Spannung mit Russland und China: Krise wird Dauerzustand

    Interview

    Spannung mit Russland und China:Experte: Wirtschaftskrise wird Dauerzustand

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    Konflikt mit Russland und Abhängigkeit von China: Der renommierte Wirtschaftshistoriker Adam Tooze rechnet nicht mit einem schnellen Ende der Wirtschaftskrise in Deutschland.

     Industrieanlagen stehen auf dem Werksgelände des Chemiekonzerns BASF. Das Unternehmen wäre von einem potenziellen russischen Gas-Lieferstopp schwer betroffen.
    Industrieanlagen von BASF: Wie lange bleibt die Lage auf den Weltmärkten angespannt? (Archivbild)
    Quelle: dpa

    ZDFheute: Deutschland spricht von Sanktionen gegen Russland, Sie sprechen von "Wirtschaftskrieg". Warum?
    Prof. Adam Tooze: Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg und nicht einfach in einem Sanktionsfall. Russland hat seine Unterstützer in der ganzen Welt. Wir haben uns aktiv auf die Seite der Ukraine geworfen, und jetzt befinden wir uns in einem Schlagabtausch mit den Russen wie im Krieg. Es geht hin und her. Ganz anders als in einer Rechtssituation, wo das Gericht urteilt und in gewisser Weise der Abgeurteilte dann die Strafe über sich ergehen lassen muss. Das ist nicht unsere Situation, all das bedeutet, dass wir uns tatsächlich in einer kriegsähnlichen Situation befinden.
    ZDFheute: Trifft die Wirtschaftskrise Deutschland härter als andere Länder?
    Tooze: Es kommt darauf an, mit wem man Deutschland vergleicht. Wenn Sie Deutschland mit Polen vergleichen, dann ist die deutsche Lage nicht schlechter. Aber wenn Sie Deutschland mit Frankreich vergleichen, ist klar, dass die Franzosen einen Riesenvorteil darin haben, dass ein sehr großer Teil ihres Strombedarfs unter normalen Bedingungen durch atomaren Strom gedeckt werden wird. Die deutsche Lage ist exponiert, weil Deutschland die größte Wirtschaft in Europa ist, auch weil Deutschland sehr verquickt ist, mit den Lieferungen aus Russland, aber die Bedrohung ist nicht einzigartig.

    Adam Tooze
    Quelle: ZDF/Peter Aumeier

    ... ist in England geboren, in Deutschland aufgewachsen. Der renommierte Wirtschaftshistoriker ist einer der bekanntesten Krisenerklärer in den USA und Europa. Er wagt einen Blick auf das "big picture" wie er es nennt, auf das große Ganze. Neben Büchern zu aktuellen Krisen veröffentlicht er in seinem Blog "Chartbook" regelmäßig Analysen. Tooze ist Professor an der Columbia University in New York.

    ZDFheute: Was wird sich am Wirtschaftsmodell Deutschland durch die Krise ändern?
    Tooze: Wenn wir längerfristig denken, muss man einfach eingestehen, dass diese Verlagerung weg von der verarbeitenden Industrie etwas historisch Notwendiges, etwas Unabwendbares ist.

    Es gehört nicht zur Natur der Dinge, dass Hunderttausende von Menschen in Deutschland ihr Brot durch Autobau verdienen. Man sollte auch daraus keinen Fetisch machen.

    Prof. Adam Tooze, Columbia University

    Und man sollte sich überlegen, wo das Handwerk vor allem in ganz neuen Bereichen gefragt ist, die mit der Energiewende ungeheuer eng gekoppelt sind.
    ZDFheute: Und was wird bleiben?
    Tooze: Was vermutlich bleiben wird, sind die Kompetenzen, die hochqualitativen Arbeitskräfte, die ausgebildeten Ingenieure, die gesellschaftliche Ordnung, all das ist krisenbeständig und erlaubt Deutschland, auch mit Krisen umzugehen. Es ist nicht umsonst, dass man noch 2020 so selbstzufrieden in die Zukunft schaute. Man hatte die Krise von 2008 und die Euro-Krise relativ gut überstanden. Es gab Grund zur Selbstzufriedenheit, und all das muss bleiben. Aber woran man sich nicht festhalten kann, sind festgefahrene Strukturen.
    ZDFheute: Ist der Wirtschaftskrieg mit Russland nur ein Vorspiel für das, was uns mit China noch drohen könnte?
    Tooze: Es gibt kein anderes Land mit dieser Kombination aus Bevölkerungsgröße und Entwicklungsstand wie China.

    Die einzige Möglichkeit für Deutschland, dieses Verhältnis in irgendeiner Weise auszugleichen, ist gerade nicht, als Deutschland gegenüber China aufzutreten, sondern als Teil der EU, als Teil des europäischen Verbandes.

    Prof. Adam Tooze, Columbia University

    Und das sollte das zentrale strategischen Problem für Berlin sein, die europäischen Kräfte zu sammeln. Denn Europa insgesamt ist selbst für China eine strategisch relevante Größe aufgrund der Größe des Marktes. China exportiert nach Europa in sehr großen Mengen. Das ist ein ganz wesentlicher Faktor im chinesischen Kalkül.
    ZDFheute: Wann hat die Krise ein Ende?
    Tooze: Leichter wird es nicht. Wir haben eine Tendenz zu glauben, weil die gegenwärtige Situation angespannt ist, dass sich das in irgendeiner Weise auflöst. Aber das ist nicht unsere Realität, sondern diese Spannung wird bleiben, das ist meine Grundthese. Also die Krise in Permanenz.
    Das Gespräch mit Adam Tooze führte Wirtschaftsredakteur Peter Aumeier aus dem Landesstudio Bayern an der Universität Zürich.
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