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Wirtschaftsexperte zu Hilfen - "Deutschland hat massiv reagiert"

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"Der Handlungsdruck ist hoch", mahnt Wirtschaftsexperte Henning Vöpel. Das deutsche Corona-Hilfspaket sei zwar massiv, das Geld müsse nun aber da ankommen, wo es gebraucht wird.

Archiv, Dettingen: Ein Mitarbeiter des Autozulieferers Elringklinger scannt ein Medienmodul.
Mitarbeiter eines Autozulieferers - die Corona-Krise trifft Unternehmen, Selbständige, Angestellter.
Quelle: DPA

ZDFheute: Der Bundestag hat ein Hilfspaket auf den Weg gebracht, das mehrere hundert Milliarden Euro schwer ist. Wie steht Deutschland damit im Vergleich zu anderen Staaten da?

Henning Vöpel: Deutschland hat sehr massiv reagiert. In der Summe stehen rund 750 Milliarden Euro zur Verfügung, im Zweifel kann man sicher nochmal drauflegen. Auch im Vergleich zu anderen Ländern kann sich das Paket sehen lassen. In Frankreich ist etwa von rund 300 Milliarden Euro, in Spanien von rund 200 Milliarden Euro die Rede.

Gemessen an der jeweiligen Wirtschaftsleistung landen wir bei Deutschland bei rund 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Frankreich und Spanien etwas weniger. Dort sind allerdings auch die fiskalischen Spielräume deutlich begrenzter. In den USA, wo die Coronakrise sich in den kommenden Wochen auch aufgrund der deutlich geringeren Absicherung über Kranken- und Arbeitslosenversicherung wohl deutlich verschärfen wird, ist ein Paket von über zwei Billionen Dollar auf den Weg gebracht worden.  

ZDFheute: Wie beurteilen sie die deutschen Instrumente? Ist die Strategie richtig?

Vöpel: Ich bin skeptisch. Die Summen klingen natürlich erstmal beeindruckend. Wichtiger ist jedoch, ob das Geld tatsächlich schnell und flächendeckend da ankommt, wo es benötigt wird, und zwar vor allem bei den kleinen Unternehmen und Solo-Selbstständigen, die oftmals kaum Liquiditätspuffer haben und kreditwürdig sind.

Ich denke, dass direkte Einkommenstransfers das bessere, weil weniger bürokratische und technisch schneller umsetzbare Instrument gewesen wären. Auf diese Weise hätte man die Wirtschaft quasi "einfrieren" und die kollektive Auszeit dadurch überbrücken können, ohne mittelfristige Verwerfungen und eine riesige Insolvenzwelle zu riskieren, von denen man sich wahrscheinlich nicht so leicht erholen würde.     

Eine Bundesratsitzung. Archivbild

Beschluss des Bundesrats - Bundesrat hat das umfassende Hilfspaket beschlossen 

Der Bundesrat hat das Hilfspaket gegen die Corona-Krise beschlossen. Es enthält Maßnahmen zur Rettung von Arbeitsplätzen und Unternehmen sowie weitere Sicherungen.

ZDFheute: Schränken EU-Vorgaben für Staatshilfen die Auswahl an Instrumenten ein?

Vöpel: Es gibt natürlich Bestimmungen, in welchem Umfang und in welchen Fällen Staatshilfen für Unternehmen erlaubt sind. Vor allem darf keine Wettbewerbsverzerrung daraus entstehen. Die EU hat aber großzügig und vernünftig reagiert. Man hätte sich aber dennoch eine noch stärkere Koordination der Maßnahmen zwischen den Ländern gewünscht, denn auch eine neuerliche Euro-Krise ist nicht auszuschließen, wenn nicht solidarisch gehandelt wird. 

ZDFheute: Könnten auch unkonventionelle Ansätze, wie wir sie zum Beispiel in Dänemark sehen, helfen?

Vöpel: Ja, unbedingt. Ich halte die pauschale Übernahme von rund 75 Prozent der Löhne und Gehälter, wie in Dänemark für ein zwar sehr unkonventionelles, aber zugleich sehr effektives Instrument - bei allen Risiken von Mitnahmeeffekten und Fehlanreizen. Aber das lässt sich später mit der Jahreseinkommenssteuer weitgehend korrigieren, wenn die Sache überstanden ist. Der Handlungsdruck ist jetzt hoch.

ZDFheute: Kann die deutsche Wirtschaft aus Ihrer Sicht mit einem blauen Auge durch die Krise kommen?

Vöpel: Das hängt an zwei Punkten. Erstens: Wie konsequent kann man jetzt die Ausbreitung eindämmen und gleichzeitig Szenarien entwickeln, die Wirtschaft schrittweise wieder hochzufahren? Für das optimale Exit-Szenario sind die Kapazitäten der Intensivversorgung, die zunehmende Immunisierung und die steigenden wirtschaftlichen Kosten die entscheidenden Parameter. Zweitens müssen die wirtschaftlichen Folgewirkungen möglichst geringgehalten werden, damit möglichst wenig kaputt geht - auch im kulturellen Leben der Gesellschaft.

ZDFheute: Einzelne staatliche Hilfen sind eine Sache, die Dynamik der Weltwirtschaft eine ganz andere. Welches sind die größten wirtschaftlichen Gefahren, die die Krise mit sich bringt?

Vöpel: Die größten Gefahren bestehen darin, dass es zu einer längeren Krise der Weltwirtschaft kommt, da diese ohnehin sehr fragil ist, gerade was insbesondere die Finanzmärkte und die Staatsfinanzen betrifft. Zudem drohen sich der ohnehin aufkeimende Nationalismus und die Bestrebungen zu Autarkie und Protektionismus weiter zu verschärfen.

Das würde in Teilen eine Art De-Globalisierung bedeuten. Handelskosten würden steigen, die Aufrechterhaltung von grenzüberschreitenden Lieferketten schwieriger werden. Dabei ist in Zukunft viel mehr Kooperation in der Weltwirtschaft notwendig. Leider hat auch Europa bislang im Management und in der Koordination der Corona-Krise nicht immer eine gute Figur abgegeben.   

Das Interview führte Mark Hugo.

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