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Neues Inflationsziel : EZB: Freifahrtschein fürs Weiter so

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Von "unter, aber nahe" auf exakt zwei Prozent: Die EZB ändert ihr Inflationsziel. Auf den ersten Blick eine neue Strategie - tatsächlich wird die alte konsequent zu Ende gebracht.

Die Europäische Zentralbank hat - wie allgemein erwartet - ihre Definition des Inflationsziels ein kleines bisschen verändert. Und man könnte fast meinen, dieser kleine Unterschied sei doch gar nicht so relevant.

Sprachlicher Kniff mit großer Wirkung

Aus bislang "nahe an, aber unter zwei Prozent" wird nun "exakt zwei Prozent". Auf den ersten Blick scheint das nicht wirklich ein riesiger Unterschied zu sein. Aber dieser semantische Trick hat es tatsächlich in sich. Wie immer bei EZB-Aussagen muss man viel zwischen den Zeilen lesen.

Das "nahe an" sollte ursprünglich mal bedeuten, dass die EZB spätestens dann eingreifen wird und zum Mittel der Zinserhöhung greift, um die Inflation wieder einzufangen. Die neue Definition, die noch begleitet wird von der Erklärung, dass man "zeitweise moderat über dem Zielwert" liegende Inflationswerte akzeptieren werde, bedeutet nichts anderes, als dass die Notenbank nicht mehr unmittelbar zum Reagieren gezwungen ist. Man toleriert einfach die höhere Teuerungsrate - oder wie es Robert Halver, von der Baader Bank ausdrückt:

Man lässt mal Fünfe gerade sein.
Robert Halver, Baader Bank

Die EZB macht sich ultralocker

Die Geldpolitik wird, da muss man kein Prophet sein, für eine unabsehbare Zeit "expansiv" bleiben, so der EZB-Jargon. Sprich: Die exorbitanten Anleihekäufe werden weitergehen, den Freifahrtschein dafür stellt sich die EZB mir ihrer Ankündigung praktisch selbst aus. Denn gleichzeitig sagt sie, dass eine Inflation von weniger als zwei Prozent genauso schlecht ist wie eine über zwei.

Im Prinzip sichert sich die EZB damit nach beiden Seiten ab. Nach dem Motto: Ein bisschen drüber ist nicht schlimm. Und wenn die Inflation runtergeht, müssen wir ja sowieso kaufen. Laut ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann "wird es der EZB-Rat damit noch leichter haben, in den kommenden Jahren eine Fortdauer der extrem lockeren Geldpolitik und der Anleihekäufe zu rechtfertigen".

Keine Angst vor höheren Zinsen

Ängste vor höheren Zinsen, die es vor allem an den Aktienmärkten gibt, scheinen vor diesem Hintergrund unberechtigt zu sein. Zu abhängig sind die EU-Staaten inzwischen vom Treiben der EZB. Kritiker betonen ja schon länger, dass die Notenbank mit den Anleihekäufen Staatsfinanzierung betreibe und die Haushalte der Länder alleine die hohen Kosten der Pandemie oder für Digitalisierung und Klimaziele nicht mehr alleine stemmen könnten. Kurzum: Ein Beenden dieser Käufe würde die Eurozone wohl zerreißen.

Inflation wird neu berechnet

Die Währungshüter empfehlen zudem, in Zukunft auch die Preise für selbstgenutzte Wohnimmobilien mit in die Berechnung der Inflationsrate aufzunehmen. Damit kommen sie der Kritik nach, dass dieser in der bisherigen Kalkulation wichtige Preistreiber nicht berücksichtigt wird.

Aber was gut und sinnvoll klingt, kommt Kritikern nicht mehr rechtzeitig. Robert Halver sieht bei den Wohnimmobilien "eine hohe Basis, die Häuserpreise werden zwar noch steigen, aber nicht mehr so stark. Die EZB setzt da zu spät ein, und außerdem spiegelt das europäische Mittel nicht die Verhältnisse in Deutschland wider".

Auswirkungen für Verbraucher

Aber was heißt das alles nun alles konkret für den Bürger? Einerseits werden wir mutmaßlich längere Phasen mit höherer Inflation erleben. Heißt im Klartext: Höhere Preise gehören demnächst dazu und werden die EZB nicht mehr groß interessieren. Andererseits kann man davon ausgehen, dass Begriffe wie Zinsen oder Sparbuch bald nur noch in Geschichtsbüchern vorkommen werden. Auch damit hätte die Europäische Zentralbank sozusagen eine Entwicklung vollendet.

Klaus Weber ist Redakteur im Börsenstudio des ZDF.

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von Frank Bethmann
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