Investitionen: "Katar will sich unentbehrlich machen"

    Interview

    Investoren vom Persischen Golf:"Katar will sich unentbehrlich machen"

    |

    WM-Gastgeber Katar ist inzwischen auch ein wichtiger Investor für deutsche Unternehmen. Sebastian Sons, Experte für den Mittleren Osten, über die Geschäftspartner vom Golf.

    Nordrhein-Westfalen, Grevenbroich: Das RWE-Braunkohlekraftwerk Neurath I und II in Grevenbroich-Neurath. Archivbild
    Der Einstieg bei RWE ist für Katar offenbar ein strategisches Investment.
    Quelle: Oliver Berg/dpa

    ZDFheute: Erst VW, Deutsche Bank oder Bayern München, jetzt ein deutscher Energiekonzern: Katar steigt zum größten Einzelaktionär von RWE auf. Bietet das Engagement Katars Anlass zur Sorge?
    Sebastian Sons: Katar gilt bislang als verlässlicher Investor. Von Einflussnahme auf das Alltagsgeschäft der Unternehmen ist wenig bekannt. Auch bei RWE handelt es sich um ein strategisches Investment. Allerdings kann der Einstieg der Kataris eine öffentliche Debatte lostreten. Wir haben das bei Bayern München gesehen, als es auf der Mitgliederversammlung schon fast zu tumultartigen Zuständen kam, weil viele Fans die Partnerschaft des FC Bayern mit Katar kritisch sehen.

    ... ist Wissenschaftler für die arabischen Golfmonarchien beim Bonner Forschungsinstitut CARPO. 2016 erschien sein Buch "Auf Sand gebaut. Saudi-Arabien – Ein problematischer Verbündeter" und im September 2022 "Menschenrechte sind nicht käuflich. Warum die WM in Katar auch bei uns zu einer neuen Politik führen muss." Er bereist Katar und die anderen Golfstaaten seit 2009 regelmäßig.

    Sigmar Gabriel
    :"Katar nicht nur als Tankstelle verstehen"

    Deutschland dürfe Katar nicht nur als "Tankstelle“ sehen, sondern sollte das Land als Partner in der Region verstehen, sagt Sigmar Gabriel. Über den Wüstenstaat und seinen Emir.
    Archiv: Sigmar Gabriel am 27.10.2020
    Interview
    ZDFheute: Welche Interessen verfolgen die Kataris?
    Sons: Katar will sich auf jeden Fall loslösen von fossiler Energie, daher ist RWE für Katar ein Unternehmen mit guten Zukunftsversprechen.

    Aber die wirtschaftliche Verflechtung geht noch weiter: Katar will sich damit international unentbehrlich machen.

    Sebastian Sons, Wissenschaftler

    Es ist bekannt, dass insbesondere Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate ein Problem mit dem katarischen Herrscherhaus haben.
    Katar: Der Wüstenstaat am Golf hat es mit Öl und Gas zu einem der wohlhabendsten und einflussreichsten Länder der Welt geschafft. Die Fäden hält die Emir-Familie Al Thani fest in der Hand. 28.09.2022 | 44:12 min
    Die Rivalität am Golf ist hoch. Das kleine Katar setzt daher auf die Strategie der "Soft Power". Beispielsweise fand ein Teil der Nukleargespräche zwischen Iran und den USA in Katar statt. Genauso wie die Verhandlungen zwischen den Taliban und den USA. Durch wirtschaftliche und politische Vernetzung will sich Katar international rückversichern und vor externen Bedrohungen schützen.
    ZDFheute: Die Ausrichtung der Fußball-WM ist offensichtlich ein Teil dieser Strategie. Tausende sollen auf den Baustellen ums Leben gekommen sein. Was wissen Sie über die Menschenrechtssituation in Katar?
    Extreme Hitze und nicht genug Trinkwasser: Unter teils unwürdigen Bedingungen haben Arbeitsmigranten in Katar Stadien und Hotels erbaut.Die Fußball-WM dort steht in der Kritik.02.10.2022 | 1:52 min
    Sons: Es gab bereits vor den Großbaustellen der WM eine strukturelle Ausbeutung von Migranten und Migrantinnen. Auf weltweiten öffentlichen Druck hin hat Katar Reformen zum Arbeitsschutz eingeführt. Das Problem ist allerdings die Umsetzung, die Gesetze beachten die wenigsten, weil zu viele Profiteure an der Ausbeutung von Menschen verdienen, auch in den Heimatländern der Migrantinnen und Migranten. Es handelt sich somit um internationale kriminelle und ausbeuterische Strukturen und Katar ist Teil dieses Systems.
    ZDFheute: Nachhaltigkeit und Social Responsibility spielen in Unternehmen in Deutschland eine immer größere Rolle. Gleichzeitig holt man sich Investoren ins Haus, die Menschenrechte mit Füßen treten. Wie passt das zusammen?
    Sons: Die Debatte ist wichtig und muss unbedingt geführt werden. Dass Katar mit seinen Reformen auf internationale Kritik reagiert hat, zeigt immerhin, dass öffentlicher Druck teilweise wirkt.

    Wir wollen in Deutschland zwar Menschenrechte achten, arbeiten aber dennoch mit problematischen Partnern zusammen.

    Sebastian Sons, Wissenschaftler

    Diese Zwickmühle aufzulösen ist schwierig, weswegen wir einerseits den Dialog suchen und andererseits die Defizite öffentlich kritisieren sollten.
    ZDFheute: Deutschland sucht ausgerechnet am Golf Partnerschaften, um sich von den Energiezufuhren aus Russland zu lösen. Schafft das neue Abhängigkeiten zu zweifelhaften Geschäftsfreunden?
    Sons: Schon vor dem Ukraine-Krieg gab es Energiepartnerschaften mit einigen Golfstaaten.

    Was Katar anbelangt, so kann allein mit Blick auf das Handelsvolumen von "Abhängigkeit" keine Rede sein.

    Sebastian Sons, Wissenschaftler

    Trotzdem müssen die Partnerschaften und deren Umfang kritisch diskutiert werden. Wichtig ist auch die Frage, ob wir uns von autoritären Staaten instrumentalisieren lassen oder nicht. Meiner Meinung nach hängt die Zusammenarbeit mit den Golf-Staaten vom jeweiligen Arbeitsbereich ab. Geht es beispielsweise um grüne Energie, könnte ich mir eine verstärkte Kooperation gut vorstellen - auch wenn bei der Zusammenarbeit mit problematischen Partnern immer Risiken bestehen.
    Das Interview führte Eva Schmidt

    Mehr zu Katar