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Wenn die Gewerkschaft nicht mehr Geld will

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Tarifverhandlungen - Wenn die Gewerkschaft nicht mehr Geld will

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Derzeit ist Saison für Tarifverhandlungen. Die IG Metall beschreitet dabei einen neuen Weg. Es gibt keine konkrete Lohnforderung, Beschäftigungssicherung ist das Hauptziel.

Ein Mitarbeiter eines metallverarbeitenden Betriebes. Archivbild
Mitarbeiter eines metallverarbeitenden Betriebes (Archiv): Um das reine Geld geht es bei den Tarifverhandlungen offenbar nicht mehr.
Quelle: Carsten Rehder/dpa

Unter dem Stichwort "Zukunftspaket" geht die Gewerkschaft ohne konkrete Entgeltforderung in diese Tarifrunde. Das gab es zuletzt auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Digitalisierung sowie konjunkturelle Unwägbarkeiten erforderten eine Tarifrunde, in der Beschäftigungssicherung an erster Stelle stehe. "Ein neuer und unkonventioneller Weg", räumt Ingrid Gier von der IG Metall ein. 

Aber schon der auslaufende Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie von 2018 machte Schlagzeilen. Nicht etwa wegen der Lohnforderung. Es waren die Arbeitszeitmodelle, die als bahnbrechend galten. In der größten deutschen Industriebranche konnten die Beschäftigten ihre Arbeitszeit zeitweise auf bis auf 28 Stunden reduzieren.

Die deutsche Metallbranche schwächelt. Die IG Metall setzt deshalb auf die Sicherung bestehender Arbeitsplätze. Auf eine konkrete Lohnforderung verzichtet sie.

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Wer Kinder erzieht, Angehörige pflegt oder Schicht arbeitet, dem standen zusätzliche acht freie Tage im Jahr zu. "Rückblickend sind die Erfahrungen gut, sie zeigen, dass es einen hohen Bedarf bei den Beschäftigten nach flexiblen Arbeitszeitmodellen gibt", sagt Ingrid Gier.

Ums Geld geht es nicht mehr

Heute stehen im Forderungskatalog der Gewerkschaften flexible Arbeitszeitmodelle weit oben auf der Liste. Ums reine Geld geht es offenbar nicht mehr. Haben die Beschäftigten in Deutschland deshalb etwa ein Luxusproblem?

"Nein, denn es geht nicht nur um Flexibilität, sondern auch um Entlastung", erklärt Prof. Thorsten Schulten, Leiter des Tarifarchivs des WSI, dem Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Schichtarbeit sowie der Druck, für Arbeit und Familie da zu sein, brächten schließlich viele Beschäftigte an ihre Grenzen.

Handel mit weniger, Chemie- und Pharmabranche mit hoher Tarifbindung

Die Tariflandschaft bewegt sich. Mehr, als es vielen Beschäftigten lieb sein dürfte. Denn immer weniger werden überhaupt nach Tarif bezahlt. Weil die Unternehmen, in denen sie beschäftigt sind, Tarifverträge nicht mehr annehmen.

Experten sprechen von einer regelrechten "Tarifflucht". 2018 arbeiteten in einem tarifgebundenen Betrieb

  • in Westdeutschland 56 Prozent der Beschäftigten,
  • im Osten 45 Prozent.


20 Jahre zuvor waren es im

  • Westen 76 Prozent
  • und im Osten 63 Prozent.

Prof. Gerhard Bosch, Arbeitsmarktforscher von der Uni Duisburg, spricht von "Dumpinglöhnen", die der gesamten Gesellschaft schadeten. Deutschland hat mittlerweile einen der größten Niedriglohnsektoren Europas, jeder Vierte ist Geringverdiener. Am Ende aber, erklärt Bosch, müsse der Staat eingreifen, wenn die Menschen zu wenig verdienten.

"Billiglöhne sind teuer"

In Deutschland gibt es rund eine Million Hartz-IV-Aufstocker. "Aufstocker" bekommen Geld vom Jobcenter, weil sie von ihrer Arbeit nicht leben können. Und in Folge dessen später vermutlich auch nicht von ihrer Rente. "Billiglöhne sind billig für Unternehmer und teuer für die Gesellschaft", resümiert Gerhard Bosch.

Die Bundesregierung will, dass Unternehmen wieder häufiger nach Tarif bezahlen. Mit gutem Beispiel voran geht sie dabei allerdings nicht. Denn 19 von 46 Firmen, an denen der Bund mehrheitlich beteiligt ist, sind nicht an Tarifverträge gebunden. Das geht aus einer Anfrage der Linken-Parteichefin Katja Kipping an das Bundesfinanzministerium hervor.

Bei Tarifverhandlungen kann sich der Staat nicht einmischen

Was kann der Staat tun? Denn die Tarifautonomie ist sogar im Grundgesetz verankert. Arbeitgeber und Arbeitnehmer machen den Lohn untereinander aus, der Staat hat sich nicht einzumischen.

Arbeitsmarktexperte Bosch schlägt einen zweiten Mindestlohn vor. Wer in einem nicht-tarifgebundenen Betrieb arbeite und qualifiziert sei, solle einen höheren gesetzlichen Mindestlohn bekommen.

Thorsten Schulten von der Hans-Böckler-Stiftung sieht auch den Gesetzgeber gefordert, indem er die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erleichtere. Dann müssten alle Unternehmen nach Tarif zahlen - auch diejenigen, die nicht im Verband sitzen, der den Tarifvertrag mitaushandelt.

Eva Schmidt ist Redakteurin beim 3sat-Wirtschaftsmagazin makro.

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