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Kommentar - Fleisch: Weniger ist mehr

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60 Kilo Fleisch vertilgen wir im Schnitt pro Jahr - für wenig Geld. Tiere und Arbeiter in der Fleischindustrie zahlen aber einen hohen Preis. Dabei liegt die Lösung so nah.

Bergisch Gladbach: Kunden eines Supermarktes an der Fleischtheke.
Deutsche Kunden schätzen niedrige Preise an der Fleischtheke.
Quelle: AP

Nein, das Elend in den Schlachthöfen ist nicht neu. Schon vor mehr als hundert Jahren beschrieb der amerikanische Schriftsteller Upton Sinclair in seinem Roman "Der Dschungel" sehr drastisch, unter welchen hygienischen Bedingungen die Arbeiter in Chicagos Schlachthöfen ausgebeutet wurden.

So wirklich viel besser sind die Zustände offensichtlich bis heute auch hierzulande nicht. Nur: Das scheint bislang kaum jemanden ernsthaft gestört zu haben. Den Unterschied machen jetzt über 1.500 Corona-infizierte Tönnies-Mitarbeiter, die sich mutmaßlich massenhaft im Zerlege-Bereich des größten deutschen Schlachtbetriebs angesteckt haben.

Auf billige Massenproduktion ausgerichtet

Schnell ruft die Politik nach "entschlossenem Handeln", die "Missstände in der Fleischindustrie zu beseitigen", gar die "Kette der Fleischerzeugung und des Konsums neu zu denken - vom Stall bis zum Teller", weil ja alles "dem Gewinnstreben und der Effizienz untergeordnet" sei.

Das alles klingt so, als ob wir jetzt erst entdeckten, wie sehr die Fleischindustrie in Deutschland auf billige Massenproduktion ausgerichtet ist. Und wie sehr sich darüber hinaus ein ruinöser Handelswettbewerb um das billigste Fleischangebot auf die Tierhaltung und die Arbeitsbedingungen für die Leiharbeiter in den Schlachthofen auswirkt.

Monströse Betriebe

Fleischverarbeitung ist ein ungemein wichtiger Wirtschaftszweig in Deutschland. Über 40 Milliarden Euro Umsatz macht die Branche hierzulande und produziert dabei gut acht Millionen Tonnen, vor allem Schweine-, Rind- und Geflügelfleisch.

Fleischmarkt in Deutschland - Akteure und Lieferketten; System Schwein - Wer verdient an der Produktion? Werksverträge und Arbeitsbedingungen - Moderne Ausbeutung?

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22 min
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Fast 60 Kilo Fleisch oder Wurst vertilgt jeder Deutsche durchschnittlich im Jahr; Tendenz zwar leicht sinkend, dennoch nimmt die Massentierhaltung hierzulande zu. Weil es immer weniger Betriebe gibt, die dem Preiswettbewerb dauerhaft standhalten können.

Die, die das schaffen, müssen oft monströs sein: Legehennen-Betriebe mit hunderttausend Tieren. Oder noch nicht einmal einen Quadratmeter Platz für ein bis zu 110 Kilogramm schweres Schwein.

Absurd niedrige Preise

Die Konsequenz: weniger als fünf Euro für das Kilo Schnitzel oder Hähnchenbrustfilet. Deutsche Kunden schätzen solche absurd niedrigen Preise. Seit Jahrzehnten. Ungeachtet immer wieder auftauchender Fleischskandale wie BSE, Gammelfleisch, Vogelgrippe oder Dioxinfutter.

Dabei gäbe es Alternativen. Artgerecht erzeugtes Biofleisch aus kleinbäuerlicher Haltung.

Besser für die Tiere, besser für den Kunden, besser für die Umwelt. Aber natürlich teurer. Manchmal kostet es gar das Doppelte. Das würde aber für viele auch bedeuten: weniger Fleisch essen. Gut für die Gesundheit, schlecht für die Schlachthöfe.

Eigentlich eine echte Win-win-Situation.

Michael Wiedemann ist Redakteur in der ZDF-Umwelt-Redaktion.

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