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Die Zukunft des Nachtzugs - Einschlafen in Wien, aufwachen in Brüssel

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Museumsreife Schlafwagen brachten Millionenverluste. 2016 zog die Deutschen Bahn die Notbremse. Die ÖBB dagegen setzen auf das Hotel auf Schienen. Erleben Nachtzüge ein Revival?

Nightjet der oebb
Mit dem Nightjet der ÖBB geht es jetzt auch von Wien nach Brüssel.
Quelle: pr/obs/oebb - oesterreichische bundesbahn

Heute Abend um 20.38 Uhr ist es soweit: Erstmals wird der Nachtzug NJ 50490 von Wien aus über Nürnberg, Frankfurt am Main und Köln in Richtung Brüssel starten. Wenn dieser dort morgen um 10.55 Uhr nach seiner Premierenfahrt im Bahnhof der EU-Hauptstadt eintreffen wird, haben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ihre Stellung als Europas größter Anbieter von Nachtreisezügen weiter ausgebaut. Die Deutsche Bahn (DB) hingegen lässt ihre Kunden derweil nachts in Intercity und ICE im Sitzen reisen.

Nachtzug als unrentable Nische

Für Professor Christian Böttger war es dennoch ein aus unternehmerischer Sicht nachvollziehbarer Schritt, dass sich die DB 2016 aus dem Nachtzugverkehr zurückgezogen hat. Der Verkehrsexperte betont: "Der Nachtzugverkehr ist durch preisgünstigen Luftverkehr, aber auch Hochgeschwindigkeitsverkehr auf der Schiene über Jahrzehnte verdrängt worden. Es ist inzwischen nur noch ein kleiner unrentabler Nischenmarkt."

Denn hinter dem Angebot, abends in Wien einschlafen und am nächsten Morgen ausgeschlafen in Brüssel aus dem Zug steigen zu können, steht eine aufwändige und damit teure Logistik. "Für Bahnfahrt und Hotel in Einem braucht man eine spezielle Infrastruktur, die sehr personalintensiv ist. Das beginnt beim Bettenmachen und endet damit, dass man für ein ordentliches Frühstück sorgen muss", gibt der Bahnexperte von der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin zu Bedenken.

"Wiener Frühstück" und Paprikahendl

Der Wirtschaftsprofessor, selbst jahrelanger Nachtzugreisender zwischen Berlin und München, weiter: "Die Deutsche Bahn muss sich den Vorwurf gefallen lassen, all das zunehmend lustlos gemacht zu haben. Aus Kostengründen wurde das Personal immer weiter ausgedünnt, der Service schlechter und die Bahn wollte nicht mehr in neue Fahrzeuge investieren."

Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) setzen stattdessen auf Qualität und Leistung. Für ein komfortables Reisen über Nacht wurden neue "Nightjets" bestellt, die ab 2022 auf der Schiene sein sollen. Am Morgen wird der Fahrgast mit einem "Wiener Frühstück" geweckt und vor dem Schlafengehen kann man sich noch stilecht ein Paprikahendl mit Nockerln an den Platz servieren lassen.

Reisende machen es sich im Schlafabteil eines Nachtzugs der oebb bequem
Reisende machen es sich im Schlafabteil eines Nachtzugs der ÖBB bequem.
Quelle: dpa

Nachtzug als Türöffner für den deutschen Markt

Der europaweite Einstieg in das schwierige Nachtzuggeschäft im Jahr 2016, hat sich laut ÖBB-Chef Andreas Matthä dennoch gelohnt: "Unsere Entscheidung war goldrichtig. Die Auslastung in unseren Nightjetzügen gibt uns Recht. Gerade in den letzten Monaten sehen wir eine deutliche Steigerung der Nachfrage - auf bestimmten Linien um bis zu zehn Prozent."

Für Professor Christian Böttger gibt es noch einen weiteren Grund, warum sich der Nachtzugverkehr für die ÖBB auszahlen könnte: "Eigentlich gibt es in Europa einen freien Wettbewerb im Fernverkehr und alle Staatsbahnen belauern sich gegenseitig. Bislang hält aber ein Burgfriede und man greift sich nicht gegenseitig an. Hinter dem Engagement, mit dem die ÖBB vermutlich kaum Geld verdienen, könnte die strategische Überlegung stecken, einen Fuß in den Markt des Personenverkehrs in Deutschland zu bekommen."

Umdenken bei der Deutschen Bahn?

Die Sympathie der Öffentlichkeit haben die Österreicher mit ihrem Angebot in jedem Fall schon einmal gewonnen. "Die ÖBB haben ein echtes Konzept. Der Nightjet steht nicht für sich allein, sondern ist in das weitere Angebot fest integriert ist. Man hat nie das Gefühl, dass die Nachtzüge nur einfach so nebenherlaufen", sagt David Scheibler, Nachtzugfan und Betreiber der Website "Zugreiseblog". Für die saarländische Verkehrsministerin und derzeitige Vorsitzende der Verkehrsministerkonferenz der Länder, Anke Rehlinger (SPD), steht fest: "Die Deutsche Bahn sollte auch über den Einsatz von Nachtzügen neu nachdenken."

An einen Wiedereinstieg der DB in den Nachtzugverkehr glaubt Professor Christian Böttger dennoch nicht. Der Bahnexperte betont: "Ich zweifele daran, dass die Deutsche Bahn in der Lage ist, mit ihrer heutigen Struktur ein Nachzugangebot kostendeckend zu betreiben. Sie hat ihre Strukturen auf große, dichte Verkehrsleistungen ausgerichtet. Die flexible Bedienung von Nischen ist nicht ihre Stärke."

Zukunft oder Abstellgleis?

Während David Scheibler in der Debatte über die Klimakrise einen Gewinn für die Nachtzugreise sieht, werden nach Ansicht von Professor Christian Böttger die Diskussionen über Klimaschutz und CO2-Ausstoß nicht zu einem echten Revival führen: "Solange alle nur darüber reden, aber niemand sein eigenes Mobilitätsverhalten wirklich ändert und der Staat nicht regulierend eingreift, wird der Nachtzug ein reines Nischenprodukt bleiben."

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