Energie aus dem All - Lösung für die Energiewende?

    Kampf gegen Klimakatastrophe:Esa will Solarenergie aus dem All beamen

    von Julian Schmidt-Farrent
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    Die europäische Raumfahrtagentur Esa möchte Solaranlagen im Weltraum bauen. Per Beam soll die Energie zur Erde fließen. Doch wie realistisch ist das Konzept - und wie gefährlich?

    Die Europäische Weltraumagentur plant den Einstieg in die weltraumgestützte Gewinnung von Solarenergie, um so die Klimaziele der EU zu erreichen. Kosten und Risiken sind dabei aber hoch.12.12.2022 | 2:36 min
    Das Video könnte fast eine Szene aus "Star Wars" zeigen. Riesige Satelliten schweben durch das All - und schießen. Ein neongrüner Strahl prallt auf die Erde, Städte leuchten unten am Boden auf. Keine Sorge, das ist keine Simulation eines Alien-Angriffs. Mit dem Clip demonstriert die europäische Weltraumorganisation Esa ihre Waffe im Kampf gegen die Klimakatastrophe: Solarenergie aus dem Weltraum.
    Die Esa möchte die Stromerzeugung ins All verlagern - Energie direkt von der Quelle, sozusagen. Ein kilometerlanger Teppich aus Satelliten soll das Sonnenlicht im Orbit sammeln. Grüne Energie rund um die Uhr, ganz ohne Nachtflaute. Schon 2040 könnte ein solches Kraftwerk durchs All schweben.
    "Dann könnte es einen wichtigen Beitrag für die CO2-Neutralität des Energiesystems haben", hofft Leopold Summerer. Er verantwortet das Projekt "Solaris" bei der Esa. Summerer und seine Kolleg*innen meinen: Eine einzige Anlage produziert künftig so viel Strom wie ein ganzes Atomkraftwerk.

    Beam statt Weltraumkabel

    Die Idee ist alt, doch neue Technologien machen das Vorhaben realistischer. "Noch bevor die ersten Raketen gestartet sind, war das Konzept schon da", erzählt Summerer. Lange seien fossile Energien günstiger gewesen, Solarsatelliten und ihr Transport über große Raketen galt als zu kostspielig. Doch inzwischen hat die Privatwirtschaft den New Space für sich entdeckt - mit Folgen für die Esa.
    Milliardäre wie Elon Musk oder Richard Branson liefern sich fast schon einen Wettlauf ums All. Satelliten und Raketen werden zur Massenware, die Preise für außerirdische Projekte fallen. Und die Esa-Forscher*innen kramen verstaubte Ideen wieder hervor. Doch selbst wenn die Solarkraftwerke künftig im All schweben sollten - wie kommt die Energie zu uns runter?
    Per Beam. Die Anlagen sollen den Strom über Mikrowellen auf die Erde senden. "Power Beam" nennt Airbus seine Version der Technologie. Bei einer Vorführung im September hat das Unternehmen Strom drahtlos über 30 Metern geschickt. In Zukunft soll der Beam über eine Distanz von 36.000 Kilometern strahlen.

    Kohlebau-Anlagen umnutzen

    "Das Schöne ist: Die Mikrowellen sind vergleichsweise sicher", erklärt Projektleiter Jean-Dominique Coste. Die Energie im Beam sei verdünnt, ein Vogel oder ein Flugzeug könne problemlos hindurch fliegen.
    Unten auf der Erde sollen unzählige Antennen den Energiestrahl auffangen - auf einer riesigen Fläche. Allein für eine einzige Solaranlage sei ein Areal über 70 Quadratkilometer nötig, schätzt die Esa. So groß wie fast 10.000 Fußballfelder.
    Ausgerechnet die Kohleindustrie könnte die Platzprobleme lösen. Die Esa-Forscher*innen überlegen, Antennen in den Tagebau-Gruben aufzustellen. Sogar Landwirtschaft könne man auf den Flächen betreiben, erklärt Esa-Experte Summerer. Denkbar seien auch schwimmende Antennen im Meer, direkt neben Windkraftanlagen. So nutze man die existierende Infrastruktur, um den Strom zu den Verbraucher*innen zu schicken.

    Europa will Entscheidung treffen

    Pionierarbeit leistet die Esa allerdings nicht - überall auf der Welt tüfteln Forscher*innen bereits an eigenen Konzepten zum Weltraumstrom. China möchte noch in diesem Jahrzehnt eine Anlage im All testen.
    Milliarden fließen in die Forschung, doch vielleicht zahlt es sich aus: Allein in Europa könnten die Anlagen künftig 800 Terawatt Strom erzeugen, hat das Unternehmen Frazer Nash für die Esa berechnet. Das entspricht in etwa einem Drittel der europäischen Stromerzeugung aus dem Jahr 2020.
    Und doch: Noch zögert Europa. Technisch machbar sei es allemal, meint Esa-Experte Summerer. 2025 könnten die Mitgliedstaaten der europäischen Weltraumorganisation entscheiden, ob sie die Umsetzung versuchen wollen - und wir unsere Handys künftig mit Strom aus dem Weltraum laden.

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