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Fall Tönnies: Das Dilemma der Schweinebauern

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Ferkelzucht und Schweinemast - Fall Tönnies: Das Dilemma der Schweinebauern

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Für viele Schweinezüchter ist die Schließung bei Tönnies eine Katastrophe: Ferkel und Mastschweine müssen im Stall bleiben, neue kommen dazu. Weil das System es so will. Und jetzt?

Bis zu 30.000 Schweine werden normalerweise täglich bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück geschlachtet. Doch seit dem Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik stehen die Bänder still. Das stellt die zuliefernden Schweinezüchter vor Platzprobleme.

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Es gibt Nachwuchs im Stall von Ludger Overhus im westfälischen Warendorf. Mit wenigen Minuten Abstand kommen Ferkel zur Welt. In zehn Wochen werden sie an Mastbetriebe verkauft - so sieht es das System vor.

Exakt durchgetaktetet sorgt es jeden Tag für Ferkel-Nachschub. Damit in den Supermärkten jeden Tag die Kühlregale voll sind.

Doch seit der Schließung des Tönnies-Werks in Rheda-Wiedenbrück funktioniert das System nicht mehr.

Die Ferkelzucht von Overhus schreibt rote Zahlen

Am Montag sollten 300 Ferkel abgeholt werden - doch die Bestellung wurde storniert. Und Ludger Overhus weiß nicht wohin mit den Tieren.

Jetzt muss er Platz schaffen, um sie länger unterbringen zu können. So schreibt seine Ferkelzucht rote Zahlen - lange ist das unternehmerisch nicht tragbar. Der 54 jährige sagt:

Es ist wie Luft anhalten. 40 Sekunden kann jeder, aber wir sind gerade in Minute vier oder fünf.

Sein Sohn Markus ist 28 Jahre alt und Agrarbetriebswirt, er will den Familien-Betrieb fortführen. Die Corona-Krise ist dabei nur eine Hürde.

Denn es gibt neue, teils widersprüchliche Verordnungen, deren Umsetzung noch nicht abschließend geregelt sind. Und die halten ihn davon ab, die richtigen Weichen für die Zukunft zu stellen. Stallgrößen, Emissionsschutz, Tierwohl und Seuchenschutz stellen viele Schweinemastbetriebe vor zu große Herausforderungen.

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Die Tiere müssen die richtige Größe haben, damit die Schnitzel die richtige Größe haben

In Ascheberg, 38 Kilometer von Overhus' Hof entfernt, liegt der Schweinemastbetrieb von Christoph Selhorst. Hier kommen die Ferkel an, die im Stall von Ludger Overhus geboren worden sind. Bei Selhorst wachsen die Ferkel von 30 Kilogramm auf rund 125 Kilogramm. Rund 3.000 Mastschweine stehen in seinen Ställen, das Futter baut er größtenteils selbst an.

540 von ihnen sind nun 300 Tage alt und müssten jetzt verkauft und geschlachtet werden. Doch seit der Tönnies-Schließung nimmt ihm niemand die geplante Stückzahl ab. Das System gerät ins Stocken. Und die Schweinebauern zahlen für Fehler des Systems.

Weil der Kunde eine gewisse Schnitzelgröße bevorzugt, bekommen Schweinebauern weniger Geld, wenn ihre Schlachttiere zu groß sind.

An artgerechte Haltung ist nicht zu denken

"Wir zahlen doppelt drauf!", sagt Christoph Selhorst:

Erst die längere Fütterung und dann Abzug wegen zu hohen Schlachtgewichts.

Unternehmerisch ist es keine gute Ausgangslage, um kostendeckend zu arbeiten. Vor zehn Tagen hat er eine Lieferung Ferkel in die Ställe aufgenommen. Doch die sind nun zu groß, brauchen mehr Platz, der nicht da ist, weil zu wenige Schlachttiere abgeholt wurden.

Dabei will Christoph Selhorst die Tierhaltung 2.0 oder auch 3.0 entwickeln und umsetzen. Er denkt an offene Ställe in der intensiven Tierhaltung, mehr Außenklima für die Tiere, Auslauf für Ferkel und Schweine.

Das Problem: Tierschutz und Umweltschutz stehen sich im Weg.

Schweinezucht darf nicht schlecht riechen

Tierschützer würden sich über offene Ställe in der Massentierhaltung freuen. Der Umweltschutz sieht aber zum Beispiel vor, dass Schweineställe spezielle Abluftanlagen haben müssen, um die Geruchsbelästigung so gering wie möglich zu halten. Die Ausdünstungen von Schweinen in Freigehegen sind jedoch nicht kontrollierbar.

Und so steht der Emissionsschutz dem Tierwohl im Weg.

Das Fixieren der Sauen in den sogenannten „Kastenständen“ soll deutlich beschränkt werden. Generell sollen die Tiere durch Gruppenhaltung mehr Platz im Stall bekommen. Kritik gibt es an den Fristen: Acht Jahre haben die Landwirte Zeit für den Umbau.

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Allein diese Woche verkauft der Hof Selhorst statt 540 nur 180 Mastschweine und das bei deutlich sinkendem Preis pro Kilo Schlachtvieh. Der liegt seit Mittwoch Nachmittag bei 1,47 Euro, das sind 13 Cent weniger. In der Summe ist das eine Menge Geld.

Offen, wann die Schweine wieder zu Tönnies können - oder müssen

Bis dahin kann es aber noch dauern. Landrat Sven Adenauer verlangt absolute Sicherheit für die Beschäftigten, ehe er wieder einzelne Bereiche des Werks anlaufen lässt.

Und dann dürfte im Schlachtsystem Deutschlands nichts mehr so bleiben wie bislang. Zumindest könnte es bessere Arbeitsbedingungen in Schlachtbetrieben und bessere Haltungsbedingungen für die Mastschweine geben. Einzig am Schlachtalter der Tiere dürfte sich wohl wenig ändern: Sie haben genau 300 Tage bis Tönnies.

Lotahr Becker ist Reporter im ZDF-Landesstudio Nordrhein-Westfalen.

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