Niedrigwasser: Welche Lösungen die Trockenheit fordert
Interview
Niedrigwasser und die Folgen:Wie sich die Industrie für Dürrejahre wappnet
08.09.2022 | 15:52
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Niedrigwasser auf dem Rhein ist ökonomisch ein echtes Problem. Saskia Meuchelböck vom IfW Kiel hat das Thema untersucht und sagt im Interview, was auf die Wirtschaft zukommt.
Historische Dürre und Niedrigwasser am Rhein. Was bedeutet das für Deutschlands wichtigste Wasserstraße? "planet e." zeigt die Folgen für Umwelt, Wirtschaft und die Menschen.04.09.2022 | 28:43 min
ZDFheute: Niedrige Pegel bedeuten weniger Tiefgang, mehr Schiffe mit weniger Ladung, höhere Kosten - besonders bei diesen Treibstoffpreisen. Wann kommt der Punkt, an dem sich das alles nicht mehr lohnt?
Saskia Meuchelböck: Das liegt im Ermessen der Logistikunternehmen. Bei Niedrigwasser werden zum Ausgleich der höheren Kosten sogenannte Kleinwasserzuschläge erhoben. Bei einem Pegelstand von unter 40 Zentimetern in Kaub - ein Nadelöhr am Rhein, da der Fluss an dieser Stelle besonders flach ist - wird es für die meisten Binnenschiffe kritisch.
Quelle: privat
... ist seit 2018 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Kiel Institut für Weltwirtschaft. Sie ist in der Konjunkturabteilung für die deutsche Außenhandelsprognose zuständig und forscht zu den Themen internationaler Handel, Lieferketten und Effekte der Globalisierung. Meuchelböck ist Mitautorin eines Working Papers zu den Auswirkungen von Niedrigwasser im Rhein auf die deutsche Wirtschaft.
ZDFheute: Der Rhein ist die wichtigste Wassertransportstraße Deutschlands. Was bedeutet das Niedrigwasser für die Industrie?
Meuchelböck: Unsere Analysen zu den Folgen des Niedrigwassers auf dem Rhein zeigen, dass die Industrieproduktion in Deutschland in einem Monat mit 30 Tagen Niedrigwasser um etwa ein Prozent zurückgeht. Zwar werden in Deutschland nur rund fünf Prozent der beförderten Güter per Binnenschiff transportiert.
Es handelt sich jedoch größtenteils um Roh- und Grundstoffe wie Kohle, Metallprodukte oder chemische Erzeugnisse. Diese Güter werden häufig in der Produktion als Vorleistungsgüter benötigt. Kommen die Güter nicht mehr bei den Unternehmen an, kann es zu Behinderungen in nachgelagerten Produktionsstufen kommen.
So kann ein Schock in einem kleinen Wirtschaftszweig wie der Binnenschifffahrt beträchtliche Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.
Saskia Meuchelböck
ZDFheute: Was machen einzelne Firmen? Wie gehen sie mit der aktuellen Lage um? Hoffen auf Regen ist ja keine Strategie.
Meuchelböck: Bereits im Jahr 2018 waren die Pegelstände am Rhein für lange Zeit außergewöhnlich niedrig. Einzelne Unternehmen haben darauf bereits reagiert, um für künftige Niedrigwasserereignisse gewappnet zu sein und zum Beispiel in Schiffe mit niedrigerem Tiefgang investiert. Diese können auch bei niedrigen Pegelständen noch Güter transportieren. Teilweise weichen Unternehmen auch auf andere Transportmittel, zum Beispiel auf Güterzüge, aus. Die Kapazitäten sind allerdings begrenzt und der Umstieg kurzfristig oft kaum möglich.
Wehrmachtsmunition, Kriegsschiffe und Geisterdörfer: Hitze und Niedrigwasser fördern in Europas Flüssen und Seen viele Ruinen zutage. Das dürfte neue "Normalität" werden.
ZDFheute: Wir hatten jetzt vier Dürre-Jahre in kurzer Folge. Niedrigwasser wird häufiger werden. Schauen wir mal 10, 20 Jahre in die Zukunft. Welche Veränderungen und Anpassungsprozesse kommen auf die deutsche Wirtschaft zu?
Meuchelböck: Investitionen in die Infrastruktur am Rhein und anderen Flüssen können helfen, künftigen Niedrigwasserperioden zu begegnen. Dazu zählt die Anschaffung von Schiffen mit niedrigerem Tiefgang oder der Ausbau von Ladestellen, die das Ausweichen auf Güterzüge erleichtern.
Der Bundesverkehrswegeplan 2030 sieht vor, an bestimmten Stellen des Rheins die Fahrrinnen zu vertiefen. Darüber hinaus können Prognosen zu Wasserständen helfen, die Planbarkeit zu erhöhen. Unternehmen können dann frühzeitig auf drohendes Niedrigwasser reagieren und zum Beispiel ihre Lagerhaltung erhöhen.