ZDFheute

Der unfaire Poker um Impfstoffdosen

Sie sind hier:

Kampf gegen Coronavirus - Der unfaire Poker um Impfstoffdosen

Datum:

Die USA und auch Deutschland sichern sich mit Milliardenbeträgen die ersten Dosen eines Impfstoffs gegen Corona. Experten kritisieren den Wettlauf scharf als unfairen Aktionismus.

Produktion beim Impfstoff-Hersteller BioNTec
Die USA haben sich bei BioNtech und Pfizer Corona-Impfstoff für 1,95 Milliarden Dollar gesichert.
Quelle: BioNTec

Das Wettrennen um den Impfstoff hat begonnen: Jede optimistische Meldung von BioNTech oder Curevac scheint einen milliardenschwerden Deal über das Zugriffsrecht auszulösen. Eine Entwicklung, die Gesundheitsökonomen für sehr bedenklich halten - denn sie könnte die globale Ungleichheit verschärfen und sich langfristig negativ auf die Weltwirtschaft auswirken.

Forscher in Deutschland und Großbritannien vermelden vielversprechende Zwischenergebnisse. Die jeweils erforschten Impfstoffe lösen eine sogenannte "doppelte Immunreaktion" durch Antikörper und T-Zellen aus. Nun sollen weltweit Massentests beginnen.

Beitragslänge:
2 min
Datum:

Verträge über die ersten Millionen Impfstoff-Dosen

Die Adresse von BioNTech lautet in Mainz "An der Goldgrube" - passender könnte der Straßenname momentan nicht sein: Die USA, aber auch Großbritannien und andere Länder haben milliardenschwere Verträge abgeschlossen, um sich erste Impfstoffdosen zu sichern, sobald sie zugelassen sind. Ähnliche Verträge laufen auch mit anderen Biotechunternehmen.

Der Bielefelder Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner nennt das eine "ungute Entwicklung" und wirft den Staaten Aktionismus vor. Gerade US-Präsident Donald Trump müsse sich im Wahlkampf daran messen lassen, wie er die Pandemie in den Griff bekommt - die Impfdosen seien da ein Pfund, mit dem er wuchern könne. Und andere Staaten täten es ihm nach. "Da werden Maßnahmen getroffen, die man so nicht für möglich gehalten hätte", sagt er. Er hält das für "sehr bedenkenswert" - und das aus mehreren Gründen.

Drei Gründe, warum die Verträge der falsche Weg sind

Der erste Grund: Unfairness. Am Anfang würden von einem neu entwickelten Impfstoff nur eine beschränkte Anzahl von Dosen zu haben sein - nicht alle Länder können sich mit Zahlungsfähigkeit durchsetzen. "Was soll da noch für die Entwicklungsländer übrig bleiben?", meint Greiner.

Der zweite Grund: Spekulation. Es seien schließlich mehr als 150 Impfstoff-Kandidaten in einem unterschiedlichen Grad der Entwicklung. "Woher wissen die Staaten, welches am Ende das beste und schnellste sein wird?", fragt sich Greiner. "Das würde man sonst nie bei einem Medikament machen", sagt er. "Diese Unsicherheit überlässt man doch erst mal den Unternehmen."

Handel hat auch etwas mit Fairness und Ethik zu tun.
Wolfgang Greiner, Fakultät für Gesundheitswissenschaften an der Uni Bielefeld

Der dritte Grund: Folgen für die Weltwirtschaft. Geht der Plan von USA, Großbritannien und Deutschland auf, haben sie am Ende Millionen Impfstoffdosen und können ihre Wirtschaft wieder gänzlich hochfahren. Ärmere Länder dagegen müssten länger auf den Impfstoff warten und haben damit die Einbußen durch die Corona-Krise länger zu tragen. "Handel hat auch etwas mit Fairness und Ethik zu tun", sagt Greiner. Zudem brauche Deutschland starke Handelspartner. Wenn Länder vom Impfstoff ausgeschlossen werden, drohe ebenfalls ein Ausschluss vom Welthandel.

Was wäre die bessere Lösung?

Das Aufkaufen von Impfstoffen sei ein Marktversagen, sagt Greiner. Idealerweise hätte das Problem global angegangen werden müssen. "Die Uno hätte da die Leitung übernehmen müssen", sagt Greiner. Er hätte eine vom Generalsekretär einberufene Konferenz darüber begrüßt, wie der erste Impfstoff verteilt wird.

Gesundheitsökonom und Ethiker Eckhard Nagel von der Uni Bayreuth sieht die aktuelle Entwicklung als eine Fortsetzung des Trends, dass multilaterale Beziehungen zu versagen drohen. "Es ist eine schwierige Situation, weil eine Erwartungshaltung an den Staat formuliert wird", sagt er. Wie wäre das Verständnis der Bevölkerung in Deutschland, wenn das Land den Zugriff auf Millionen Impfstoffdosen hätte, sie aber lieber weltweit verteilt? "Ich weiß nicht, wie eine solche Diskussion ausgehen würde", sagt Nagel. Aber es sei wichtig, für das Problem zu sensibilisieren.

Es sollte eine Rangliste erstellt werden, die sich nicht an nationalen Grenzen zu Ende dekliniert.
Eckhard Nagel, Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Uni Bayreuth

"Wir müssen jetzt einen Verteilungsmechanismus schaffen", rät Nagel. Erst mal sollten alle gefährdeten Personen beschützt werden, dann erst jene, die durch den Schutz nur an Mobilität gewinnen. "Da sollte eine Rangliste erstellt werden, die sich nicht nach nationalen Grenzen richtet."

Er sieht den Medikamentenmarkt ohnehin kritisch - unter den Marktanforderungen werde immer das erforscht, was viel Geld einbringt. Die Erforschung seltener Erkrankungen leide zum Beispiel deshalb, weil bei wenigen Patienten nur eine geringe Gewinnrealisierungschance bestünde. "Aber die Frage, wie wichtig ein Medikament für die Gemeinschaft ist, darf nicht sekundär sein."

Ein Mitarbeiter arbeitet am 12.03.2020 an einem Impfstoff gegen das Coronavirus.

Kampf gegen Corona Pandemie -
Wettlauf um Corona-Impfstoff: So ist der Stand
 

Während das Coronavirus sich ausbreitet, arbeiten Forscher weltweit unter Hochdruck an einem Impfstoff. Wie weit sind sie? Und: Wann ist er auf dem Markt? Hier der aktuelle Stand.

von Marcel Burkhardt

Aktuelles zur Coronavirus-Krise

Leere Straßen auf der Ile-Saint-Louis in Paris wegen der Ausgangsbeschränkungen am 29.10.2020

Nach Rekord-Infektionszahlen -
Frankreich: Ausgangsbeschränkungen in Kraft
 

Seit Mitternacht gelten in Frankreich neue Ausgangsbeschränkungen. Bürger dürfen ihr Zuhause bis zum ersten Dezember nur zum arbeiten oder für wichtige Erledigungen …

Videolänge:
1 min
Die Welle brechen – wie weit fährt Deutschland runter?

Talkshow "maybrit illner" -
"Nur blöde Wege aus dieser Pandemie"
 

Virologin Brinkmann wirbt bei "maybrit illner" um Verständnis für die aktuellen Maßnahmen. Außerdem Thema: …

von Florence-Anne Kälble
Videolänge:
3 min
Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.