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Lieferkettengesetz - "Der Veränderungsdruck ist nicht groß genug"

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Die SPD will es, Teile der CDU nicht: Ein Lieferkettengesetz, das zur Einhaltung der Menschenrechte zwingt. Dabei könne es die Situation verbessern, so Julia Hartmann im Interview.

Das deutsche Lieferkettengesetz zur Wahrung von Menschenrechten und Umweltstandards sollte längst beschlossen sein. Ist es aber nicht. Woran hakt es?

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Auch wenn es die Menschenrechte schon seit einem halben Jahrhundert gibt, wird täglich gegen sie verstoßen - auch von deutschen Unternehmen. Ein Lieferkettengesetz soll das verhindern. Dafür haben Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erste Eckpunkte vorgelegt, die deutsche Unternehmen verpflichten, für die Beachtung von Menschenrechten und Sozialstandards bei Zulieferern im Ausland zu sorgen.

Doch ob das Gesetz in dieser Wahlperiode noch kommt, ist ungewiss. Der Wirtschaftsrat der CDU hat sich jüngst gegen ein eigenes deutsches Lieferkettengesetz im nationalen Alleingang gewandt und die Regeln als "zusätzliche bürokratische Lasten" für Unternehmerinnen und Unternehmer bezeichnet.

Die Expertin Julia Hartmann schätzt im Interview ein, unter welchen Bedingungen so ein Gesetz überhaupt Wirkung zeigt.

makro: Die Bundesregierung ringt um ein Gesetz, das Unternehmen zur Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards in ihren Lieferketten verpflichten soll. Woran hakt es?

Julia Hartmann: Firmen haben bisher kein gesteigertes Interesse gezeigt, in ihren Lieferketten aufzuräumen und die Politik hat sich vor dem Beschluss konkreter Maßnahmen gedrückt.

Aufgeschreckt durch diverse Skandale erwartet die Öffentlichkeit aber inzwischen, dass Unternehmen diese Probleme in der Lieferkette aktiv adressieren. In begrenztem Umfang ist das auch passiert: Einige Vorreiter, wie zum Beispiel Hugo Boss und Unilever, arbeiten intensiv daran, Transparenz über ihre globalen Lieferketten herzustellen und Mechanismen für mehr Nachhaltigkeit zu implementieren.

Leider kam es aber bislang nicht zu einem umfassenden Umdenken in der breiten Unternehmenslandschaft.

Das wäre jedoch notwendig. Denn wenn der Wunsch nach Veränderung in der Lieferkette nur von wenigen Unternehmen kommt, ist der Veränderungsdruck nicht groß genug. Daher nun die gesetzliche Initiative: wenn nicht freiwillig, dann eben verpflichtend.

makro: Nachhaltiges Supply Chain Management ist Ihr Forschungsschwerpunkt. Gesetz hin oder her - wie realistisch ist es, angesichts globaler Lieferketten die Einhaltung nachhaltiger Standards durchzusetzen?

Hartmann: Nun, irgendwo muss man ja einmal anfangen. Aber ich bin zuversichtlich. Ich habe schon viele positive Beispiele gesehen - übrigens auch von kleinen Unternehmen, die gar nicht im Fokus des Gesetzes stehen, die tolle Erfolge erzielt haben.

makro: Können Sie ein Beispiel nennen?

Hartmann: Ein Wiesbadener Magnettechnikunternehmen mit gerade einmal 25 Mitarbeitern kauft für seine Produkte einige Stoffe aus Asien, insbesondere China, ein. Das Einkaufsvolumen ist aber zu klein, um mit Druck auf Lieferanten Wirkung zu erzielen. So hat man auf informeller Ebene, zum Beispiel beim Abendessen, diese Themen eher beiläufig angesprochen. Und siehe da: Beim nächsten Besuch fanden sie einiges davon in den Fabriken umgesetzt.

makro: Wie gehen andere Länder mit dem Thema um? Wie sind die Erfahrungen dort?

Hartmann: Es gibt in anderen Ländern bereits ähnliche Gesetze, wie zum Beispiel den Modern Slavery Act in England, das Child Labour Due Diligence Law in den Niederlanden oder das Lieferkettengesetz in Frankreich. Erste Forschungsarbeiten untersuchen, wie effektiv diese sind.

Die Ergebnisse zeigen, dass Gesetze, die eine Haftung einschließen und damit über ein reines Berichten von Maßnahmen hinausgehen, zu deutlich tiefgreifenden und umfassenderen Veränderungen bei Unternehmen und in ihren Lieferketten geführt haben, als Gesetze ohne Haftung.

Klar ist aber auch: Es gibt Industrien - beispielsweise diejenigen, die für die Herstellung ihrer Produkte Konfliktmineralien oder seltene Erden benötigen - in denen die Einhaltung nachhaltiger Standards schwieriger durchzusetzen sein wird als in anderen. Und es wird dauern.

Julia Hartmann ist Professorin für nachhaltiges Supply Chain Management an der EBS Business School. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit den Themen nachhaltige Entwicklung, Corporate Social Responsibility, und nachhaltiges Supply Chain Management.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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