ZDFheute

Vier Angeklagte, viele Fragen

Sie sind hier:

Prozess zum "Sommermärchen" - Vier Angeklagte, viele Fragen

Datum:

Bis 27. April hat die Schweizer Justiz Zeit, im "Sommermärchen"-Skandal das Urteil zu fällen, sonst droht Verjährung. Nun beginnt der Prozess - vor fast leerer Anklagebank.

V.l.n.r.: Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Horst R. Schmidt am 18.11.2005 im Frankfurter Waldstadion
Da war das "Sommermärchen" wirklich noch ein Traum und keine Affäre: Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger, Franz Beckenbauer und Horst R. Schmidt am 18.11.2005 im Frankfurter Waldstadion ( v.l.n.r.)
Quelle: pa/dpa-bildfunk

Es war einmal das Jahr 2006: Da erlebte Deutschland eine Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Und weil es - trotz des dritten Platzes - so schön war, bekam diese Zeit im Nachhinein den schönen Namen "Sommermärchen".

14 Jahre später ist nur noch die Rede vom "Sommermärchen"-Skandal. Im Bundesstrafgericht im schweizerischen Bellinzona soll heute der Prozess beginnen. Doch die, die die Affäre wirklich aufklären könnten, werden nicht befragt. Sie sind gesundheitlich angeschlagen oder bereits verstorben. Was nun bleibt, ist die Verhandlung gegen ein Quartett von Ex-Spitzenfunktionären - Kennern zufolge nicht gerade die erste Reihe, die da auf der Anklagebank Platz nehmen soll.

Anklage lautet auf Betrug und Gehilfenschaft

Es geht um die Ex-Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Wolfgang Niersbach und Theo Zwanziger, sowie Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt und Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi. Die Anklagevorwürfe lauten auf Betrug beziehungsweise Gehilfenschaft dazu. Es drohen Freiheitsstrafen bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe, die Gehilfenschaft kann milder bestraft werden. Die Angeklagten wiederum haben die Vorwürfe immer bestritten. 

Eigentlich geht es nur um zwei Überweisungen von 6,7 Millionen Euro:

  • Überweisung eins: Dieser Geldbetrag wird am 27. April 2005 vom DFB auf ein Konto der Fifa in Zürich überwiesen.
  • Überweisung zwei: Die Fifa zahlt das Geld am gleichen Tag auf ein Genfer Konto ein.

Was sind die genauen Umstände der Zahlungen?

Offizieller Grund der Überweisung vom DFB an die Fifa ist eine geplante, aber nie durchgeführte Eröffnungsgala für die WM 2006. Das sehen die Schweizer Ankläger allerdings anders. Aus deren Sicht soll der DFB auf diesem Weg ein dubioses Darlehen von zehn Millionen Schweizer Franken - damals umgerechnet 6,7 Millionen Euro - zurückbezahlt haben. Das hatte der einstige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus dem damaligen WM-Organisationskomitee (OK)-Präsidenten Franz Beckenbauer gewährt.

Politik | Frontal 21 -
Fußball unter Anklage
 

Schiebereien beim Sommermärchen

von Michael Haselrieder und Tim Röhn
Videolänge:
10 min

Beckenbauer wiederum soll mit diesem 2002 geflossenen Geld den einflussreichen Fifa-Funktionär Mohamed bin Hammam aus Katar dazu bewogen haben, für Deutschland als Ausrichter der WM 2006 zu stimmen. Die Wahl ist damals denkbar knapp gewesen. Von 24 stimmberechtigten Exekutivmitgliedern der Fifa wurde im entscheidenden dritten Wahlgang für Deutschland mit 12:11 Stimmen und einer Enthaltung gestimmt.

Die Schweizer Justiz im übrigen ermittelt und klagt nur deshalb an, weil die Zahlung von 6,7 Millionen Euro über die Fifa in Zürich gelaufen ist.

Das Verfahren leidet unter mehreren Mängeln:

  • Der eigentliche Hauptbeschuldigte aus Sicht der Ankläger ist Franz Beckenbauer, der frühere Chef des Organisationskomitees (OK), der vieles eingefädelt haben soll. Er hatte die Kontakte zu Dreyfus. Dreyfus kann nicht mehr befragt werden, er ist 2009 verstorben. Beckenbauer seinerseits ist gesundheitlich angeschlagen, eine Teilnahme am Prozess nicht möglich. Deshalb trennten die Ankläger Beckenbauers Verfahren ab und führen es separat weiter. Doch es erscheint eher wahrscheinlich, dass es am Ende eingestellt wird. Wegen Verjährung.
  • Ein weiteres Problem besteht im Zeitdruck, unter dem das Schweizer Bundesstrafgericht steht. Die Überweisung ist am 27. April 2005 erfolgt. Sollte genau 15 Jahre später - also bis zum 27. April 2020 - kein erstinstanzliches Urteil vorliegen, tritt nach Schweizer Recht Verjährung ein. Alle bis dahin erfolgten Ermittlungen wären dann umsonst gewesen. 

Fifa-Funktionär bin Hammam nie befragt

Ein weiterer Mangel: Der eigentliche Profiteur der Zahlung, Fifa-Funktionär bin Hammam, wurde nie von den Ermittlern befragt, wofür er denn die Zahlung gebraucht hatte. Ein Schweizer Rechtshilfeersuchen wird nie beantwortet, die Ermittler fassen auch nicht weiter nach.     

Einer, der möglicherweise auch die Schatten hätte aufhellen können, ist der langjährige Fifa-Präsident Joseph S. Blatter. Blatter kenne sowohl Louis-Dreyfus wie auch Beckenbauer, ist mit Fifa-Abläufen und WM-Vergaben bestens vertraut. Doch auch er rückt nie weiter in den engeren Fokus des Interesses der Ermittler.

Verfahren unter großem Zeitdruck - und ohne Angeklagte

Fazit: Am Ende bleibt ein Strafverfahren gegen vier Angeklagte aus der zweiten Reihe, das unter großem Zeitdruck steht. Die Angeklagten müssen nicht um jeden Preis kommen.

Theo Zwanziger kommt schon mal nicht. Niersbach und Schmidt reisen angeblich nicht persönlich in die Tessiner Kantonshauptstadt und führen gesundheitliche Gründe für ihr Fernbleiben an. Das Tessin grenzt an die italienische Lombardei. Und in der Region ist bekanntlich das neuartige Corona-Virus weit verbreitet, italienische Schulen geschlossen.

In der Schweiz kann ein Verfahren auch in Abwesenheit der Angeklagten durchgeführt werden, was in Deutschland nicht möglich wäre. Bedingung: Nach der Feststellung, dass Angeklagte nicht erschienen sind, muss ein neuer Termin - wahrscheinlich Mittwoch - angesetzt werden; erst dann kann das Verfahren in Abwesenheit starten.

Die Schweizer Bundes-Anwaltschaft erhebt Anklage gegen vier ehemalige DFB-Funktionäre um die Fußball-WM 2006, darunter die beiden Ex-DFB-Chefs Theo Zwanziger und Wolfgang Niersbach. Der Vorwurf: arglistige Täuschung.

Beitragslänge:
1 min
Datum:

Vorerst hat das Bundesstrafgericht zwölf Termine bis zum 27. März anberaumt, danach vier Reservetermine bis zum 9. April. Das setzt aber voraus, dass nicht noch während des Prozesses neue Anträge der Verteidiger gestellt werden, denen das Gericht womöglich nachgehen könnte. Dann würde es mit einem Urteil in erster Instanz bis zum 27. April wirklich eng.

Es war einmal ein Sommermärchen-Skandal - und wenn die Richter nicht bis zum 27 April zu einem Urteil kommen, dann sind die Angeklagten frei. Kommt Zeit, kommt Verjährung.    

Christoph Schneider ist Mitglied der ZDF-Redaktion Recht & Justiz.                                                        

Gemerkt auf Mein ZDF! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Zur Merkliste hinzugefügt! Merken beendet Embed-Code kopieren HTML-Code zum Einbetten des Videos in der Zwischenablage gespeichert.
Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen des ZDF.

Um zu verstehen, wie unsere Webseite genutzt wird und um dir ein interessenbezogenes Angebot präsentieren zu können, nutzen wir Cookies und andere Techniken. Hier kannst du mehr erfahren und hier widersprechen.

Um Sendungen mit einer Altersbeschränkung zu jeder Tageszeit anzuschauen, kannst du jetzt eine Altersprüfung durchführen. Dafür benötigst du dein Ausweisdokument.

Du wechselst in den Kinderbereich und bewegst dich mit deinem Kinderprofil weiter.