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"Corona macht Missstände sichtbar"

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Arbeitsbedingungen in der Krise - "Corona macht Missstände sichtbar"

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Die Corona-Krise macht prekäre Arbeitsbedingungen sichtbarer und verschärft sie. Ob sich die Missstände ändern, liege an uns und der Politik, so die Soziologin Christine Wimbauer.

Erntehelfer arbeiten auf einem Feld.
Arbeit auf Abruf, geringer Lohn und schwer planbar: die Arbeit als Erntehelfer
Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

ZDFheute: Frau Wimbauer, diese Woche waren die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie Thema im Bundestag. War es für Sie überraschend, dass die Branche deswegen im Fokus steht?

Christine Wimbauer: Nein, die Zustände waren schon lange katastrophal. Aber jetzt betreffen sie mehr Menschen - zumindest indirekt. Und deshalb ist der Druck auf die Politik größer. Daran sehen wir: Die Corona-Krise ist wie ein Brennglas, das Missstände verschärft, aber auch sichtbar macht.

Christine Wimbauer...

ZDFheute: Die Krise hat prekäre Arbeitsbedingungen in sehr unterschiedlichen Branchen sichtbar gemacht. Gibt es ein verbindendes Element?

Wimbauer: All diese Arbeitsverhältnisse verbindet Unsicherheit. Prekäre Arbeitsverhältnisse zeichnet aus, dass das Einkommen gering und schwer planbar ist. Häufig wird auf Abruf oder in Randzeiten gearbeitet, die Verträge sind befristet oder wie beim Mini-Job nicht sozialversicherungspflichtig abgesichert. Neben den schweren Arbeitsbedingungen und dem wenigen Lohn bekommen viele auch noch wenig Anerkennung für ihre Arbeit.

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ZDFheute: Darüber haben sie geforscht und bereits vor der Krise intensiv mit Menschen gesprochen, die in prekären Jobs arbeiten. Was haben Sie festgestellt?

Wimbauer: Viele waren wütend und verärgert, weil sie keine Anerkennung erfahren. Ob von Gesellschaft, Politik oder Arbeitgeber: Sie hatten das Gefühl, dass ihre Arbeit als selbstverständlich wahrgenommen wird, obwohl ihr Einsatz weit über den von "normalen" Beschäftigungsverhältnissen hinausgeht. Fast alle Befragten haben über gesundheitliche Probleme geklagt. Ihre Jobs sind meistens psychisch belastend, körperlich anstrengend und finden unter hohem Druck statt.

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ZDFheute: In der Krise kam dann die Anerkennung. Kassiererinnen und Pfleger wurden bejubelt, die Kanzlerin erwähnte sie sogar einer Fernsehansprache. Hilft das?

Wimbauer: Sagen wir mal so: Das ist ein erster Schritt, aber natürlich reicht das nicht. Diese symbolische Anerkennung wird zynisch, wenn weitere Schritte ausbleiben. Es braucht also auch eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen.

ZDFheute: Viele sprechen davon, dass die Krise eine Chance sein kann, um solche Ziele durchzusetzen. Gleichzeitig sehen sich Menschen in prekären Situationen noch mehr Herausforderungen ausgesetzt als sonst schon. Was überwiegt nun: Möglichkeiten oder Gefahr?

Müll und Gerümpel türmt sich vor der Unterkunft für Erntehelfer auf einem Spargelbetrieb in Bornheim am 18.05.2020
Erntehelfer, die in solchen Sammelunterkünften leben, können sich nur unzureichend vor dem Coronavirus schützen.
Quelle: dpa

Wimbauer: Ich bin skeptisch, dass sich etwas verändert, weil ich glaube, dass die Gesellschaft eher ein Kurzzeitgedächtnis hat. Ich kann mir vorstellen, dass wir schnell wieder den Zustand von vor der Krise erreichen, wo diese prekären Arbeitsverhältnisse zwar bekannt waren, man aber nichts dagegen getan hat. Man muss also schauen, dass sich diese Missstände mindestens in das Mittel- oder Langzeitgedächtnis der Gesellschaft einbrennen. 

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ZDFheute: Wie kann das gelingen?

Wimbauer: Da spielt eine öffentliche Sichtbarkeit dieser Branchen und Menschen eine ganz wichtige Rolle. Es braucht mehr Medienpräsenz, aber auch bessere Personalvertretungen und stärkere Lobbygruppen. Und wichtig ist natürlich, dass wir die Erkenntnis und das Wissen, dass diese Menschen in systemrelevanten Tätigkeiten arbeiten, nicht versacken lassen und unsere gesellschaftliche Anerkennung aufrecht erhalten.

Das Gespräch führte Johanna Sagmeister.
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@JohannaSagt

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