise ausgenommen. Unternehmen mit vielen Filialen in den Innenstädten haben hohe Fixkosten. Die Hilfspakete müssen daher auch für sie zugänglich sein, ohne dass gleich der Staat bei ihnen als Mitgesellschafter einsteigt. Einige in der Politik haben die Krise im Mittelstand verkannt. Es wird zwar nachgesteuert, aber die Regierung verheddert sich in der eigenen Bürokratie und im Abstimmungsirrsinn zwischen den Ministerien.

Viele Unternehmer*innen hatten beim Corona-Gipfel auf eine klare Perspektive gehofft - denn sie sind frustriert. Sarna Röser vom Verband "Die Jungen Unternehmer" erklärt, warum.

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14 min
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ZDFheute: Wo endet die Verantwortung des Staates? Und welche Verantwortung tragen die Bürger?

Röser: Durch die Krise kommen wir nur, wenn alle miteinander und nicht gegeneinander arbeiten. Jeder einzelne trägt Verantwortung, auch der Staat. Es ist richtig und wichtig, dass der Staat denen hilft, denen unverschuldet großer Schaden entsteht. Trotzdem müssen wir den Blick dafür schärfen, dass die jetzigen Staatsausgaben für Kurzarbeit, Hilfsmaßnahmen, Kinderboni etc. erst einmal von Unternehmen und Mitarbeitern erwirtschaftet werden müssen.

Es gilt auch weiterhin: Ein Staat ohne florierende Wirtschaft kann nur sehr kurze Zeit als großer Gönner auftreten.
Sarna Röser

Außerdem kann es gar keinen Superstaat geben, der den Bürgern sämtliche Sorgen und Nöte abnimmt. Die gangbare Alternative dazu ist solider Wohlstand durch mehr Eigenverantwortung.

Die derzeitige staatliche Unterstützung ist nur möglich, weil die Regierung vorher an die grundgesetzlich geregelte Schuldenbremse gebunden war. Die Entscheidung zur Schwarzen Null und zur Schuldenbremse ist aus heutiger Sicht geradezu überlebensnotwendig gewesen, damit wir in dieser Krise überhaupt den Puffer haben, den es jetzt so dringend braucht. Deswegen müssen wir so schnell wie möglich wieder ins Wirtschaften kommen und auf politischer Ebene wieder zur Schuldenbremse zurückkehren. Eine Politik auf Kosten der jungen Generation, die die Schulden bedienen muss, darf es nicht geben.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) fordert von der EU eine schnellere Zulassung des Impfstoffs von Johnson & Johnson. "Dieser Impfstoff muss nur einmal verimpft werden und das würde uns wirklich helfen", so Weil.

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5 min
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ZDFheute: Wie können wir lernen mit dem Virus zu leben und glauben Sie, dass Corona unsere Gesellschaft dauerhaft verändern wird?

Röser: Eine schnelle Durchimpfung der Bevölkerung ist ein wichtiger Schritt hin zu einer neuen Normalität, aber so lange können viele Unternehmer nicht mehr warten. Deswegen sollte die Politik sich jetzt darauf konzentrieren, wie wir mit dem Virus leben und wirtschaften können. Immer nur Lockdown ist auch keine Lösung.

Dazu braucht es mehr als täglich auf den Inzidenzwert zu schauen. Auch die Auslastung der Krankenhäuser, die Impfrate bei den Risikogruppen, mehr Tests und die Situation vor Ort, in den Landkreisen, müssen als Gesamtbild betrachtet werden und daraufhin vor Ort Entscheidungen für Öffnungen - oder eben Schließungen - getroffen werden. Die Unternehmen brauchen jetzt dringend eine Perspektive hin zur neuen Normalität - und mittel- und langfristigen Schwung, um aus dem Krisental herauszukommen. Ein Baustein dafür ist, dass vielen die Bedeutung der Digitalisierung bewusster geworden ist.

Der Corona-Digitalisierungsschub wird unser Zusammenleben und die Arbeitswelt verändern.
Sarna Röser

Diesen Schub sollten wir nun für den Aufschwung, für Wachstum aus der Krise heraus, nutzen.

Das Interview führte Susanne Biedenkopf, Leiterin der ZDF-Redaktion für Wirtschaft, Recht, Service, Soziales und Umwelt.

Das Foto zeigt einen Corona-Schnelltest

Nachrichten | Politik - Corona-Test: Worauf man achten sollte 

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