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"Wir fühlen uns allein gelassen"

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Zahnärzte in der Corona-Krise - "Wir fühlen uns allein gelassen"

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Zahnärzte sind einem hohen Ansteckungsrisiko mit Covid-19 ausgesetzt. Es fehlt an Schutzausrüstung. Zudem gibt es für sie bisher keinen Rettungsschirm bei immer weniger Patienten.

Zahnarzt behandelt eine Patientin.
Zahnärzte sind in ihrem Beruf einer hohen Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus ausgesetzt.
Quelle: Imago

Friseure, Kosmetiker müssen schließen. Der Grund: Der Körperkontakt ist zu nah. Dagegen haben Zahnärzte uneingeschränkt geöffnet und bekommen auch keine staatliche Unterstützung. "Wir sind extrem gefährdet und fühlen uns allein gelassen", sagt eine Zahnärztin aus Münster, die ihren Namen lieber nicht nennen will. "Ich hänge den Patienten die ganze Zeit über dem Mund, ich kann die Werkzeuge ja schlecht aus anderthalb Meter Abstand hineinwerfen."

Hohes Ansteckungsrisiko durch Sprühnebel bei Behandlungen

Das Problem sei nämlich, dass die Schutzausrüstung fehlt: 60 Packungen Handschuhe gebe es noch in ihrer Praxis, Nachschub komme nicht. "Ich habe kein Problem damit weiterzuarbeiten, aber dann mit der vollen Schutzausrüstung", sagt sie. Das Ansteckungsrisiko sei für Zahnärzte besonders hoch - denn sie arbeiten mit Aerosol. Der feine Sprühnebel, der zum Beispiel beim Bohren in den Mund gespritzt wird, pralle von den Schleimhäuten wieder ab - voller Viren und Bakterien.

Arztpraxen mangelt es in der Corona-Krise an Arbeitsmaterial - mehr dazu im Video:

Ärzte in Deutschland fühlen sich zunehmend alleine gelassen.

Beitragslänge:
4 min
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Anleitung zum Schutzmasken-Basteln

In einer Facebook-Gruppe diskutieren über 1.600 Zahnärzte, wie sie mit dem Virus umgehen. Weil die wichtigen FFP-3-Schutzmasken fehlen, schlägt einer eine selbstgebastelte Lösung mit Laminierfolie vor, ein anderer postet eine Militär-Atemschutzmaske und noch ein anderer schlägt vor, Desinfektionsmittel demnächst selbst aus Alkohol und Glycerin zu mischen. Alle sind sich einig: Eine einheitliche Lösung muss her - und vor allem: Hilfe vom Staat.

"Die Politik denkt an alle möglichen Berufsgruppen, aber wir wurden vergessen", sagt die Münsteraner Zahnärztin. "Es kommen jetzt schon nur noch 20 Prozent der Patienten. Wenn das noch wochenlang so weitergeht, ist das ein finanzielles Problem." Sie überweise sich selbst schon kein Gehalt mehr, die Zahnarzthelfer sind in Kurzarbeit.

Finanzieller Druck in vielen Praxen groß

Sandra Gschwendtner ist Zahnärztin im nordrhein-westfälischen Wesseling und hat schon einen Brief an die Bundeszahnärztekammer (BZÄK), die Gesundheitsämter und die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) verfasst. Sie fordert in einem Aufruf, daran zu arbeiten, dass auch Zahnärzte eine Entschädigung erhalten.

"Die goldenen Zeiten für Zahnärzte sind vorbei, viele müssen noch ihre sehr teuren Praxen und Geräte abbezahlen", sagt sie. Auch ihre Praxis sei noch recht jung und die Corona-Krise eine echte Bedrohung.

Eigentlich müssten alle nicht unbedingt notwendigen Behandlungen unbedingt abgesagt werden - so empfiehlt es auch die BZÄK. Das betreffe bei Zahnärzten aber einige Behandlungen. "Solange es da keine finanzielle Regelung gibt, sind wir da in der Bredouille", sagt Gschwendtner. Zudem mangele es auch ihr an Schutzausrüstung.

Viele Kosmetikstudios würden jetzt ihre Ausstattung verkaufen - aber da sei nicht sicher, ob sie den Kriterien einer Praxis entsprechen und sie werden sehr, sehr teuer verkauft.

Unsicherheit über das Corona-Ansteckungsrisiko

Ganz ähnlich geht es auch einer Zahnärztin aus dem bayerischen Freising, die sehr verunsichert ist. "Ich kann doch gar nicht wissen, ob einer meiner Patienten das Virus hat", sagt sie.

Klar gebe es vom Robert-Koch-Institut die Empfehlung, nicht mit Fieber oder Husten zum Zahnarzt zu gehen. "Aber was ist mit symptomfreien Verläufen?", fragt sie sich. Auch ihre Mitarbeiter fühlten sich verunsichert: "Sie müssen auf die Arbeit kommen mit dem Risiko, dort infiziert zu werden."

Die Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV) hat mit dem GKV-Spitzenverband inzwischen zur mangelnden Schutzausrüstung eine Vereinbarung getroffen. "Wir gehen davon aus, dass in absehbarer Zeit neues Material eintreffen wird", sagt KZBV-Pressesprecher Kai Fortelka. Über das Beschaffungsamt und die Kassenzahnärztlichen Vereinigungen der Länder sollen die Schutzmasken, Kittel, Desinfektionsmittel und Handschuhe dann an die Praxen verteilt werden - alles auf Kosten der Krankenkassen.

Appell an Gesundheitsminister Spahn

Was die sonstige finanzielle Belastung angehe, haben KZBV und BZÄK einen Appell an die Bundesregierung gerichtet.

"Gesundheitsminister Jens Spahn hat zugesagt, auch für Zahnarztpraxen Hilfen vorzusehen", berichtet Fortelka. Wie diese genau aussehen werden, sei noch unklar. Fortelka betont, dass für die Neugründung einer zahnärztlichen Einzelraxis etwa mit einer Investitionssumme von fast 600.000 Euro zu rechnen sei. "Das muss dann von den niedergelassenen Zahnärzten erstmal wieder refinanziert werden", sagt er.

Etwa mit einer kleinen Praxis auf dem Land oder in strukturschwachen Gegenden sei das durchaus schwierig. "Und wenn solche Praxen jetzt in der Krise von der Insolvenz bedroht sind, dann müssen sie eventuell schließen und stehen dann nach der Krise nicht mehr zur Verfügung", warnt er. Dann könne es später ein echtes Versorgungsproblem geben.

Die Zahnärztin aus Freising in Bayern hat ihre Praxis erst vor drei Jahren eröffnet. Sie habe kaum finanzielles Polster. "Da bekommt man Existenzängste", sagt sie.

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