ZDFheute

"Wir werden keine Notstände erleben"

Sie sind hier:

Deutsche Wirtschaft und Corona - "Wir werden keine Notstände erleben"

Datum:

Knappheit ist trotz Corona-Krise nicht das Thema in den weltweiten Lieferketten, gibt BWL-Professorin Evi Hartmann Entwarnung. Probleme bereiten Klimaschutz und Menschenrechte.

Hamsterkäufe (Symbolbild)
Hamsterkäufe (Symbolbild)
Quelle: Tom Weller/dpa

makro: Sprechen wir zunächst über die Verbraucher. Ähnlich wie zu Beginn der Corona-Pandemie sind wieder Hamsterkäufe an der Tagesordnung. Sind die Sorgen, dass Lieferketten zusammenbrechen könnten, berechtigt?

Evi Hartmann: Was Klopapier, Küchenrolle und Hefe angeht - ganz offensichtlich. Aber "zusammenbrechen"? Davon kann keine Rede sein, wenn die Engpässe schon nach wenigen Tagen behoben sind. Wir werden auch in der zweiten Corona-Welle keine hygienischen oder anderweitigen Notstände erleben.

makro: Schauen wir auf die Unternehmen: Können sie aus der ersten Corona-Welle Lehren ziehen, um sich für die zweite Welle besser zu wappnen?

Hartmann: Natürlich. Beim zweiten Mal klappen Home-Office, Video-Konferenzen oder auch Kurzarbeits-Anträge besser als beim ersten Mal, wie auch die Umstellung bei Schichtplanung und Produktionssteuerung. Unternehmen können nicht nur aus der ersten Welle lernen – sie tun es längst. Die deutsche Wirtschaft lernt schnell und passt sich flexibel und agil an.

makro: Indem sie beispielsweise Produktionsstätten zurück nach Deutschland holt, wie insbesondere zu Beginn der Pandemie gefordert wurde?

Hartmann: Nein - weil keine deutsche Firma ihr asiatisches Werk, das sie für zwei Milliarden gebaut hat, im Rollkoffer zurück nach Deutschland bringen kann oder möchte. Dennoch: Bei einigen Produkten wie Masken, Medikamenten, Desinfektionsmitteln oder anderen findet tatsächlich bereits eine teilweise De-Globalisierung statt. Und: Firmen, die mit Single Sourcing, also mit einer einzigen Lieferquelle im Ausland auf die Nase gefallen sind, suchen bereits nationale und regionale Alternativen.

eine undatierte elektronenmikroskopische aufnahme des «u.s. national institute of health» zeigt das neuartige coronavirus

Nachrichten | Thema -
Alles zum Coronavirus
 

Wie gefährlich ist das Coronavirus? Was sind die Symptome, und wie wird das Virus übertragen? Wie lauten die Zahlen in Deutschland? Alles zum Coronavirus hier.

makro: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Hartmann: Da ist zum Beispiel der mittelständische Werkzeugbauer, der die Ersatzteil-Getriebe für seine Werkzeugmaschinen vor Corona zuverlässig von einem malaysischen Lieferanten bezogen hat. Dieser fiel in der Corona-Krise für Wochen aus. Einen gleichwertigen Ersatz hat der Mittelständler regional nicht gefunden, dafür einen französischen und zwei heimische Lieferanten, mit denen er nun geschickt jongliert. Und er hat bei Ersatzteilen von Just-in-Time auf eine Lagerhaltung mit moderatem Sicherheitsbestand umgestellt.

makro: Corona stürzt viele Unternehmen in eine Krise. Kann es sein, dass der Kostendruck zulasten der Nachhaltigkeit geht? Wird jetzt weniger auf Klimaschutz und Sozialstandards in den Lieferketten geachtet?

Hartmann: Die Folgen der Krise gehen zuerst zulasten von Firmen und Mitarbeitern: Wir werden Pleiten und Entlassungen erleben. Und viele Firmen unter Kostendruck sparen natürlich an der Nachhaltigkeit. Andere Unternehmen schaffen beides: Gut und nachhaltig aus der Krise zu kommen. Das darf übrigens nicht nur für Unternehmen gelten. Auch Konsumenten sollten künftig noch nachhaltiger einkaufen, Politiker noch nachhaltiger regieren - das geht auch mit weniger Haushaltsgeld.

Wir dürfen uns durch Corona nicht Nachhaltigkeit und Klima kaputtmachen lassen.

makro: Gibt es mit Blick auf die Globalisierung ein Weitermachen wie bisher?

Hartmann: Ja - und das muss auf bestimmten Gebieten nichts Schlechtes sein. Doch wir sollten auf anderen Gebieten die Krise auch als Neustart verstehen und nutzen. Zum Beispiel, um alte Zöpfe wie die soziale und ökologische Ausbeutung in vielen globalen Lieferketten abzuschneiden. Genau das beabsichtigt zum Beispiel das geplante Lieferkettengesetz. Es mag in Teilen noch nicht ausgegoren sein - doch es beendet explizit das "Weitermachen wie bisher".

Das Interview führten Eva Schmidt und Jessica Petz

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.