Deutsche Firmen in Russland: "Eine Wette auf die Zukunft"

    Deutsche Firmen in Russland:"Eine Wette auf die Zukunft"

    von Sebastian Ehm
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    Viele deutsche Unternehmen haben sich aus Russland zurückgezogen. Doch einige wollen bleiben und hoffen auf eine Zusammenarbeit, wenn der Ukraine-Krieg vorbei ist.

    Rund um das VW-Werk in Kaluga ist nicht viel los. Die Autofabrik liegt still da. Nichts deutet darauf hin, dass hier bis zum 3. März über 100.000 Autos pro Jahr gebaut wurden. 2021 waren es 118.000, um genau zu sein. Unter anderen der Polo und der Tiguan. Doch seit neun Monaten ruht die Produktion.
    4.000 Mitarbeiter seien in Kurzarbeit, teilt der Konzern mit. Es ist immer noch nicht klar, wie es weitergehen soll. Ein Sprechter sagte dem ZDF:

    Wir beobachten die Situation ständig und ziehen verschiedene Szenarien für die Zukunft des Geschäftsbetriebs in Russland in Betracht.

    VW-Sprecher

    Eine der Optionen sei der Verkauf der Vermögenswerte der Volkswagen Group RUS an eine dritte Partei. Eine Entscheidung darüber sei noch nicht gefallen.

    Viele europäische Konzerne ziehen sich zurück

    Ein Problem ist, dass bei einem Verkauf dieser Größenordnung auch der Kreml zustimmen muss. Das ist wohl noch nicht geschehen. Anders als beim Konkurrenten Mercedes, der Ende Oktober erklärte, im russischen Unternehmen Avtodom einen Investor für sein Russland-Geschäft gefunden zu haben.
    Immer mehr europäische Großkonzerne verkaufen ihre Vermögenswerte in Russland. An ihre Stelle treten oft einzelne Unternehmer wie der Deutsche Perry Neumann. Er war früher Manager beim Schweizer Speditionsunternehmen Kühne und Nagel. Er arbeitet seit 40 Jahren in der Branche und lebt seit 2006 in Moskau.

    Unternehmen spüren Auswirkungen der Sanktionen

    Im Sommer hat Neumann die Russland-Anteile seines Arbeitgebers gekauft und sich mit dem neuen Unternehmen Noytech selbstständig gemacht. "Ich hätte es mit mir nicht vereinbaren können, Tausend Mitarbeiter, Tausend Familien auf die Straße zu setzen und ohne Job zu lassen - und diese Management-Buy-Out-Möglichkeit hat uns eine Zukunft eröffnet."
    Doch zur Wahrheit gehört auch. Es geht um viel Geld. Deutsche Unternehmen hatten Milliarden in Russland investiert und vom Handel profitiert. Jetzt sind die Auswirkungen der Sanktionen deutlich zu spüren.
    Der Handel zwischen Deutschland und Russland ist seit dem 24. Februar eingebrochen. Jahrelang war der deutsche Export nach Russland auf stabil hohem Niveau. 2021 lag der Wert bei 26,63 Milliarden Euro. Dieses Jahr liegt er bislang bei elf Milliarden Euro. Russische Importe nach Deutschland haben sich zwar kaum verändert - hier liegt der Wert stabil bei über 30 Milliarden Euro. Doch das dürfte hauptsächlich an den hohen Energiepreisen liegen.

    Verkauf häufig via Management-Buy-Out

    Frank Ebbecke berät hauptsächlich Unternehmen, bei denen ein Management-Buy-Out stattgefunden hat. Er hat im Moment viel zu tun. Zwar hätten viele westliche Firmen das Land verlassen, doch gleichzeitig würden viele trotz allem bleiben. Das sei vor allem "eine Wette auf die Zukunft", sagt Ebbecke. Denn im Moment sei das Vertrauensverhältnis, was Unternehmer beider Länder 30 Jahre lang aufgebaut haben, weitgehend kaputt.

    Die Firmen, die hier bleiben, bleiben absichtlich, weil sie wissen, dass die Russen diejenigen, die gegangen sind, nicht mit so offenen Armen empfangen werden, wenn sie nächstes Jahr wiederkommen.

    Frank Ebbecke, Unternehmensberater

    Darauf baut auch Perry Neumann. Er hofft, dass bald alles wieder so ist wie früher. Doch er weiß, die Perspektiven sind schlecht. Zu Inflation und Lieferketten-Engpässen kommt, dass ein Ende der Kämpfe in der Ukraine nicht absehbar ist. Und so ziehen sich immer mehr deutsche Unternehmen aus Russland zurück.
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