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Warum immer mehr Orte unter Overtourism leiden

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Ungebremste Reiselust - Warum immer mehr Orte unter Overtourism leiden

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Die Reisebranche boomt weltweit. Touristenmassen überschwemmen immer häufiger ganze Orte. makro sprach mit Prof. Christian Laesser über die Grenzen des Massentourismus.

Kreuzfahrtschiff vor Venedig
Ein beliebtes Ziel von Touristen: Venedig.
Quelle: Christian Laesser / IMP-HSG

makro: Schauen wir zunächst auf den Ski-Tourismus in den Alpen: einerseits teure, künstlich beschneite Pisten mit Blechlawinen in den Tälern. Andererseits wird viel Geld verdient. Hat dieser Massentourismus eine Zukunft?

Christian Laesser: Das Phänomen beobachten wir natürlich vornehmlich zu saisonalen Spitzenzeiten. Die lokale Bevölkerung, aber auch die Touristen selbst, sind zwar vom Massentourismus betroffen. Es handelt sich aber eben auch um eine zentrale Einnahmequelle in einer Region, in der wirtschaftliche Alternativen nicht sehr reich gesät sind.

Die Bergbahnen erfordern gigantische Investitionen und verursachen hohe Betriebskosten. Die Frage, ob dieser Massentourismus eine Zukunft habe, lässt sich wirklich in dem Sinne mit ja beantworten, dass man zu gewissen Zeiten Massen brauchen wird, um diese Infrastruktur auch in Zukunft finanzieren und betreiben zu können.

makro: Sie unterscheiden zwischen Massentourismus und Overtourism. Was macht Overtourism aus - und was macht ihn so problematisch?

Laesser: Von Overtourism spricht man, wenn die Massen einfach zu viel werden und Belastungen Grenzwerte überschreiten. Dabei liegt die Setzung dieser Grenzwerte durchaus im Auge des Betrachters: Stau durch zu viel Verkehr, Dichtestress, zu viel Gedränge. Overtourism ist ein schwer messbares Phänomen. Umgangssprachlich kann man sagen: Overtourism ist einfach zu viel.

Beim Massentourismus kann ich immer noch argumentieren, dass ich deutlich mehr Vorteile als Nachteile habe. Was Overtourism problematisch macht, ist, dass die Nachteile anfangen zu überwiegen.

makro: Wie kommt es zu diesem Overtourism?

Overtourism ist zunächst ein sehr lokales Phänomen. Man könnte fünf treibende Faktoren benennen. Erstens ein globales Mengenwachstum: Es gibt immer mehr Touristen, Stichwort Indien und China. Zweitens: Diejenigen, die jetzt schon reisen, zum Beispiel wir Europäer reisen mehr, weil, drittens, mit Lowcost-Airlines einer der zentralen Kostenpunkte stark gefallen ist.

Ein vierter Faktor wäre die Peer-to-Peer-Economy, also Airbnb und Co. Ökonomisch gesprochen eine Mengenausweitung bei Übernachtungsangeboten und damit ein Sinken des Preises. So machen sich heute Leute auf Reisen, die das vielleicht früher nicht getan hätten. Fünftens sind besonders Hafenstädte von Overtourism betroffen. Der Grund dafür ist die Kreuzfahrtindustrie.

makro: Gibt es eine Möglichkeit, dem Overtourism zu Leibe zu rücken? Palma de Mallorca beispielsweise verbietet Privatvermietungen an Touristen - eine Kampfansage an Airbnb -, damit Wohnungsmieten nicht weiter explodieren.

Laesser: Es gibt verschiedene Varianten der Regulation, vor allem das Setzen von Grenzwerten. Damit verbunden ist eine angebots- wie nachfrageseitige Mengenbeschränkung. Ich kann, so wie es Mallorca macht, die Angebote einschränken. Damit habe ich weniger Übernachtungsgelegenheiten und die Urlauber müssen mehr bezahlen. Was Venedig macht, ist, nur eine bestimmte Zahl von Touristen hereinzulassen. Oder aber ich steuere über den Preis. Das ist jedoch problematisch, da Reisen quasi ein demokratisches Grundrecht ist, und dann über den Geldbeutel viele Menschen ausgeschlossen würden.

makro: Besonders Flugreisen und Kreuzfahrten stehen in der Kritik. Wird die Sorge ums Klima die Reiselust bremsen?

Ein Kreuzfahrtschiff im Hafen Hamburg. Die Sonne scheint schwach von rechts auf die Flanke des Kreuzfahrtschiffes. Der Nebel liegt auf der Stadt Hamburg im Hintergrund des Schiffes.
Für viele der perfekte Ort für einen Urlaub: Kreuzfahrtschiffe.
Quelle: ap

Laesser: Das glaube ich nicht. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Billige Flüge und Kreuzfahrten sind relevante Treiber des Reisens. Die Sorge ums Klima wird das vorerst nicht bremsen. Was eher bremsen könnte, wäre eine wirklich spürbare CO2-Bepreisung, die eine Hauptkostenquelle des Flug- und Schiffsverkehrs verteuert.

makro: Wie wird eine zunehmend solvente chinesische Mittelschicht den weltweiten Tourismus verändern?

Laesser: Es ist nicht nur die chinesische Mittelschicht, sondern auch die indische. Man sieht es bereits an den Hauptrouten des Flugverkehrs, die sich vom Nordatlantik, also zwischen Nordamerika und Europa, Richtung Asien verlagern, sowie dem starken Zuwachs innerasiatischer Flüge. Das wird dem Tourismus sicherlich ein anderes Antlitz geben. Man sieht heute schon an internationalen Hotspots, dass sich die Zusammensetzung der Gäste langsam verändert.

Das Interview führte Carsten Meyer.

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