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Interview

Diversity in Unternehmen - "Vielfalt ist der Naturzustand"

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"Im Management hat man gerne unter sich diskutiert", sagt die deutsche Top-Managerin Ana-Cristina Grohnert. Sie fordert mehr Vielfalt und erklärt, wie man "Diversity" lernen kann.

Verschiedene Hände
Vielfalft bedeutet auch mehr Erfolg für Unternehmen, meint Grohnert. (Symbolbild)

Vielfalt, in Wirtschaft und Gesellschaft häufig mit dem englischen Wort "Diversity" beschrieben, ist besonders in den Chefetagen vieler Unternehmen immer noch Mangelware. Die deutsche Top-Managerin Ana-Christin Grohnert will das ändern und erklärt im Interview mit ZDFheute, wie sich "Betriebsblindheit" auf mangelnde Vielfalt auswirkt und wie man sie lernen kann.

Ana-Cristina Grohnert ist als ehemalige Personalvorständin der Allianz Deutschland eine der wenigen deutschen Top-Managerinnen. Als Vorstandsvorsitzende der "Charta der Vielfalt" engagiert sie sich für Gleichberechtigung.

ZDFheute: Frau Grohnert, Sie setzen sich seit vielen Jahren für mehr Diversität in Unternehmen ein. Wie kam es dazu?

Ana-Cristina Grohnert: Ich denke, der Grund liegt in der Betriebsblindheit, die ich im Laufe der Jahre in vielen Bereichen immer wieder beobachten konnte. Im Management hat man gerne unter sich und mit sich selbst diskutiert.

Man ist in der Komfortzone geblieben und hat andere Perspektiven erst gar nicht einbezogen.
Ana-Christina Grohnert

Ich musste dann darauf aufmerksam machen. Ich habe disruptive Leute in Teams geholt, die uns besser gemacht haben. Und das ist heute auch mein Ziel: Netzwerke zu schaffen, die offen und dynamisch funktionieren.

ZDFheute: Vielfalt ist für Sie auch ein "Business Case", weil Diversität in Unternehmen ein Innovations- und damit ein Erfolgsfaktor ist. Ist diese Argumentation wirkmächtiger als die Forderung nach Chancengleichheit und Gerechtigkeit?  

Grohnert: Das ist genau mein Punkt.

Wie viel besser können wir sein, wenn wir Leuten zuhören und sie einbinden, anstatt sie zu ignorieren, unterzubuttern oder schlicht zu vergessen?
Ana-Christina Grohnert

Mein Standardbeispiel ist immer: Wie viele verschiedene Lösungen für ein Problem kann eine Gruppe aus zehn sehr ähnlichen Menschen hervorbringen - und wie viele dagegen eine Gruppe, die aus zehn völlig verschiedenen Menschen besteht?

Das Erstaunliche ist allerdings, dass die wirtschaftliche Argumentation oft abgelehnt wird, obwohl man den Erfolg auch mit Zahlen vorrechnen kann. In den Unternehmen, bei denen ich Personalverantwortung hatte, haben wir die Wirtschaftlichkeit immer gerechnet. Warum machen das nicht alle so?

"Vielfalt ist ein Erfolgsfaktor", sagt die Integrationsbeauftragte. Doch trotzdem sind Frauen, Menschen mit Behinderung und Menschen mit Migrationshintergrund vor allem in wichtigen Positionen unterrepräsentiert.

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ZDFheute: Vielfalt ist ja auch anstrengend, denn sie beinhaltet ein stetes Ringen um Positionen aus unterschiedlichen Perspektiven. Heißt das auch, dass alle Beteiligten bereit sein müssen, die eigene Position ernsthaft zu hinterfragen?

Grohnert: Exakt. Es ist ja nicht so, dass wir Vielfalt erfunden hätten, weil uns sonst zu langweilig wäre. Im Gegenteil. Vielfalt ist der Naturzustand. Demgegenüber sind Unternehmen künstlich geschaffene Strukturen, in denen Betriebsblindheit Normalität ist.

Aber in einer Welt des Wettbewerbs, der technologischen Entwicklung und der Veränderung hat diese Betriebsblindheit keinen Nutzen mehr. Deshalb müssen wir den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellen. Jedes einzelne Individuum mit seinen Ideen, Bedürfnissen und Potenzialen. Keine*r kann alleine alles wissen.

ZDFheute: Hat die Corona-Pandemie Ihre Sicht auf die Dimensionen von Vielfalt verändert?   

Grohnert: Sie hat nochmals vieles bestätigt. Negativ erleben wir gerade, wie vor allem Frauen die Hauptlasten tragen - ob in der Familie oder in den Sozialberufen, wo ja hauptsächlich Frauen arbeiten. Aber wir erleben in der Wirtschaft auch positiv, wer besonders gut mit der Krise umgehen kann: diejenigen Unternehmen, die vorher schon in Flexibilisierung, Digitalisierung und Veränderungsfähigkeit investiert haben.

Corona hat insofern auch den Unterschied zwischen Unternehmenskulturen verdeutlicht. Und die Kultur, die Diversität annimmt, ist nicht nur handlungsfähiger, sondern auch deutlich attraktiver für Beschäftigte.

ZDFheute: "Diversität kann man lernen" haben sie einmal gesagt. Wo fängt man am besten an?

Grohnert: Ich denke, es gibt einen einfachen Trick, den insbesondere Führungskräfte für sich selbst anwenden können. Man muss die Anstrengung, von der Sie gesprochen haben als Investition betrachten, von der man weiß, dass sie sich auszahlen wird. Letztendlich geht es für Führungskräfte um Wirksamkeit. Im Umgang mit Diversity reflektieren, schärfen wir unsere Wahrnehmung und erweitern unseren Horizont. Wir treffen bessere Entscheidungen und werden erfolgreicher.

Für eine Führungskraft ist Diversity-Kompetenz etwas absolut Nützliches. Wer das mal verstanden hat, macht die Arbeit für sich sogar leichter und für alle besser.

Das Interview führte Susanne Biedenkopf-Kürten.

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