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Normalverdiener zahlen oft Spitzensteuersatz

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Forderung nach Steuerentlastung - Normalverdiener zahlen oft Spitzensteuersatz

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Viele Arbeitnehmer, die keine Spitzengehälter verdienen, zahlen den Spitzensteuersatz von 42 Prozent. Deswegen wird die Forderung laut, die Mittelschicht steuerlich zu entlasten.

Geldmünzen und Bundesadler
3,5 Millionen Menschen zahlen in Deutschland den Spitzensteuersatz - Tendenz steigend.
Quelle: picture alliance/chromorange

Wer meint, der Spitzensteuersatz sei nur ein Thema für Superreiche, irrt. Denn oft trifft es Menschen, die keineswegs Spitzengehälter beziehen, sondern zur - oberen - Mittelschicht zählen. Von den rund 3,5 Millionen Deutschen, die den Spitzensteuersatz von 42 Prozent - zumindest teilweise - auf das zu versteuernde Einkommen bezahlen müssen, verdient die Hälfte zwischen 5.000 und 7.000 Euro im Monat.

Das geht aus einer Anfrage der Linken-Fraktion an die Bundesregierung hervor. Demnach zahlen 1,7 Millionen Menschen mit solchen Gehältern den Spitzensatz. Deswegen formiert sich in dieser Frage eine ungewöhnliche politische Allianz: Linke und FDP kritisieren diese Tendenz einhellig.

Immer mehr Arbeitnehmer zahlen den Spitzensatz

Dass es sich um eine Tendenz handelt, die mehr und mehr Arbeitnehmer betrifft, macht ein Blick in die Vergangenheit deutlich: Traf der Spitzensatz 1965 noch die wenigen Menschen, die das 15-Fache des Durchschnittslohns verdienten, kann der Spitzensatz heute bereits Arbeitnehmer treffen, die "nur" das 1,5-Fache des Durchschnitts verdienen.

Und bei dieser Tendenz dürfte es bleiben. Denn die Zahlen, auf die sich die Antwort aus Berlin bezieht, stammen aus dem Jahr 2015. Verlässliche aktuellere Zahlen gibt es nicht, weil Bürger ihre Steuererklärungen noch zeitlich verzögert abgeben können. Für 2018 schätzt die Regierung, dass schon rund vier Millionen Menschen den Spitzensteuersatz bezahlen.

Linke: "Eine Ungerechtigkeit"

"Unser Steuersystem ist in vielfacher Hinsicht ungerecht", sagte der Vorsitzende der Fraktion Die Linke, Dietmar Bartsch, gegenüber heute.de. "Eine Ungerechtigkeit ist, dass viele Arbeitnehmer schon mit mittlerem Gehalt zu Spitzenverdienern erklärt werden".

Dass rund 1,7 Millionen Menschen mit mittleren Einkommen im Bereich des Spitzensteuersatzes liegen, sei unfair und schade dem Ansehen des Steuersystems insgesamt. Bartsch fordert, höhere Einkommen stärker zu belasten und dafür die Mittelschicht bis 7.000 Euro zu entlasten.

FDP: "Mittelschicht entlasten"

Auch die FDP stört die Belastung der Mittelschicht durch den Spitzensteuersatz. FDP-Chef Christian Lindner sagte, dass Menschen, die unter 7.100 Euro brutto verdienen, entlastet werden sollten. Allerdings hält Lindner nichts von der Idee, dafür im Gegenzug höhere Einkommen stärker zu belasten.

Weltspitze in Sachen hohe Steuern

Munition lieferte den Kritikern der jetzigen Steuerregeln jedenfalls eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) im vergangenen Jahr. Demnach zieht im internationalen Vergleich nur der belgische Staat seinen Bürgern mehr von ihrem Brutto ab als Berlin.

Deutschland steht also an der Weltspitze, was Steuern und Abgaben für "normale" Berufstätige angeht. Dass immer mehr Menschen hierzulande den Spitzensteuersatz bezahlen müssen, liegt allerdings und erfreulicherweise in erster Linie an der Tatsache, dass Löhne und Gehälter gestiegen sind. Deswegen stehen immer mehr Steuerpflichtige besser da und rutschen in die Spitzensteuerzone.

"Gewinner sind die Superreichen"

Insgesamt ergibt sich nach Einschätzung des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung das Bild, dass mehr und mehr Steuerbelastung durch einen Großteil der Gesellschaft getragen wird, andererseits wirkliche Spitzenverdiener davon profitiert haben. "Gewinner sind vor allem die Superreichen, denn die wurden am stärksten entlastet", sagte der Steuerexperte des DIW, Stefan Bach.

Stärker belastet wurden dagegen Einkommen im mittleren und unterem Bereich. Hauptverlierer dieser Entwicklung seien arme Menschen mit nur geringen Arbeitseinkommen. Denn sie werden vor allem durch höhere indirekte Steuern mit voller Wucht getroffen - wie etwa die einkommensunabhängige Mehrwertsteuer.

Steuerzahlerbund will Spitzensteuer-Grenze ab 90.000 Euro

Auch die Experten beim Bund der Steuerzahler kritisieren diese Entwicklung bereits seit längerem. Durchschnittsverdiener kämen zu schnell und zu häufig an die Grenze, an der der allgemeine Spitzensteuersatz von 42 Prozent fällig wird. "Das sind keine Rieseneinkommen, über die wir hier reden. Facharbeiter oder Menschen mit soliden Einkommen aus der Mittelschicht sollten nicht vom Spitzensatz betroffen sein", sagte der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Reiner Holznagel, gegenüber heute.de.

Vor allem angesichts des Fachkräftemangels müsse man dieser Entwicklung einen Riegel vorschieben. Der Bund der Steuerzahler fordert eine Anhebung der Grenze, ab der der Spitzensteuersatz fällig wird, auf rund 90.000 Euro. Derzeit liegt die Schwelle bei rund 57.000 Euro.

Anmerkung der Redaktion: Der erste Absatz wurde am 20. Januar um 22.15 Uhr inhaltlich präzisiert und um das Wort "teilweise" ergänzt, weil der Spitzensteuersatz von 42 Prozent erst auf Einkommen überhalb der Grenze von aktuell rund 57.000 Euro zu versteuerndem Einkommen fällig wird. Wer also beispielsweise 5.000 bis 7.000 Euro monatlich verdient, zahlt nur auf einen Anteil davon den Spitzensteuersatz.

Wofür 2020 Steuergelder ausgegeben werden:

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